Lotta & der Ernst des Lebens

Angekommen in der ewigen Jugend

Von Oliver Jungen
04.05.2017
, 18:24
Zaghafte Hilfestellung: Lotta (Josefine Preuß) und Junis (Kostja Ullmann) bleiben beim Elternabend Zaungäste.
Whole Lotta Lovestory: Die ZDF-Saga, die davon handelt, wie man mit Herz und Mädchencharme die triste Wirklichkeit überrumpelt, biegt auf die Zielgerade ein. Josefine Preuß macht das mit links.
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Da war noch eine Rechnung offen. Zwar war auch der fünfte Film der flotten „Lotta“-Filmreihe des ZDF ganz auf die von Publikumsliebling Josefine Preuß reizend verkörperte Wirbelwind-Hauptfigur zugeschnitten, die gewissermaßen Astrid Lindgrens Pippilotta Viktualia in die Adoleszenz begleitet. Auch fand bisher alles nach genretypischen Turbulenzen (zunächst stand das väterliche Transportunternehmen vor dem Kollaps, bald auch Lottas Karriere als Ärztin) mit einer ebenfalls genretypischen Wendung – Firma und Job knallpeng gerettet – sein versöhnliches Ende. Doch alleinerziehend war die chaotische Heldin immer noch.

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Da sind Liebhaber weichgespülter ZDF-Komödien „mit Herz“ anderes gewohnt, ein Happy End mit Posaunen und Eheversprechen nämlich. Deshalb schickt der Sender nun als sechsten Streich eine ausgewachsene, aber niedliche Schnulze in der Regie von Florian Gärtner hinterher, eine Whole-Lotta-Lovestory, die vor allem davon lebt, dass sich die Jungärztin mit Mädchencharme und der smarte marokkanische Restaurantschiffbetreiber Junis (Sahneschnitte Kostja Ullmann) gegenseitig umgarnen.

Das sich selbst genügende Berlin ist so leicht nicht zu knacken

Erstmals getroffen hat Lotta, die sich nun ausgerechnet im berufsjugendlichen Berlin dem Ernst des Lebens stellen will, den flotten Semi-Single Junis – der Name Ernst wäre lustiger gewesen – nicht in der neuen Schule ihrer Tochter Lilo (Matilda Jork), obwohl Junis’ Sohn (Carlo Thoma) ganz zufällig Lilos Klassenkamerad und ebenfalls ein Außenseiter ist, sondern bei der Bestellung einer marokkanischen Platte für die große Einzugsparty, zu der dann aber niemand erschien, nicht einmal ihre gute Freundin und WG-Mitbewohnerin Mona (Carol Schuler). Das sich selbst genügende Berlin, soll das heißen, ist so leicht nicht zu knacken.

Auch in der Praxis, in der Lotta als Vertretung arbeitet, läuft nicht alles rund: „Bisschen mehr Zack“ ist gefordert von der Neuen, die ständig zu spät kommt. Und dann gibt es da noch den depressiven Patienten Pawlowski (Jürgen Tarrach), dessen Figur arg unterbelichtet bleibt: Lotta soll wohl einfach jemanden retten dürfen. Es muss überhaupt konstatiert werden, dass das Drehbuch (Sebastian Orlac und Kerstin Schütze) diesmal besonders dürftig ausgefallen ist. Nicht nur im Tragischen, auch im Komischen setzt es vor allem auf Standards wie ein misslungenes Blind Date („Du bist Checker36?“ „Meine Freunde dürfen auch Hannes zu mir sagen“), Zickenkrieg mit albernen Tussi-Müttern oder eine entgleisende Alles-in-Butter-Show für angereiste Eltern aus dem fernen Arabien. Berlin wiederum ist klischeehaft ruppig, aber herzlich, wenn es draufankommt: alles in allem eine Großstadtkomödie von der Stange also.

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Josefine Preuß verkörpert diese Stadt mit Haut und Haar

Am schwersten wiegt vielleicht, dass die Hauptfigur ihren Differenzcharakter verloren hat. Als quirlig junge Alleinerziehende, die Job, Kind, Alltag und Affären in Einklang bringen muss, gehört sie in Kreuzberg und Berlin-Mitte fast zur Majorität. Trotzdem spielt Josefine Preuß wieder so charmant und authentisch, dass sich die recht ereignislose Alltagsgeschichte aus der Generation Patchwork wunderbar ansehen lässt. In Potsdam aufgewachsen und in Berlin lebend, verkörpert Preuß diese Stadt einfach mit Haut und Haar. Am Ende werden zwar noch einige Kalendersprüche geklopft, aber es stimmt ja, dass ein wenig Kontrollverlust nicht unbedingt schadet. Für Berliner Verhältnisse darf man das Ergebnis gut und gerne als „erwachsen“ respektive „endlich angekommen“ bezeichnen. Und dann noch Kostja Ullmann an der Angel: Mehr kann niemand vom Leben verlangen. Damit dürfte jeder Anreiz für weitere „Lotta“-Filme glücklich ausgeräumt sein.

Fernsehtrailer
„Lotta & der Ernst des Lebens“
© ZDF, ZDF

Lotta & der Ernst des Lebens. läuft heute, um 20.15 Uhr, im ZDF

Quelle: F.A.Z.
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