Klitschko kontert Deepfake

„Ich brauche nie einen Übersetzer“

Von Michael Hanfeld
25.06.2022
, 16:39
Deep Fake: Der vermeintliche Vitali Klitschko und Franziska Giffey im Videogespräch
Video
Franziska Giffey ist auf einen Betrüger hereingefallen, der sich als Vitali Klitschko ausgab. Es handelte sich wohl um einen „Deepfake“, sagt die Senatskanzlei. Warum erkannte ihn niemand?
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Der echte Vitali Klitschko hat auf den „Deepfake“, auf den die Regierende Bürgermeisterin von Berlin, Franziska Giffey, ihr Madrider Amtskollege, José Luis Martinez-Almeida, und der Wiener Bürgermeister Michael Ludwig hereingefallen sind, schnell reagiert. Mit einem Video, zu sehen bei der „Bild“. „Liebe Freunde“, sagt er da: „Ich bin Vitali Klitschko, Bürgermeister der schönen Stadt Kwiw.“ Es gebe da jemanden, der sich bei anderen Bürgermeistern gemeldet, Klitschkos Namen benutzt und „absurde Dinge von sich gegeben“ habe. Das bezeuge „kriminelle Energie“. Es müsse „dringend ermittelt werden, wer dahinter steckt“. Offizielle Gespräche mit ihm gebe es übrigens nur über offizielle Kanäle und für diejenigen, die Deutsch oder Englisch mit ihm sprechen wollten: „Ich brauche nie einen Übersetzer, schönen Tag noch.“

Wie kam das Gespräch zustande?

Damit umreißt Vitali Klitschko binnen einer Minute das Problem und deutet an, wie man hätte verhindern können, dass Franziska Giffey minutenlang mit jemandem spricht, den sie für Vitali Klitschko hält. Von der Optik her mag das Schaltgespräch überzeugend gewesen sein, fragwürdig ist aber nicht nur dessen Inhalt, sondern auch, auf welchem Weg es zustande kam und warum der gefälschte Vitali Klitschko mit Giffey auf Russisch sprechen wollte.

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Dass der Bürgermeister von Kiew, ehemalige Boxweltmeister und promovierte Sportwissenschaftler des Deutschen mächtig ist, könnte dem einen oder anderen schon aufgefallen sein. Doch dafür, dass das Fake-Gespräch auf Russisch laufen sollte, sei ihr eine Erklärung angeboten worden, schreibt Franziska Giffey auf Twitter: „Zu Beginn des Gesprächs wurde gefragt, ob es auf Russisch + übersetzt stattfinden kann, da auch andere nicht deutschsprachige Mitarbeiterinnen dabei seien, die das Besprochene verstehen sollen.“

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© Egor Zakharov

Mitarbeiterinnen von Vitali Klitschko verstehen nur die russische Sprache? Das hätte Franziska Giffey und ihrem Team durchaus spanisch vorkommen können. Kam es aber nicht beziehungsweise erst, als die Fragen des gefakten Klitschko zu absurd wurden – als sich die Fake-Person danach erkundigte, ob es denn kein Problem sei, dass sich Ukrainer in Deutschland Sozialleistungen erschlichen, ob man ukrainische Männer nicht bitte in die Heimat zum Kämpfen schicken könne und wie ein Christopher Street Day in Kiew auszurichten sei.

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Sein Anrufer, sagte der Wiener Bürgermeister Michael Ludwig, habe auf Englisch gesprochen. Die E-Mailadressen, über welche die Vorbereitung lief, hätten echt gewirkt. Im Laufe des Gesprächs sei der angebliche Klitschko, wie die Deutsche Presse-Agentur berichtet, „fordernder aufgetreten“. Das Gespräch ging zu Ende, Zweifel an der Echtheit gab es nicht. „Nachdem in dem Gespräch keine verfänglichen Themen behandelt worden sind, ist das im konkreten Anlassfall sicher ärgerlich, aber kein großes Problem“, sagte der SPÖ-Politiker Ludwig im österreichischen Rundfunk ORF.

Was soll der Staatsschutz ermitteln?

Kein großes Problem? In Berlin, wo man davon ausgeht, einer digitalen Fälschung aufgesessen zu sein – „Allem Anschein nach haben wir es mit Deepfake zu tun“, sagte die Senatssprecherin Lisa Frerichs –, ermittelt nun der Staatsschutz der Kriminalpolizei.

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Und was soll die Polizei ermitteln? Dass Russisch die Sprache der Wahl der Fälscher war, gibt vielleicht einen ersten Hinweis. Zugespitzte Hinweise auf ihre Sorglosigkeit erhält Franziska Giffey im Netz nun zuhauf, angefangen bei dem ironischen Umstand, dass ausgerechnet sie, deren Doktorgrad wegen Plagiaten in ihre Dissertation aberkannt wurde, auf eine „Fälschung“ hereinfällt bis hin zu der pointierten Einschätzung, das laufe dann wohl unter dem Stichwort „Gute-Fälschung-Konferenz“.

