Kanzlernacht auf Bild-TV

Interviews als sportlicher Wettkampf

Von Frank Lübberding
23.08.2021
, 06:41
Scholz und Laschet bei „Bild live“
In den vergangenen Jahren haben wir die betulichen Plaudereien mit der Bundeskanzlerin für Interviews gehalten. Das geht auch anders, wie bei der Kanzlernacht auf Bild-TV deutlich wird.
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Man muss offenbar kein Wahlforscher sein, um die spezifischen Bedingungen dieses ungewöhnlichen Bundestagswahlkampfes zu skizzieren. Das gelang einer Berliner Gastronomin auf bestechende Art und Weise. Die Wahlentscheidung, so Susanne Baró Fernández, könne „eine Entscheidung werden, was man auf keinen Fall will.“ Dabei verwies sie auf die letzten Wahlumfragen, die eine solche taktische Stimmabgabe bestimmen werden. Zudem hätten wir Kanzlerkandidaten, die „deutlich davon abweichen, was wir in den Parteien selbst sehen. Das haben wir so noch nie erlebt.“

Davon können die drei betroffenen Parteien ein Lied singen, wenn auch mit unterschiedlicher Tonlage. Die Unionsparteien kämpfen mit einem unpopulären Kanzlerkandidaten, Olaf Scholz mit seiner unpopulären Partei und die Grünen mit Annalena Baerbock. Insofern sind die Ausgangsbedingungen dieses Abends auf dem neuen Fernsehsender der Bild-Zeitung hinreichend beschrieben.

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Mehr Diversität in der Medienlandschaft

Zum Sendestart gab es eine „Kanzlernacht“ im Abendprogramm. Im Mittelpunkt standen zwei Interviews von jeweils neunzig Minuten mit Armin Laschet und Olaf Scholz. Schon diese Länge ist außergewöhnlich, wenn man das mit den sonstigen Formaten im deutschen Fernsehen vergleicht. In denen von ARD und ZDF sind solche Interviews mit Spitzenpolitikern selten länger als zwanzig Minuten, wenn nicht gerade Anne Will eine Sendung mit der Bundeskanzlerin macht. Das wurde flankiert von einer Zuschauerrunde, unter anderem mit der zitierten Frau Baró Fernández. Zum Abschluss gab es noch eine Journalistenrunde, aus unerfindlichen Gründen gleich mit drei Mitarbeitern der Bild-Zeitung. Wahrscheinlich sollte mit der Moderatorin Nina Schink eine Frau dabei sein, während sich gleichzeitig der Chefredakteur Julian Reichelt und Claus Strunz als Chef von Bild live für unabkömmlich hielten. So kamen wir Zuschauer auf 270 Minuten Sendezeit, was selbst für professionelle Fernsehkritiker eine Herausforderung ist. Es wäre interessant zu wissen, wie sich die Sehbeteiligung im Verlauf dieses Abends entwickelt hat.

Natürlich wäre die Bild-Zeitung ohne ihre knackigen Boulevardelemente nicht die Bild-Zeitung. So ist es zu bezweifeln, ob die in den Interviews angesprochenen Themen wirklich „die Menschen“ bewegen, so die Selbstauskunft, oder nicht doch eher die Redaktion. Bei den Talkshows im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ist das aber auch zu beobachten: Sie kannten im Jahr 2019 nur das Thema Klimawandel, was die Redaktionen eben mehr interessierte als die Menschen im Lande. Thematisch setzte die Bild-Zeitung andere Akzente. Sie beschrieb den Patriotismus als eine positive Eigenschaft, wonach man bei ARD und ZDF wahrscheinlich sehr lange in den Archiven suchen muss. Als Hinweis könnte ein Wahlplakat aus dem Jahr 1972 dienen: „Deutsche wir können stolz sein auf unser Land“, so war dort zu lesen. Das war kein Slogan der alten oder neuen Rechten, sondern es folgte die Aufforderung, Willy Brandt zu wählen. Interessanterweise unterschieden sich die beiden Kanzlerkandidaten nicht bezüglich ihres Verhältnisses zu staatlichen Symbolen. Laschet nähme niemandem mehr die Deutschlandfahne auf einer CDU-Siegesfeier am Wahlabend ab, wie es Angela Merkel noch im Jahr 2013 praktizierte. Scholz berichtete von seiner „Gänsehaut“ beim Abspielen der Nationalhymne. Wobei etwa in den Vereinigten Staaten auch die Demokraten den Patriotismus und dessen Symbolik für eine Selbstverständlichkeit halten. Bei uns dagegen ist diese andere Akzentuierung eher als ein Beitrag für mehr Diversität in der Medienlandschaft zu verstehen.

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Die Themen wurden von der Tagesaktualität bestimmt. Im Mittelpunkt stand das westliche Desaster in Afghanistan, mit deutlichem Abstand gefolgt von der Pandemie. Zudem ging es in weiten Teilen um den bisherigen Wahlkampf, der für die CDU nicht schlechter hätte laufen können. Laschet musste sich von Paul Ronzheimer alles anhören, was in der öffentlichen Meinung über ihn gesagt wird. Er solle zurücktreten, sei „ein Kreisligaspieler in der Champions League.“ Sein Lachen über einen Witz während einer Pressekonferenz in den Flutgebieten wurde genauso angesprochen wie sein parteifreundschaftliches Verhältnis zu Markus Söder. So muss Laschet seit Wochen gegen sein schlechtes Image ankämpfen, selbst harmlose Wahlkampfauftritte werden zum Problem. So servierte uns die Redaktion süffisant Laschets verunglückte Begegnung mit dem Hund eines Parteifreundes. Früher wäre das als amüsante Anekdote wahrgenommen worden. Heute dominiert das die Berichterstattung, keineswegs nur auf dem Boulevard. Gerade die Logik sozialer Netzwerke lebt von den gleichen Mechanismen der Zuspitzung und der propagandistischen Instrumentalisierung. Kurioserweise ist die Bild-Zeitung im Vergleich dazu ein journalistischer Musterknabe, wenigstens im Vergleich zu den politischen Kampfzeiten der 1970er Jahre.

