Bild-Chef Julian Reichelt

Sex, Lügen und ein achtkantiger Rauswurf

Von Axel Weidemann, Michael Hanfeld
18.10.2021
, 19:48
Julian Reichelt am 30. Januar 2020 auf einer Messe in Düsseldorf
Erst bringt die New York Times eine Riesenstory über Springer. Vorher stoppt der Verleger Ippen eine Recherche über den Bild-Chef Reichelt. Der ist seinen Job plötzlich los. Er hat wohl den Vorstand belogen. Die Chaostage sind perfekt.
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Bis Montagabend sah es so aus, als könne dem Bild-Chefredakteur nichts und niemand etwas anhaben. Doch dann kam das Aus für Julian Reichelt. Und zwar achtkantig: Er sei mit sofortiger Wirkung von seinen Aufgaben entbunden worden, teilte der Springer-Verlag mit. An Reichelts Stelle als Vorsitzender der Bild-Chefredaktion rückt Johannes Boie, bislang Chefredakteur der Zeitung Welt am Sonntag.

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„Als Folge von Presserecherchen hatte das Unternehmen in den letzten Tagen neue Erkenntnisse über das aktuelle Verhalten von Julian Reichelt gewonnen“, so Springer. Man sei Informationen nachgegangen. Dabei habe „der Vorstand erfahren, dass Julian Reichelt auch nach Abschluss des Compliance-Verfahrens im Frühjahr 2021 Privates und Berufliches nicht klar getrennt und dem Vorstand darüber die Unwahrheit gesagt hat.“

Reichelt, sagte der Springer-Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner, habe „Bild journalistisch hervorragend entwickelt und mit Bild Live die Marke zukunftsfähig gemacht. Wir hätten den mit der Redaktion und dem Verlag eingeschlagenen Weg der kulturellen Erneuerung bei Bild gemeinsam mit Julian Reichelt gerne fortgesetzt. Dies ist nun nicht mehr möglich.“

Neue Anhaltspunkte für Fehlverhalten

„Im Kontext jüngster Medienrecherchen“ seien dem Verlag „seit einigen Tagen neue Anhaltspunkte für aktuelles Fehlverhalten von Julian Reichelt zur Kenntnis gelangt“. Der Vorstand habe „erfahren, dass Julian Reichelt auch aktuell noch Privates und Berufliches nicht klar trennt und dem Vorstand darüber die Unwahrheit gesagt hat. Deshalb hält der Vorstand jetzt eine Beendigung der Tätigkeit für unvermeidbar.“ Zugleich habe man rechtliche Schritte gegen Dritte eingeleitet, „die versucht haben, die Compliance-Untersuchung vom Frühjahr mit rechtswidrigen Mitteln zu beeinflussen und zu instrumentalisieren, offenbar mit dem Ziel, Julian Reichelt aus dem Amt zu entfernen und Bild sowie Axel Springer zu schädigen“.

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Dabei gehe es „insbesondere um die verbotene Verwendung und Nutzung vertraulicher Protokolle aus der Befragung von Zeugen sowie die Offenlegung von Geschäftsgeheimnissen und privater Kommunikation“.

Mit der New York Times fing es an

Bis zum späten Montagnachmittag hatte der Vorlauf ganz anders ausgesehen. Die New York Times (NYT) hatte am Sonntag einen umfassenden Bericht über Springer und die Machtmissbrauchsvorwürfe gegen Reichelt veröffentlicht. Dabei berichtete die Zeitung quasi nebenbei von der umfassenden Recherche eines deutschen Investigativreporterteams, die durch einen deutschen Verleger zwei Tage vor ihrer Veröffentlichung am Sonntag auf Eis gelegt worden sei.

So war es denn auch: Der Verleger Dirk Ippen hatte eine umfassende Recherche des verlagseigenen Investigativ-Teams zu den Akten gelegt, ohne inhaltliche Begründung.

Der Verleger Dirk Ippen.
Der Verleger Dirk Ippen. Bild: dpa

Wovor hatte Ippen Angst?

Der Hintergrund: Im März hatte die Anwaltskanzlei Freshfields, beauftragt von Springer selbst, wegen möglicher „Compliance-Verstöße“ gegen Julian Reichelt ermittelt. Es ging um den Vorwurf, Reichelt habe private Beziehungen nicht von der beruflichen Sphäre sauber getrennt. Die Folge: zwölf Tage erzwungene Abwesenheit, Wiedereingliederung, eine Entschuldigung. Springer stellte, wie nun abermals betont wird, fest, man habe keine Beweise für sexuelle Übergriffe gefunden.

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Es habe gegen Julian Reichelt nie den Vorwurf sexueller Belästigung oder sexueller Übergriffe gegeben. Doch habe es „den Vorwurf einvernehmlicher Liebesbeziehungen zu Bild-Mitarbeiterinnen und Hinweise auf Machtmissbrauch in diesem Zusammenhang“ gegeben. Bewiesen und eingeräumt worden sei „eine frühere Beziehung zu einer Mitarbeiterin von Bild“. Umstritten geblieben sei, „ob dieser Mitarbeiterin dadurch berufliche Vorteile gewährt wurden“.

Das war der Stand in Frühjahr, der sich nun offenkundig dramatisch verändert hat. Anders ist nicht zu erklären, dass Springer Reichelt, auf den gerade Döpfner große Stücke hält, vor die Tür setzt.

