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Junot Díaz tritt zurück

Das Opfer als Täter?

Von Paul Ingendaay
 - 11:55

„Das Schweigen“, so war der Essay des dominikanisch-amerikanischen Schriftstellers Junot Díaz im „New Yorker“ vom 16. April überschrieben, und Schweigen ist sein Thema: wie ein Junge von acht Jahren wiederholt vergewaltigt wurde, von einem Menschen aus dem nahen Umfeld, und nie davon gesprochen hat. Wie der Junge lernte, eine Maske aufzusetzen und dahinter alles zu verbergen, was er vom frühen Missbrauch in ein verkorkstes Erwachsenenleben hineintrug. Die Scham. Die Schuld. Das Nichtverstehen.

Junot Díaz, 49 Jahre alt, ist heute Literaturprofessor am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Als Kind dominikanischer Einwanderer war er in die Vereinigten Staaten gekommen. Der Vater hatte eine Freundin, zu Hause fehlte das Geld, die Zukunft sah düster aus. Die Rettung kam durch die Rutgers-Universität, die dem konfusen Jungen Halt und Ziel gab. Hier verwandelte sich der begabte Student in einen anderen. Seit dem Gewinn des Pulitzerpreises 2008 für den Roman „Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao“ gilt Díaz als Star unter den schreibenden hispanics – der schwarze Immigrant, der es zu etwas gebracht hat. Von den Brüchen in seiner Persönlichkeit sprechen seine Bücher unentwegt, Kindesmissbrauch inklusive, doch nur hinter der Maske der Fiktion. Diesmal, im „New Yorker“, offenbarte Díaz sich. Sein Leben sei eine Kette von Tiefpunkten: Depressionen, Selbstmordversuch, Beziehungsunfähigkeit, Impotenz, Therapien. Und viele, viele Freundinnen, von denen die letzte offenbar eingeweiht ist in das Innenleben dieses missbrauchten, von Angst und Selbstzweifeln besessenen Machos.

Musterbeispiel akademischer Zerknirschung

Wovon Díaz in seiner Confessio aber dann doch nicht schreiben konnte, wurde vergangene Woche bei einem Literaturfestival in Sidney offenbar. Da warf die Autorin Zinzi Clemmons dem geladenen Gast vor, er habe sie – damals eine sechsundzwanzigjährige Studentin, die den berühmten Autor zu einem Workshop eingeladen hatte – bedrängt und gegen ihren Willen geküsst. Warum er davon in seinem Essay nichts gesagt habe? Die Moderatorin ging darüber hinweg. Clemmons verließ den Saal, doch auf Twitter wiederholte sie den Vorwurf. „Ich bin bei weitem nicht die Einzige, der er das angetan hat. Ich weigere mich zu schweigen.“ Darauf traten zwei weitere Frauen vor, erzählten von Frauenfeindlichkeit und der aggressiven Sprache des Schriftstellers. Díaz habe 2014 einen „verbal sexual assault“ auf sie verübt, schrieb die Schriftstellerin Monica Byrne, einen „sprachlichen Sexualangriff“.

Junot Díaz zog es vor, seine weiteren Termine in Sidney ausfallen zu lassen. Der „New York Times“ sagte er, für seine Vergangenheit übernehme er die Verantwortung. Deswegen habe er von seiner Vergewaltigung als Kind und ihren Folgen erzählt. „Dieses Gespräch ist wichtig und muss weitergehen“, so Díaz. „In dieser grundlegenden, längst fälligen kulturellen Bewegung höre ich den Geschichten der Frauen zu und lerne von ihnen.“ Dieses Musterbeispiel akademischer Zerknirschung, dem bezeichnenderweise jede persönliche Entschuldigung fehlt, gipfelt in dem Satz: „Wir (!) müssen allen Männern etwas über Einverständnis (consent) und Grenzen (boundaries) beibringen.“ Der Rest war das Übliche: Junot Díaz sagte weitere öffentliche Auftritte ab (oder wurde ausgeladen). Die sozialen Medien kochten über. Manche forderten, dem Autor den Pulitzerpreis abzuerkennen. Dieser gab inzwischen seinen Vorsitz beim Pulitzer-Preis-Verband ab. Die Organisation hatte nach eigenen Angaben eine Untersuchung eingeleitet. Diaz habe diesen Vorgang unterstützt, er sei aus eigenen Stücken von seinem Posten zurückgetreten. Dem Vorstandsgremium werde er aber weiter angehören, hieß es in einer Mitteilung.

Gibt es, über die Aufregung und die hier oder da aufscheinende Profilierungssucht hinaus, etwas daraus zu lernen? Abermals: das Übliche. Wer einmal mit Teer übergossen wurde, bekommt auch noch einen Tritt in den Hintern und wird aus dem Dorf gejagt. Aber die Frage könnte auch sein, ob die soziale Ächtung wirklich dem mutmaßlichen Vergehen entspricht. Junot Díaz ist, bis auf weiteres, nicht Harvey Weinstein, auch wenn beide Männer sind, welche die Entscheidungsfreiheit von Frauen missachtet und aus dem Schutz ihrer (recht unterschiedlichen) Machtposition heraus gehandelt haben. Wir werden nicht anders können, als die Grenzen von Vergewaltigung, Nötigung, Belästigung, Beleidigung und so fort immer wieder neu zu vermessen.

Frauenhelden sind die eigentlichen Verlierer

Der kulturelle Hintergrund der Beteiligten sollte dabei eine Rolle spielen, auch wenn schwer einsehbar sein mag, warum daraus mildernde Umstände erwachsen sollten. Dennoch: Junot Díaz war im Leben erst Opfer, dann Täter. Haben wir nicht mal gelernt, darin einen Zusammenhang zu sehen? Und Díaz als Menschen zu kritisieren heißt nicht, sein Werk voller Witz, Ruppigkeit und einfallsreichem Slang auf den Müll zu werfen. Gerade für den Schmutz ist er, nicht nur in der F.A.Z., hoch gelobt worden. Liest man seine Bücher genau, dann sind seine aufgeblasenen Frauenhelden die eigentlichen Verlierer.

Eine wichtige Unterscheidung wäre noch zu beachten. Sexuelle Belästigung werde sehr ernst genommen, so das MIT, Díaz’ Arbeitgeber. Aber genauso ernst nehme man die Rechte der Ankläger wie des Angeklagten. Bedeutet: Das Urteil steht noch aus.

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Quelle: F.A.Z., Aktualisierung mit Material von dpa
Paul Ingendaay
Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.
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