Film „Pieces of a Woman“

Dem Leiden einer Frau ganz nah

Von Ursula Scheer
09.01.2021
, 10:19
Der Film „Pieces of a Woman“ handelt vom Tod eines Neugeborenen. Die Mutter und ihre Nächsten zerbrechen fast daran. Doch Vanessa Kirby gibt als Trauernde nicht auf.

Eine Frau liegt in Wehen, sie stöhnt, sie windet sich und schnappt nach Luft, klammert sich an ihren Lebenspartner, schiebt ihn fort, zieht in wieder zu sich und tauscht Blicke mit ihm, die von weit her zu kommen scheinen. Auf Geheiß der Hebamme lässt sie sich in die Badewanne manövrieren und wieder heraus, schreit und bäumt sich auf, sagt, ihr sei so schlecht, diese Schmerzen, ändert die Position. Es ist eine Qual. Dann geht alles plötzlich schnell. Pressen, befiehlt die Geburtshelferin, in deren Augen Panik aufflackert, weil sie die Herztöne des Kindes nicht mehr hört. Die Hausgeburt, in deren Intimität wir unvermittelt hineingeschleudert wurden und die wir, da in einer einzigen zwanzigminütigen Sequenz gedreht, trotz zeitlicher Kompression fast wie Augenzeugen verfolgen, steuert auf eine Katastrophe zu. Statt im erlösenden Schrei des Neugeborenen kulminiert sie im Neben- und Nacheinander von Schnappschüssen des Mutterglücks und Grauens, dem Blaulicht des Notarztwagens, in Rennen, Schreien, Weinen und alles verschluckender Schwärze: Das Kind ist tot. Der Hauptteil des Filmdramas „Pieces of a Woman“ von Kornél Mundruczó und Kata Wéber beginnt.

Bei den Filmfestspielen in Venedig, die unter Corona-Bedingungen im September stattfanden, wurde Vanessa Kirby verdientermaßen für die herausragende Darstellung einer in einen Abgrund stürzenden Mutter als beste Schauspielerin ausgezeichnet; Mundruczó erhielt den Preis für junges Kino. Nach seiner hündischen Sozial-Parabel „Underdog“ von 2014 und dem Flüchtling-wird-Superheld-Epos „Jupiter’s Moon“ von 2017 ist sein erster englischsprachiger Spielfilm, angesiedelt in der Bostoner Mittelklasse, ein geradezu konventionelles Stück des ungarischen Regisseurs – und doch alles anderes. In „Pieces of a Woman“ verarbeiten er und die Drehbuchautorin Kata Wéber – fiktionalisiert – den Verlust ihres eigenen gemeinsamen Kindes. Sie zeigen das Leiden einer Frau in Großaufnahme.

Wuchtig und direkt

Nun ist auch dieser Kinofilm ein Opfer der Pandemie geworden und wird auf Netflix ausgestrahlt statt in großen Sälen projiziert. Gut dürfte ihm das nicht tun. Es macht eben doch einen Unterschied, ob man sich physisch ins Dunkel begibt, um sich zwei Stunden künstlerisch geformtem Elend auszusetzen und danach das Ganze an der frischen Luft oder bei einem Glas mit Freunden abschüttelt, oder ob man zermürbt vom nächsten Lockdown in der eigenen Wohnung sitzend auf sein Streaming-Gerät zwischen die üble Meldungen von nah und fern noch einen Problemfilm lädt. Da braucht es schon eine gewisse seelische Belastbarkeit, mit der gleichen Hingabe hinzuschauen, zu der man sich im Kino freiwillig gezwungen hätte.

Doch es lohnt sich. Das erste Viertel des Films ist bemerkenswert nicht nur in der physischen Wucht und Direktheit, mit der hier der Albtraum aller werdenden Eltern (und Geburtshelfer) inszeniert wird. Nichts wirkt choreographiert. Lapidare Dialoge oder Schweigen heucheln keine höhere Einsicht. Was die von Vanessa Kirby gespielte Martha und Sean (Shia LaBeouf) durchmachen, wird als ebenso brutal, sinn- wie grundlos vorgestellt. Klar ist nur: Handlungsort dieser Tragödie ist der weibliche Körper, der mit einem Kind geteilt wurde und in der Geburt aufgebrochen, aber es nicht ins Leben entlassen konnte. Den Verlust negiert die Biologie mit peinvoller Beharrlichkeit: In den Alltag zurückgekehrt, sehen wir Martha mit Wochenfluss und nässenden Brüsten kämpfen – als wären die Distanz überforderter Kollegen auf der Arbeit und die umarmende Distanzlosigkeit einer Freundin der Mutter im Supermarkt nicht furchtbar genug.

Martha ist eine Frau in Stücken, zersplittert in Trauer und Scham über vermeintlich eigenes Versagen. Jeder aus ihrem nächsten Umfeld will sich ein Fragment greifen, um damit den eigenen Schmerz zu heilen. Am schlimmsten mit anzusehen ist in der zweiten Hälfte des Films, wie Sean Sex von Martha einfordert. Es ist ein scheiterndes Sich-Aufdrängen, halb abgewiesen, halb erduldet, an der Grenze zum körperlichen Übergriff, dem verbale Attacken folgen werden. Marthas Mutter Elizabeth, als stählernde Matriarchin verkörpert von keiner geringeren als Ellen Burstyn, verlangt von Martha dagegen Kämpfergeist in ganz anderer Hinsicht: Sie soll die Hebamme verklagen und hinter Gitter bringen. Weil, wie Elizabeth in einem ergreifend gespielten Monolog ausstößt, sie selbst ohne den Kampfeswillen ihrer eigenen Mutter als Baby in Ungarn nicht dem Holocaust entronnen wäre.

Dick aufgetragen

Das ist einer der Momente, in denen auch in „Pieces of a Woman“ etwas zerfällt. Dass Ellen Burstyn zu alt ist, um glaubhaft Marthas Mutter darzustellen, wiegt nicht weiter schwer. Aber warum der Kindstod aus dem Nichts heraus, durch einen genealogischen Drahtseilakt, mit Millionen ermordeten Juden in Verbindung gebracht wird, leuchtet nicht recht ein. Immer wieder tragen Mundruczó und Weber einfach zu dick auf. Muss die unvollendete Brücke, an deren Baustelle der in Hilflosigkeit gestürzte Macher und Underdog Sean malocht, wirklich leitmotivisch ins Bild gestellt werden, um die Unverbundenheit der Menschen symbolisieren, die Wunde, das fehlende Bindeglied? Zeigt sich das Ausmaß häuslicher Zerrüttung wirklich an ungespültem Geschirr und welken Zimmerpflanzen? Muss Martha allen Ernstes Apfelbäumchen ziehen, was zu einer kitschigen Happy-End-Vision führt? Sollte man allzu selbstverständlich darauf vertrauen, dass eine rauchende Frau am Fenster zur richtigen Klaviermusik schon elegisch wirkt? Und: Wer knipst heute noch bei Geburten Aufnahmen mit Rollfilm? Letzteres muss sein, weil es dramaturgisch wichtig wird. So verliert der Film nach einem starken Auftakt, der in Erinnerung bleiben wird, sich in sich selbst. Martha aber, sich wehrend gegen alle von außen an sie herangetragenen Trauer-Vorschriften, wird von Vanessa Kirby aufrecht bis ins Schlussbild geführt.

„Pieces of a Woman“, bei Netflix

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Scheer, Ursula
Ursula Scheer
Redakteurin im Feuilleton.
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