Döpfner kann tanzen

Der Bericht der New York Times indes ist ein Stück voller Details, die bis zu Mathias Döpfners „beeindruckenden“ Tanzfähigkeiten reichen. Zugleich ist in der Times von Krieg und von „Bunkermentalität“ die Rede, aber auch – in einem Zitat aus einer privaten Nachricht von Mathias Döpfner an den Autor und einstigen Freund Benjamin von Stuckrad-Barre – vom letzten mutigen Rebellen gegen „den neuen autoritären DDR-Staat“. Der Rebell ist Reichelt.

Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer SE
Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer SE Bild: dpa

Auf die Frage, warum ausgerechnet die New York Times so prominent über Springer und den Bild-Chef berichtet, gibt es mindestens zwei Antworten. Eine ist, dass der Springer-Konzern, von dem seit 2019 40 Prozent der Anteile in den Besitz der amerikanischen Beteiligungsgesellschaft KKR übergingen, sich als ernst zu nehmender Konkurrent auf dem amerikanischen Markt etablieren will. Das zeichnete sich schon 2015 ab, als Springer für 306 Millionen Euro 88 Prozent des Portals Business Insider übernahm und im vergangenen August das Portal „Politico“ für mehr als 630 Millionen Euro kaufte.

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Eine andere Antwort, die sich im Umgang mit der Berichterstattung über den Fall Reichelt widerspiegelt, ist: In Deutschland tun sich die Medien mitunter schwer, über Bild-Interna zu berichten. Das liegt an der regen Rechtsabteilung von Springer, doch gibt es offenbar auch eine generelle Angst, sich mit dem Berliner Medienhaus anzulegen. Selbst der Spiegel musste in der besagten Reportage nach einem Rechtsstreit anfügen, dass Reichelt eidesstattlich versicherte, von der Kommunikationsabteilung des Axel-Springer-Verlages nicht über Fragen des Spiegels informiert worden zu sein.

Eine Intervention anderen Kalibers gab es nun im Ippen-Verlag. Hier wollten Journalisten des hauseigenen Investigativteams am Sonntag eine Recherche zum Fall Reichelt veröffentlichen. Diese habe der Verleger Dirk Ippen gekippt. Begründet habe man die Weisung so: Es sollte der Anschein vermieden werden, man wolle eine journalistische Veröffentlichung mit dem ökonomischen Interesse verknüpfen, einem Konkurrenten eins auszuwischen. Ein paar Stunden später wirkt diese Einlassung nur noch komisch.

Protestbrief an „Herrn Dr. Ippen“

Noch am Freitag hatten die Redakteure einen Protestbrief an „Herrn Dr. Ippen“ und die Geschäftsführung geschrieben. Man habe mündlich und per Mail erfahren, dass die Berichterstattung zum Machtmissbrauch bei der Bild-Zeitung „untersagt“ werde. Zitiert wird eine interne E-Mail des Chefredakteurs der Ippen-Zentralredaktion, Markus Knall. Darin heißt es: „Dr. Ippen“ habe sich in einer Gesellschafterversammlung, auf der das Thema erklärt werden sollte, nach „intensiver und harter Diskussion“ als „Mehrheitsgesellschafter und Namensträger klar gegen eine Veröffentlichung ausgesprochen“. „Wir sind schockiert von dieser Entscheidung“, schreiben die Redakteure von Ippen Investigativ. Die Recherche sei exklusiv und „wasserdicht“ gewesen und ihre Veröffentlichung nicht nur auf den digitalen Plattformen des Netzwerks am Sonntag, sondern auch auf einer Doppelseite in der Frankfurter Rundschau am Montag geplant gewesen. Die Absage der Geschichte widerspreche „allen Regeln der unabhängigen Berichterstattung“. Sie sei eine „absolute Verletzung des Grundsatzes der Trennung von Redaktion und Verlag. Denn weder seien in der Begründung der Entscheidung redaktionelle noch juristische Argumente angeführt worden. Dabei bestehe an den Recherchen über möglichen Machtmissbrauch im Hause Springer „ein hohes öffentliches Interesse“.

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Von der Ippen-Gruppe kam auf Anfrage der F.A.Z. ein Frage-und-Antwort-Katalog. Zu Beginn das Argument, man wolle den Eindruck vermeiden, „wir wollten einem Wettbewerber wirtschaftlich schaden“. Das Thema sei „vom Tisch“. Gründe, die über den genannten „Eindruck“ hinausweisen, werden nicht angeführt. Stattdessen berief man sich auf das Recht des Verlegers, „Richtlinien für seine Medien vorzugeben“. Eine Beeinflussung durch „Springer-Führungskräfte“ habe es nicht gegeben. „Der Austausch mit Springer beschränkte sich auf den in diesen Fällen üblichen Schriftwechsel der jeweiligen Anwälte.“

Dem Evangelischen Pressedienst hatte Springer gesagt, es habe seitens des Medienhauses keinen Versuch gegeben, Veröffentlichungen im Kontext mit der Compliance-Untersuchung zu verhindern. Davon unbenommen seien „rechtliche Hinweise, die der Wahrung berechtigter Interessen des Unternehmens und seiner Mitarbeiter dienen.“ Kritische Berichterstattung solle „eine Grenze finden, wo es um die geschützte Privat- und Vertraulichkeitssphäre von Mitarbeitern“ sowie „von Zeugen geht, denen im Rahmen des im Frühjahr abgeschlossenen Compliance-Verfahrens strikte Anonymität zugesichert wurde“.

Bei Ippen will man auf die „großartige Arbeit“ des Investigativteams indes nicht verzichten. Hätte man nur mal deren große Geschichte gebracht.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Weidemann, Axel
Axel Weidemann
Redakteur im Feuilleton.
Michael Hanfeld  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Hanfeld
verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.
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