Sachzwang als politische Verantwortung

Wobei sie weiterhin eine klare Meinung hat, etwa zur Linkspartei. Ob Scholz eine Koalition mit der Linken eingehen werde, so traktierte ihn Kai Weise. Scholz müsse doch diese einfache Frage mit „Ja“ oder „Nein“ beantworten können. Das hätte er zwar tun können, es wäre aber dem berühmten Schuss ins eigene Knie gleichgekommen. Diesen Gefallen tat Scholz der Bild-Redaktion natürlich nicht. Vielmehr machte der Sozialdemokrat eine Koalition von Bedingungen abhängig, deren Erfüllung bei den Linken schwere innerparteiliche Konflikte auslösen sollte. Für Hans-Ulrich Jörges war das schlicht rational: Scholz sei auch auf Stimmen aus dem linken Lager angewiesen, die er mit einer klaren Absage an eine solche Koalition zu verlieren drohe. Gleichzeitig wunderte sich der frühere Stern-Kolumnist über den Wiederaufstieg der SPD in den Umfragen. Tatsächlich hatte deren Wahlkampfstrategie von Anfang an auf eine fundamentale Erkenntnis beruht: Der Amtsverzicht von Angela Merkel bedeutet einen Regierungswechsel, in welcher Konstellation auch immer. Der Amtsbonus ist weg, damit müssen sich die Wähler neu orientieren. Scholz wurde als ihr natürlicher Nachfolger inszeniert, die Partei soll dahinter verschwinden.

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Söder hatte übrigens den gleichen Ansatz, allerdings mit der ihm eigenen Kraftmeierei. Laschet dagegen war zwar immer loyal gegenüber der Kanzlerin, aber ihm wurde deren wichtigste Eigenschaft zum Verhängnis. Für sie wurde das Lavieren nie zur ernsthaften Bedrohung. So wenig wie die Positionswechsel, wo sie heute das Gegenteil von dem vertritt, was sie gestern noch für richtig hielt. Bei der Bundeskanzlerin galt als politische Klugheit, was man Laschet heute vorwirft. In dieser Sendung zeigte sich die Bedeutung solcher Images: Es kam nämlich niemand auf die Idee, die Bundeskanzlerin könnte in den vergangenen zwanzig Jahren in politischen Spitzenpositionen irgendwas mit Afghanistan zu tun gehabt haben. Sie hätte sich auch niemals so frühzeitig zu der Frage eines weiteren Lockdown positioniert. Laschet schloss ihn rigoros aus. Die Bundeskanzlerin hätte dagegen aus einer politischen Entscheidung einen Sachzwang gemacht, dem sie halt folgen müsste. Dann ist nicht sie für die Folgen verantwortlich, sondern die Umstände. Es wunderten sich alle, dass niemand mehr wüsste, was politische Verantwortung sei. Die Antwort findet man in einer Kanzlerschaft, wo deren Abwesenheit sogar als hohe politische Kunst galt.

Herunterleiern programmatischer Allgemeinplätze

Deshalb sind wir solche Interviews auch nicht mehr gewohnt. Die mit Angela Merkel waren betuliche Plaudereien, die nur ein Ziel hatten: Der Bundeskanzlerin Gelegenheit zu geben, ihre Botschaften zu formulieren. Dagegen setzten Ronzheimer und Weise ihre Gäste unter Druck, es erinnerte an einen sportlichen Wettkampf. Die Themen waren nur das Mittel, um die Schlagfertigkeit und intellektuellen Fähigkeiten der beiden Kandidaten zu testen. Das war für die Zuschauer informativer als das Herunterleiern programmatischer Allgemeinplätze, die den Nährwert von pappigem Weißbrot haben. Insofern war es komisch, wenn anschließend die fehlenden Inhalte bei Scholz und Laschet kritisiert wurden. Dabei hatte die frühere Boxweltmeisterin Regina Helmich das gut beobachtet: Sie wurden danach gar nicht gefragt. Und wer vor einer Wahl bei Angela Merkel nach Ideen über die Zukunft des Landes suchte, musste nach der Wahl eines feststellen: Es kam immer anders als gedacht.

So bietet dieses Format Potential, auch im Vergleich zu den Formaten anderer Sender. Allerdings muss niemand immer wieder betonen, die härtesten Fragen zu stellen. Entweder man stellt sie oder lässt es halt. Bisweilen wurde das Insistieren auch impertinent, wenn die beiden Interviewer nicht rechtzeitig den Absprung schafften. Beide Kanzlerkandidaten bewiesen gleichzeitig, wie man in solchen Interviews bestehen kann. Sie bieten somit Möglichkeiten zur eigenen Profilierung. Eines sollten die neuen Fernsehmacher aber doch berücksichtigen: Eine Zeitungsausgabe mit 270 Seiten ist nicht das, was der Leser am Kiosk von einer Boulevardzeitung erwartet.

Quelle: FAZ.NET
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