Witzig ist die Angelegenheit allerdings nicht. Sie zeigt vielmehr, wie weit die Technik der sogenannten „Deepfakes“ inzwischen fortgeschritten ist. Sie ermöglicht es, Video- und Audio-Sequenzen täuschend echt zu gestalten. Es erscheinen Personen in Bild (Face Swapping, Face Reenactment) und mit Stimme (Voice Swapping) in Situationen, in denen sie nicht sind, sie sagen Texte auf, die nicht ihre sind, sie führen Handlungen aus, die gefälscht sind (Body Puppetry). Es können sogar Personen ins Bild gesetzt werden, die es gar nicht gibt. Dafür sorgt ein Algorithmus, der mit einem künstlichen neuronalen Netz und einem Grafikprozessor die Fälschung kreiert, gestützt auf Datenmaterial der betreffenden Person – Bilder, Videos, Tonaufnahmen. Je mehr Material vorhanden ist, desto perfekter kann die Fälschung ausfallen.

Aufgetaucht ist der Begriff „Deepfake“ zum ersten Mal im Jahr 2017, seither hat sich die Technik rasant entwickelt. Zeugnisse davon finden sich im Netz zuhauf in pornographischen Clips und Videos, in welche zum Beispiel die Gesichter prominenter Schauspielerinnen geschnitten sind. Ein „mrdeepfakes“ hat es dazu zu einer gewissen Meisterschaft gebracht. Inzwischen gibt es Programme, die versprechen, man könne das Gesicht einer und eines jeden einsetzen. Das öffnet sogenannten „Rachepornos“ Tür und Tor.

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© Egor Zakharov

Welche Gefahr die digitale Manipulation darstellt, haben die Künstler Bill Posters und Daniel Howe schon vor Jahren mit einer Installation namens „Spectre“ gezeigt. In der legten sie Kim Kardashian, Donald Trump und Mark Zuckerberg in täuschen echt wirkenden Videos falsche Worte in den Mund. Der gefälschte Mark Zuckerberg sagte zum Beispiel: „Stellt euch vor, ein Mann mit totaler Kontrolle über die gestohlenen Daten von Milliarden – ihre Geheimnisse, ihre Leben, ihre Zukunft. Wer diese Daten kontrolliert, der kontrolliert die Zukunft.“ So zu denken, mag man Zuckerberg zutrauen, gesagt hat er es nicht.

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© CNET

Inzwischen genügt für einen Deepfake angeblich ein einziges Bild. Das zumindest behauptete im Mai 2019 das Samsung AI Center in – ausgerechnet – Moskau. Man habe in Zusammenarbeit mit dem Skolkovo Institute of Science and Technology eine Künstliche Intelligenz entwickelt, die mit der Vorlage eines einzigen Fotos eines Menschen ein ganzes, täuschend echtes Video erstellen könne. Die Demonstrationsvideos der Forscher wirken überzeugend. Sie beweisen die Fähigkeiten der KI unter anderem dadurch, dass sie berühmte Kunstwerke in Bewegung bringen. Am Ende eines Videos beginnt die Mona Lisa zu sprechen.

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Die „bösen Jungs“ haben die Technologie

„Stellen Sie sich vor, jemand erstellt ein Deepfake-Video von Ihnen, indem er einfach Ihr Facebook-Profilbild stiehlt“, hieß es damals auf dem amerikanischen Fachportal cnet. Wie das geht, habe Samsung herausgefunden.

„Die bösen Jungs haben diese Technologie noch nicht in der Hand“, hieß es damals bei cnet. Diese Annahme darf als überholt gelten. Es gab inzwischen ein (schlechtes) Deepfake-Video mit der Sprecherin des amerikanischen Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi. Im März dieses Jahres erschien auf einer gehackten ukrainischen Nachrichtenseite ein gefälschtes Video, in dem der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskij die Armee seines Landes zur Kapitulation aufrief. Facebook erkannte die Fälschung und löschte das Video.

Auf den Labors der Digitalkonzerne und bei Computerwissenschaftlern liegt auch die Hoffnung, Deepfakes, für die unter anderem Entwicklungen von Google verwendet werden, zu enttarnen. Zwischen den Deepfakern und der neuen Disziplin „Deep Forensics“ ist ein Wettrüsten im Gange. Dabei setzen Fälscher und Ermittler dieselben Methoden ein: Künstliche Intelligenz, Deep Learning für das Nachahmen beziehungsweise den Nachweis, dass es sich um digitale Fälschung handelt.

Zu den Indizien, auf die man achten sollte, zählt, dass Deepfakes „zu selten blinzeln“. In seinem Antwortvideo blinzelt der echte Vitali Klitschko ziemlich oft.

Quelle: FAZ.NET
Michael Hanfeld  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Hanfeld
verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.
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