Gaming-Night bei der JU

Wahlkampfspiele

EIN KOMMENTAR Von Axel Weidemann
22.07.2021
, 20:46
Für jeden Schabernack zu haben: CDU-Politiker Philipp Amthor.
Der JU-Chef Tilman Kuban und der CDU-Politiker Philipp Amthor bitten zum Videospielabend. Sie wollen auch über Politik reden, ohne Politsprech. Chronologie eines Himmelfahrtskommandos.

Wahlkampf im 21. Jahrhundert. Drei Männer sitzen vor Bildschirmen mit aufmontierten Ringlichtern, spielen Videospiele, quietschen vor Vergnügen oder brüllen „Scheiße“. Übertragen wird das auf der Streaming-Plattform TwitchTV, auf der man Menschen live bei dem Versuch beobachten kann, gleichzeitig zu spielen und darüber zu reden. Auf dem Kanal „Junge Union Gaming“ haben der Vorsitzende der JU, Tilman Kuban, und der CDU-Politiker Philip Amthor am Mittwochabend zur „Multiplayer-Night“ eingeladen. Doch sie wollen sich nicht nur beim Spielen mit der „Gaming-Szene“ messen, „sondern ungeschönt und ohne Politsprech“ mit der „Community“ über Politik reden. Das ist so, als wolle man in einem Flugsimulator ein Gewitter durchfliegen und dabei mit einer Schulklasse in der siebten Stunde über die Probleme des deutschen Rentensystems diskutieren – auf Finnisch.

Und wen will man erreichen? Werden sich potentielle Wähler einst an diesen Abend erinnern? Sollen Unentschlossene mit entschlossener Themensetzung überzeugt werden? Immerhin: Es wird nach dem Vorbild vieler Let’s-Play-Charity-Livestreams nebenbei für die Opfer der Hochwasserkatastrophe gesammelt. Punkt 19 Uhr passiert aber erstmal wenig auf dem Kanal „Junge Union Gaming“. Mit Verspätung setzt eine Übertragung samt Countdown ein, die Startzeit wird auf 19.30 Uhr geändert. Im Chat sind Sympathisanten, Gegner und Querschläger schon aktiv: „Heil Amthor“, Frosch-Emojis, Szenesprech und die Frage, ob Rezo eingeladen sei. Die Atmosphäre, etwa wie im Jahr 1987, wenn Kindergärtnerin Gabi wieder zu viel Zaubertee ausgeschenkt hatte. Kurz vor halb sieben, Amthor allein im Studio: „Tilman ist auf der Zielgeraden“. Zuschauer: etwa 4000. Wer dem Chat zu lange zusieht, den suchen bald Bilder von brennenden Computern heim. 19.37 Uhr: „Starting Soon“. Chatnachricht: „Stream startet pünktlich zum Kohleausstieg.“

Fast wie Bundestagswahlkampf

Dann füllt sich der Bildschirm mit dem, was man in der Politik so Leben nennt: Amthor wirkt im Poloshirt fast verwahrlost – so will man es auch kommuniziert wissen: Er trägt ja sonst stets Sonntagsanzug. Wissen wir. Der Influencer Vince moderiert und soll immer wieder Fragen einstreuen. Das wird der Sendung und den Jung-Politikern noch Probleme bereiten. Erstmal wird gespielt. Und zwar „Fall Guys“: Bunte, gesichtslose Männchen hüpfen, hechten und plumpsen durch Hindernisparcours und wer zu verlieren droht, versucht wenigstens die anderen Spieler zu Fall zu bringen. Fast wie Bundestagswahlkampf. Lockere Frage nach Amthors Zielen. Antwort, grob: innere Sicherheit, goldene Bürgersteige für Mecklenburg-Vorpommern und „vernünftige Politik“, „nicht nur für Großstädter“. Chatnachricht: „Ich wähle lieber RTL.“

Weitere Themen: Lockdown-Frisuren, Massentierhaltung, Baerbock, Cannabislegalisierung („wird bald kommen“), Avocado-Girls, Bürgerdialog über Instagram oder „Klapphaus“, dann Memes, in denen Amthor oder Kuban vorkommen. Amthor: „Also wer dieses Meme gemacht hat, bekommt von mir ein Ehrenlob.“ (Vermutlich er selbst). Um schwere Themen will Amthor „keinen Bogen“ machen. Zum Foto mit dem Mann, der auf seinem T-Shirt Freiheit für die inhaftierte Holocaust-Leugnerin Ursula Haverbeck fordert, sagt er, er habe „nicht richtig aufs T-Shirt“ geguckt. Kritisch wird es, als Vince Kuban nach dem Finanzierungsmodell der Bahn fragt. Kuban will antworten, da „muss der Stream neu gestartet“ werden. Flucht in Kalauer: „Das Modem ist überhitzt.“ Chat: „Erstmal Datenvolumen nachbuchen.“ Drei Minuten Testbild. Danach Mikrofonausfall, Kanalfehler, Chaos: „Nein, nein, nein.“ Kuban murmelt: „Neuland“. Die Bahn-Frage – vergessen. Am Ende stocken Amthor und Kuban die gesammelten 1805 Euro auf runde 2000 auf. Wahlkampf im 21. Jahrhundert.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Weidemann, Axel
Axel Weidemann
Redakteur im Feuilleton.
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