F.A.Z. exklusiv

Warum Mai Thi Nguyen-Kim zum ZDF kommt

Von Michael Hanfeld
24.02.2021
, 18:34
Bald beim ZDF: Mai Thi Nguen-Kim.
Der Programmdirektor Norbert Himmler kündigt im Interview eine kleine Bildungs- und Wissenschaftsoffensive an. Dabei setzt er auf die Expertise einer Wissensvermittlerin, die sich zuerst im Netz einen Namen gemacht hat.

Sie starten angeblich eine Bildungsoffensive mit Blick auf Kinder und Jugendliche, Schülerinnen und Schüler im Lockdown.

Wir tun ohnehin viel, auch für Jugendliche, Schülerinnen und Schüler. Aber das vergangene Jahr im Lockdown hat uns gelehrt, dass man nie genug tun kann, insbesondere bei den Naturwissenschaften. Wir müssen Fragen beantworten, die da lauten: Wie verbreitet sich das Virus? Wie mutiert es? Wie funktionieren Impfstoffe? Sind sie sicher? Hier haben wir einen gewichtigen Aufklärungsauftrag als ZDF. Beginnend mit der Pandemie haben wir deshalb unsere Anstrengungen verstärkt und seit März letzten Jahres 578 wissenschaftliche Beiträge zum Thema publiziert. Jetzt verstärken wir das noch einmal.

Sie meinen aber nicht richtiges Schulfernsehen, wie etwa bei der britischen BBC, mit Unterrichtstunden?

Genau, das meine ich nicht. Schon der Blick auf die unterschiedlichen Lehrpläne in den sechzehn Bundesländern zeigt, dass das wenig zielführend ist. Wir bieten stattdessen crossmediales Anschauungsmaterial an, das in den Unterricht eingebunden werden kann. Die didaktische Umsetzung – auch und gerade im Digitalunterricht – liegt bei den Lehrerinnen und Lehrern, die können das ohnehin am besten.

Aber was geschieht denn dann bei Ihnen im Programm?

Das Interessante ist, dass wir hier nicht nur vom linearen Programm sprechen, wo wir etwa mit unserer Marke „Terra X“ und unserem Moderator Harald Lesch eine sehr gute Präsenz haben. Die Herausforderung ist, junge Zielgruppen auf anderen Wegen zu erreichen. Die Alleinstellung der Öffentlich-Rechtlichen ist ja längst Geschichte. Heute haben wir ganz andere Verhältnisse, gerade im Nonlinearen. Dort müssen wir uns mit unseren Inhalten und unserer Glaubwürdigkeit immer wieder neu behaupten. Wir gestalten das Angebot unserer Mediathek attraktiv und müssen auf Kanälen wie Youtube und Instagram unterwegs sein, auch um gerade Schülerinnen und Schüler zu gewinnen. Dazu haben wir eine Offensive gestartet. Im Zentrum steht unsere Kernmarke „Terra X“, die wir zu einer reichweitenstarken Digitalmarke ausgebaut haben.

Ihn hat der „schwarze“ Freundeskreis auf dem Zettel: ZDF-Programmdirektor Norbert Himmler.
Ihn hat der „schwarze“ Freundeskreis auf dem Zettel: ZDF-Programmdirektor Norbert Himmler. Bild: ZDF

Sie brauchen für die Vermittlung von Bildung und Wissenschaft aber auch die richtigen Köpfe und solche, mit denen sich Ihre Zielgruppen identifizieren können. Haben Sie die?

Ja, die haben wir. Und es stimmt: Die Reputation unserer Sendungen muss sich mit der von „Wissenschafts-Vermittlerinnen und -Vermittlern“ verbinden. Da waren und sind wir mit Harald Lesch, Dirk Steffens, aber auch Sir Christopher Clark sehr gut aufgestellt. Nun tritt eine Wissenschaftlerin hinzu: Dr. Mai Thi Nguyen-Kim. Sie kennt diese „weitere Dimension“, die digitale Welt, sehr genau. Auf unserem, gemeinsam mit der ARD betriebenen, Content-Netzwerk „funk“ ist sie sehr erfolgreich. Sie versteht sich nicht nur als Wissenschaftlerin, sondern als Wissenschafts-Kommunikatorin. Genauso wichtig, wie Wissenschaft sei die Vermittlung von Wissenschaft an ein breites Publikum, so ihr Credo. Das ist genau unser Auftrag. Ich bin sehr froh, dass wir Frau Nguyen-Kim dauerhaft fürs ZDF gewinnen konnten.

