Der Kardinal und die „Bild“

Woelki-Skandal

EIN KOMMENTAR Von Patrick Bahners
20.05.2022
, 11:06
Kardinal Rainer Maria Woelki auf dem Weg zu einer Aschermittwochs-Veranstaltung
Sagen wir unentschieden? Der Erzbischof von Köln siegt vor Gericht einmal gegen „Bild“ und unterliegt einmal. Betrachtet man das Ganze, erweist sich Kardinal Woelkis juristische Strategie der Bekämpfung des Missbrauchsskandals als gescheitert.
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„Kardinal Woelki obsiegt vor Gericht“, verkündet die Pressestelle des Erzbistums Köln. Das ist nur die halbe Wahrheit, denn die 28. Zivilkammer des Landgerichts Köln hat gleich zwei Urteile in Sachen Rainer Maria Woelki gegen „Bild“ ge­sprochen. In dem einen Fall hat Woelki gewonnen, im anderen ist er unterlegen. Die Zeitung darf nicht mehr behaupten, der Erzbischof habe einen „Missbrauchspriester“ und „Sexualstraftäter“ befördert, weil der inzwischen abgelöste stellvertretende Stadtdechant keinen Kindesmissbrauch gestanden habe, sondern den Kontakt zu einem jugendlichen Prostituierten. Als zulässig bewertet die Kammer dagegen die in der Überschrift eines anderen Artikels angestellte Spekulation, dass wegen des „Woelki-Skandals“ alle deutschen Bischöfe zurücktreten könnten.

Zwei weitere Verkündungstermine mit denselben Parteien hat die Kammer für den 8. und den 22. Juni angesetzt. Das Erzbistum hat bereits die Einlegung der Berufung beim Oberlandesgericht gegen das Urteil zum „Woelki-Skandal“ angekündigt; der Kardinal wird anwaltlich von der Kanzlei von Ralf Höcker vertreten. Die Halbierung der Wahrheit in der Schlagzeile der Pressestelle ist für sich genommen nicht skandalträchtig; das Erzbistum agiert wie jedes andere Unternehmen, das seinen Ruf retten will. Im Text der Pressemitteilung wird auch das ungünstige Urteil er­wähnt, unter Weglassung der für die Urteilsbildung der Öffentlichkeit er­heblichen Erwägungen des Gerichts.

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Der Missbrauchsskandal ist unstreitig

„Woelki-Skandal“ nimmt es als Kurz­fassung des im Artikeltext verwendeten Begriffs „Missbrauchs- und Vertuschungsskandal“, für die es einen hinreichenden Anknüpfungspunkt gebe: die Maßregelung Woelkis durch den Papst. Die begriffliche Bestimmung des Skandalösen stuft die Kammer als unanstößig ein; „Bild“ formulierte in­soweit ohne boulevardtypische Übertreibungen. Es sei unstreitig, so die Kammer wörtlich, dass es in der Kirche einen Missbrauchsskandal gebe. Auch sei dieser vertuscht worden. Dies stehe aufgrund der unstreitigen Tatsache fest, dass ein Gutachten dazu nicht veröffentlicht worden sei. Es war Woelki, der anordnete, das Gutachten einer Münchner Kanzlei nicht zu veröffentlichen. Das wird ihm vom Landgericht jetzt als Vertuschung zugerechnet.

Bei dieser Tatsachenwürdigung fällt unter den Richtertisch, dass Woelki juristischen Bedenken Rechnung trug, die andere Anwälte mit Blick auf das Persönlichkeitsrecht von Amtsträgern des Erzbistums erhoben hatten. Nach Woelkis unwiderlegter Einlassung wollte er mit einem zweiten, wasserdichten Gutachten einer Blockade der Aufklärung vorbeugen. Diese in der öffentlichen Meinung gescheiterte juristische Strategie findet nun noch nicht einmal im Rechtssystem selbst Resonanz. Als weltfremd stellt sich die Hoffnung des Kardinals und seiner Berater da, den Skandal durch juristische Engführung unter Kontrolle bringen zu können. Gerade die Sachlichkeit der Rechtssprache schafft dem Verdacht Raum, dass der Rechtsweg anderen Interessen diene.

Die Pressestelle zitiert Woelki mit zwei Sätzen der Genugtuung über seinen halben Sieg. „Durch diese Falschberichterstattung fühlte ich mich in meinen Persönlichkeitsrechten, die auch einem Kardinal zustehen, so sehr verletzt, dass ich einfach dagegen vorgehen musste.“ Es ist immer heikel, wenn eine Amtsperson auf Persönlichkeitsschutz klagt und auch noch behauptet, keine Wahl gehabt zu haben. Woelki sagt nicht, dass er als Erzbischof von Köln die Berichterstattung nicht habe stehenlassen können. Er nimmt die Sache so persönlich, dass er die Rede vom Woelki-Skandal ins Recht setzt.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Bahners, Patrick
Patrick Bahners
Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.
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