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Kochshow „The Taste“

Die Fernsehköche sollten den Löffel beiseite legen

Von Jürgen Dollase
 - 10:31
Die Juroren bewerten Löffelgerichte. Denkt wirklich jemand, auf diese Weise fände man den „besten Koch Deutschlands“?zur Bildergalerie

Der Sender Sat.1 hat eine neue Kochshow im Programm, die sich einer Sache widmet, die im Fernsehen schwierig zu vermitteln ist: dem Geschmack. Bilder, Musik oder kognitive Inhalte sind kein Problem. Aber wir können nun einmal nicht riechen und schmecken, was da so vor unseren Augen abläuft. Das soll „The Taste“ ändern. „Es geht ausschließlich um den Geschmack, das gab es noch nie“, heißt es zu Beginn. Schon wenig später merkt man: Dies ist ein Kernpunkt der Sendung, vor allem aber deren Kernproblem.

„The Taste“ stammt aus den Vereinigten Staaten, wo die Sendung im Januar bei ABC Premiere hatte. Es läuft schon eine Fassung in China, Großbritannien folgt nächstes Jahr. Bei Sat.1 wird in sechs Folgen der „beste Koch Deutschlands“ gesucht, aus ursprünglich zehntausend Bewerbern, deren Spektrum von der Hausfrau über den Hobbykoch bis zu diversen Profis reicht. Und weil Letztere eher nicht zu den Spitzenkräften gehören, wird es wohl nur der beste Koch vom Rest werden.

Das Verfahren ist eine kulinarische Casting-Show. Die Kandidaten haben einen Etat von fünfzig Euro und eine Stunde Zeit, um ihre Gerichte der vierköpfigen, aus Fernsehköchen gebildeten Jury in Form von Löffelgerichten zu präsentieren. Die Zubereitung findet sich also nicht auf einem Teller, sondern auf einem einzelnen Löffel. Diese Löffel werden der Jury in einer „Blindverkostung“ präsentiert. Die Juroren wissen also nicht, ob es sich um einen Amateur oder einen Profi handelt. Sie entscheiden allein aufgrund der Verkostung, ob sie den Kandidaten in ihr Team aufnehmen wollen. Ist die Entscheidung – per Knopfdruck unter dem Tisch – gefallen, bitten sie den Kandidaten herein. In den weiteren Folgen werden die Kandidaten von „ihrem“ Koch betreut und müssen diverse kulinarische Aufgaben bewältigen. Am Ende steht abermals eine Blindverkostung, bei der jeweils die schwächsten Kandidaten ausscheiden. Dem Sieger winken stramme 100.000 Euro als Prämie.

Die Löffelgerichte überfordern Kandidaten und Juroren

So weit die Theorie. In der Praxis zeigen sich diverse Schwächen, die mit den Juroren wie mit dem Verfahren zu tun haben. Die vier Preisrichter sind bekannte Fernsehköche, die schon seit Jahren den Bildschirm bevölkern: Lea Linster aus Luxemburg (vorgestellt als „Grande Dame der Spitzengastronomie“), Tim Mälzer („Der Rockstar unter den Fernsehköchen“), Alexander Herrmann („Dr. Koch. Der intellektuelle Feingeist“) und Frank Rosin (der mit seinen Bewertungen wie seinen zwei Michelin-Sternen vorgestellt wird). Die Charakterisierungen der vier lassen allerdings nur einen geringen Zusammenhang mit ihrer realen Performance erkennen: Mälzer und Rosin geben gern mal die Gourmet-Prolls, Herrmann hält sich zurück, und Lea Linster nervt mit dick aufgetragener Tüddelei. Alle zusammen wirken wie Erstklässler mit Hyperaktivitäts-Problemen, manchmal auch wie typisch aufgedrehte Moderatoren, bei denen man als Zuschauer am liebsten einmal nach Doping-Tests rufen würde.

Vor allem aber enttäuschen sie fachlich. Die Kommentare zu den Löffelgerichten sind karg und wenig informativ, oft genug sind die Juroren nicht in der Lage, die verwendeten Produkte und Aromen zu identifizieren, geschweige denn, ihre Geschmackseindrücke nachvollziehbar zu beschreiben. Als Tim Mälzer einmal die Verwendung des plakativen Sternanis bemerkt, lässt er sich feiern wie ein Schuljunge, der zwei und drei korrekt zusammengezählt hat. Die Pöbeleien zwischendurch als unterhaltend einzustufen dürfte den Zuschauern im Verlauf der langen Sendung (drei Stunden) schwerfallen.

Die kulinarischen Schwächen der Juroren haben auch damit zu tun, dass man unbedingt mit Löffelgerichten arbeiten will. Die Anordnung aller Elemente einer Komposition auf einem Löffel hat nicht nur etwas mit der Funktion als kleiner Snack zu tun. Während ein Gericht auf einem Teller dem Esser weitgehend Auswahl und Zusammenstellung seiner Bissen überlässt (und damit die so wichtigen Proportionen), kann man bei einem Löffelgericht alles so machen, dass der Esser exakt das bekommt, was der Koch will. Ein gutes Löffelgericht kann aber nur von sehr guten Köchen realisiert werden, die die Sensorik einer Komposition bis hin zu bestimmten zeitlichen Verläufen der geschmacklichen Wahrnehmung im Griff haben. Ein beliebiges Gericht nur irgendwie auf einem Löffel anzurichten, wie das hier meist geschieht, ist sinnlos. Den Löffel isst man zudem im Ganzen. Das geht schnell, und es lässt sich – gerade bei schwächeren Arbeiten ohne echtes Konzept – nur schwer verfolgen, was dort so alles passiert. In „The Taste“ überfordern die Löffelgerichte offensichtlich Kandidaten wie Juroren. Eine Hilfe wäre sicherlich, wenn diese in der Lage wären, den Geschmack zu beschreiben. Genau das aber können sie nicht.