Darauf hat Sie das Wirken von Mai Thi Nguyen-Kim auf „funk“ gebracht.

Genau. Mai Thi Nguyen-Kim hat 2015 mit ihrem eigenen Channel „The Secret Live of Scientists“ ihre Karriere begonnen. Dann hat sie den Kanal „schönschlau“ gemacht, daraus wurde „MaiLab“ für „funk“. Sie hat das erfolgreichste Youtube-Video des Jahres 2020 gedreht. Sie ist hochdekoriert. Sie hat nicht nur den Grimme Online Award, den Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis und den Georg von Holtzbrinck Preis für Wissenschaftsjournalismus erhalten, sondern auch zahlreiche Digital-Auszeichnungen. Das ist für uns die perfekte Kombination.

Um was zu tun?

Mai Thi Nguyen-Kim wird eine Crossover-Funktion haben. Sie wird klassische „Terra X“-Sendungen präsentieren und redaktionell mitgestalten. Als promovierte Chemikerin wird sie uns zum Beispiel aufzeigen, in welchen Lebensbereichen chemische Zusammenhänge eine herausragende Rolle spielen. Bei ZDFneo wird sie eine eigene Wissenschaftssendung bekommen, und sie wird unsere Social-Media-Aktivitäten und die Mediathek verstärken. Am 1. April geht es los, im Sommer wird es die neuen Sendungen zu sehen geben.

Die Corona-Pandemie hat uns seit rund einem Jahr im Griff – das Leben aller Menschen und auch den Journalismus. Wir selbst schauen auf die Nachfrage nach unseren Informationsangeboten und das Vertrauen, das uns entgegengebracht wird, und – sind zufrieden. Aber das sind nicht alle: Was halten Sie von dem wiederkehrenden Vorwurf, der öffentlich-rechtliche Rundfunk und andere Qualitätsmedien hätten nach Strich und Faden versagt, folgten lammfromm den Verlautbarungen der Regierung und hätten ihren kritischen Apparat eingemottet?

Die Tatsache, dass die Glaubwürdigkeit, die den Zeitungen und dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk ohnehin zugemessen wird, noch einmal gestiegen ist, verdeutlicht, dass die Menschen wahrnehmen, dass wir eine plurale und differenzierte Berichterstattung bieten. Kritik gab es schon immer, zumal am öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Im Augenblick besonders ausgeprägt.

Wenn man sich allabendlich das ZDF-Programm anschaut, nur mal an einem Dienstagabend, von der „heute“-Sendung um neunzehn Uhr über „Frontal 21“ und das „heute journal“, über „Leschs Kosmos“ bis zu „Markus Lanz“, findet man Pluralität und klare journalistische Arbeit. Die besteht gerade auch darin, dass man diejenigen, die in politischer Verantwortung stehen, fragt, ob sie ihren Job richtig machen. Allerdings ist es auch kaum je schwieriger gewesen, im Dickicht von Informationen aus der Wissenschaft, Modellrechnungen und Projektionen den richtigen Kurs der Realpolitik zu bestimmen. Kaum jemand hat einen vollständigen Überblick; Erkenntnisse verändern sich. Das muss man den Zuschauerinnen und Zuschauern in aller Differenziertheit zeigen. Die Corona-Pandemie ist eine Ausnahmesituation für alle Handelnden in Politik, Gesellschaft und Medien. Ich bin froh, erstklassige Wissenschaftsjournalistinnen und -journalisten im ZDF zu wissen, die in der Lage sind, die Studien zu interpretieren und Erkenntnisse beziehungsweise mögliche Widersprüche herauszuarbeiten.

Die Fragen stellte Michael Hanfeld.

Quelle: F.A.Z.
Michael Hanfeld  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Hanfeld
verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.
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