Kölner „Tatort“ zur Gentechnik

Tödliches Trockeneis

Von Thomas Thiel
25.09.2011
, 17:02
Ihr fällt eine Schlüsselrolle zu: Lara Bahls (Luise Berndt) ist das Nachwuchstalent der Genforschung und zugleich in einen Ökoaktivisten verliebt
Im Gentechniklabor herrscht Konkurrenzdruck, gleichwohl glaubt man sich im Dienst des Guten. Draußen aber demonstrieren Ökoaktivisten. Die Kommissare sind in diesem Fall auch weltanschaulich gefordert.

Nicht sehr schmeichelhaft: das Blasenmützenmoos. Im molekulargenetischen Blick verändern sich die Wertmaßstäbe, und die kleine Laubpflanze, die der Botanik als Modellorganismus dient, liegt vom Menschen gar nicht so weit entfernt. Auf der unteren Ebene benutzt alles Leben dieselben Bausteine. Was sollte dagegen sprechen, sie im Dienst einer guten Sache neu zu konfigurieren?

Das ist das Argument, mit dem die junge Forscherin am Kölner Institut für Pflanzenforschung die moralischen Anfechtungen ihrer gentechnischen Versuche beiseitewischt. Es scheint nur eine Frage der Sehstärke: Je nachdem, mit welcher Auflösung man auf die Natur blickt und welche Interessen sich an sie lagern, wird man in der Gentechnik eine Gefahr oder eine Chance sehen.

Man glaubt sich an diesem Institut im Dienst des Guten. Der Transfer von menschlichen Genen in Pflanzen soll neue medizinische Wirkstoffe hervorbringen. Jetzt liegt die Leiche einer Labortechnikerin im Keller, erstickt an Trockeneis. Auch ein Protein, von dem man sich einen Wirkstoff für den Kampf gegen Aids versprach, ist zerstört. Draußen vor der Tür lagern militante Ökoaktivisten und sabotieren die Freilandversuche. Im Institut schafft bewusst geschürte Konkurrenz ein Reizklima, das kriminelle Entgleisungen fast schon erwarten lässt.

Im Gentechnik-Labor: Die Kommissare Schenk (Dietmar Baer, links) und Ballauf (Klaus J. Behrendt) mit dem smarten Weißrock Rubner (Misel Maticevic)
Im Gentechnik-Labor: Die Kommissare Schenk (Dietmar Baer, links) und Ballauf (Klaus J. Behrendt) mit dem smarten Weißrock Rubner (Misel Maticevic) Bild: dapd

Einsicht ins Unvermeidliche

Der „Tatort: Auskreuzung“ unter der Regie von Thorsten C. Fischer inszeniert die Forschungswelt als Überdruckkammer. Kein Dialog verstreicht ohne die Klage über knappe Forschungsgelder, politisches Unverständnis, mediale Stimmungsmache und ökoaktivistische Obstruktion.

Der Druck, der sich auf den legt, der sich für ein Leben in der Forschung entschieden hat, und der schließlich ein weiteres Todesopfer fordert, wird jedoch mehr behauptet als spürbar gemacht. Es ist für den Film nicht unbedingt ein Authentizitätsgewinn, dass er seine finanziell kurz gehaltenen Wissenschaftler in Kölns besten Lagen einquartiert.

Das Ermittlerduo Bär und Ballauf ist in diesem Fall auch als weltanschauliche Instanz gefordert, hat aber zunächst einmal genug damit zu tun, die Hürden der Fachsprache zu nehmen. Was gut gelingt. Schenk (Dietmar Bär) lässt sich vom Biologielehrbuch seiner Tochter sekundieren und ergreift, sein entzündbares Naturell legt es nahe, Partei für das Ursprüngliche, Ballauf (Klaus J. Behrendt) schlägt sich in seiner geschmeidigen Art auf die Seite eines Liberalismus aus Einsicht ins Unvermeidliche. Er ist kein Mann für ideologische Dispute.

Sehnsuchtsblick über den Ideologiegraben

Der Film kondensiert diesen Konflikt in einer Liebesbeziehung. Die Schlüsselrolle fällt Lara Bahls (Luise Berndt) zu, einer dunklen Schönheit, die engagiert an der Seite der Gentechnikgegner focht, bevor sie sich wissenschaftlich aufgeklärt dem gegnerischen Lager zuwandte und nun als hoffnungsvolles Nachwuchstalent im Dienst der Genforschung steht. Dem Frontwechsel fiel auch die Liebe mit dem Anführer der Ökoaktivisten zum Opfer. Er hat die leidenschaftlicheren Argumente, sie gibt noch die kühle Analytikerin, als ihr das Forschungsmilieu längst den seelischen Rückhalt versagt.

Sehnsüchtig blickt sie über den ideologischen Graben, wo auf der anderen Seite das Lagerfeuer flackert. Mit ihrem ausdrucksstarken Spiel und ihrem retardierten Rededuktus entwickelt Luise Berndt eine eigentümliche Sogkraft und fängt den weltanschaulichen Konflikt wie im Brennglas ein.

Der Kontrast von Lagerromantik und Trockeneis legt schließlich auch eine Wertung nahe. An einem System, das seine Mitarbeiter so unter Druck setzt, dass sie kaum einen Ausweg wissen, muss etwas faul sein. Aber auch das kann innere wie äußere Gründe haben. Darüber legt der Film den Ausblick auf eine einträchtige Allianz von Naturschutz und Gentechnik. Das ist aber letztlich doch ein unerklärt bleibender Sprung, der offensichtlich von der Sympathie für ein Paar verführt ist, das nicht durch ideologische Differenzen getrennt sein soll.

Der „Tatort: Auskreuzung“ läuft am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

Quelle: F.A.Z.
Thomas Thiel  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Thomas Thiel
Redakteur im Feuilleton.
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