Der Boom im Fernsehen geht an den Restaurants vorbei

„The Taste“ ist keine wirkliche Kochsendung. Das eigentliche Kochen wird nicht live übertragen, sondern nur in sehr kurzen Zusammenfassungen. Das entspricht der Tendenz, an der verplapperten Oberfläche zu bleiben. Und weil man 28 Kandidaten durchlaufen lässt, wirkt das mit der Zeit wie eine Dauerwerbesendung. Bei den Kandidaten fällt auf, dass man bei der Vorauswahl offensichtlich auch dramaturgisch gedacht hat. Es sind zu viele typische Rollen zu typisch besetzt: Da ist die Hausfrau und Mutter, die „wie meine Großmutter kocht“ (so ein Juror). Da ist der Bösewicht, grimmig in die Welt schauend, flächig tätowiert; die Exotin; der fanatische Hobbykoch; der selbstbewusste Profi und einige jüngere Damen, welche die Herren Mälzer und Rosin sofort mit einschlägigen Klischees verbinden. Doch sind die Kandidaten nicht das schwächste Glied. Das sind, neben dem Versuchsaufbau, eindeutig die Juroren. Beim Versuchsaufbau kommt es zu der bizarren Situation, dass talentierte Kandidaten abgelehnt werden, weil einige Juroren ihre Mannschaft schon komplett haben. Ist dann vielleicht „Deutschlands bester Koch“ schon rausgeflogen? Nach drei plätschernden Stunden endet eine große Banalität.

Wie konnte es zu einer solchen Entwicklung kommen, die sich so weit vom Kern des Themas entfernt hat und bei der das Kochen auch durch Maurerarbeiten oder Blumenpflege ersetzt werden könnte? Zu Beginn der Kochwelle im Fernsehen waren Hobbyköche und Profis noch ziemlich aufgekratzt. Vor allem die Profis waren wie berauscht von der Möglichkeit, endlich aus ihren Kombüsen herauszukommen und ihr Gewerbe im Lichte größter Öffentlichkeit zu sehen. In den ersten Jahren überhäuften die Vereinigungen von Köchen wie Hobbyköchen die Fernsehköche geradezu mit Ehrungen.

Heute sieht das anders aus. Man hat festgestellt, dass der Boom im Fernsehen an den Restaurants vorbeigeht. Präziser: Er geht an den Restaurants der nicht beteiligten Köche vorbei. Gefüllt sind die Häuser und Shows und Vorführungen der Fernsehköche, sonst nichts. Und wenn die Leute sich zu allem Überfluss auch noch nach dem Vorbild im Fernsehen gegenseitig zum Dinner einladen, fehlt schon wieder ein Stück vom öffentlich-kulinarischen Leben. Als kontraproduktiv stellt sich in den Augen vieler Köche auch dar, dass das neue Berufsbild „TV-Koch“ die Event-Küche beflügelt. Gerade jüngere Köche suchen nun ihre Schnitte vom Kuchen, jeder sein eigener Effekt-Koch mit Discosound, den Intensität vortäuschenden Gesten der Fernsehköche, der Wichtigtuerei auch bei kleinsten kulinarischen Tricks. Konzentriert kochen? So etwas wird zu einem notwendigen, temporären Übel. Mit einer kleinen Auszeichnung hier und ein paar Pünktchen in einem Restaurantführer da kann man endlich ein Rockstar werden.

Die TV-Köche sind das Hauptproblem

Natürlich ist das eine Erweiterung des Berufsbildes. Aber es ist eine Aushöhlung mit ungutem Potential. Das gilt auch für ein Hintergrundproblem, das kaum jemals gesehen wird. Am Anfang konnte man noch die Meinung vertreten, dass die ganze Kocherei vielleicht so etwas wie eine verbesserte kulinarische Volksbildung ergebe. Auch das ist eine Illusion, weil der praktische Transfer nicht gelingt. Es herrscht ein wahrlich furchteinflößendes, vom Fernsehen generiertes Halbwissen. Der penetrante kulinarische Populismus vieler TV-Kochgrößen ist regressiv und auf dem Niveau schlechter Stammtische. Und es entsteht eben das Problem, dass die Dauerbeschäftigung mit Banalem und das bescheidene Niveau der eigenen Versuche der Hobbyköche den ganzen Bereich trivialisieren.

Was früher eine Durchgangsstufe des lernenden Hobbykochs war, wird zum feist vorgetragenen Programm, im Kern aggressiv gegen alles wirklich Gute (und natürlich die Spitzenküche). Da wachsen kulinarische Spießbürger heran, mit einer Spießigkeit, die man längst überwunden wähnte. In diesem Zusammenhang an eine gesellschaftliche Rückkopplung von kulinarischen Aktivitäten zu denken, an Hunger, Ökologie oder Überernährung, scheint da fast ausgeschlossen.

Wie man das ändern könnte? Im Augenblick sind die TV-Köche das Hauptproblem. Sie sind neben der Spur gelandet und haben den Kern des Kulinarischen aus den Augen verloren. In „The Taste“ gab es stundenlang fast nichts, das man mitteilen müsste, noch nicht einmal Amüsantes. Des Kaisers neue Kleider, aber leider schon in dritter oder vierter Generation.

Quelle: F.A.Z.
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