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Wurde der Ex-Bild-Chef unfair behandelt?

EIN KOMMENTAR Von Julia Encke
21.11.2021
, 13:27
Der ehemalige Bild-Chef Julian Reichelt
Die #MeToo-Debatte handelt auch von Übergriffen, die sich in jenen Grauzonen abspielen, in denen zwischen einer angeblich einvernehmlichen Beziehung, Abhängigkeit und sexueller Belästigung nicht klar zu unterscheiden ist.
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Unter dem Titel „Schwache Belege: Der Umgang mit Reichelt in den Medien war nicht fair“ erschien in dieser Woche ein Kommentar von Markus Wiegand, Chefredakteur des Branchenmediums Kress pro, in dem Wiegand einen mehrseitigen Kress-Artikel über die zentralen Fragen zum Rausschmiss des ehemaligen Bild-Chefs Julian Reichelt nutzte, um zu sagen: Auch wir haben recherchiert! Anders als die New York Times und der Spiegel, zusammen mit dem Investigativteam von Ippen, die ihre Enthüllungen zum Machtmissbrauch Reichelts im Oktober veröffentlichten, hätten sie sich bei Kress aber gegen eine Veröffentlichung entschieden.

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In Wiegands Worten: „Kress pro hatte bereits vor Monaten mit zwei betroffenen Frauen Kontakt. Das, was sie schilderten, klang nach einer toxischen Beziehung und menschlich höchst unanständig. Für eine Veröffentlichung reichte uns das aber nicht aus, weil die betroffenen Frauen aus unserer Sicht nicht gerichtsfest belegen konnten, wie genau Reichelt sie im beruflichen Kontext unter Druck gesetzt haben soll. Im Gegenteil gaben beide Quellen an, dass die intime Beziehung einvernehmlich zustande kam.“ Er wolle Reichelt nicht verteidigen, so Wiegand, der sich von einem „erfahrenen Juristen in diesem Feld“ für seinen Artikel sagen ließ, dass Reichelts Verhalten „für eine Kündigung höchstwahrscheinlich nicht“ ausreichte. Im „Sturm der Entrüstung“ sei das bisher „ziemlich untergegangen“. Und darin liege die besondere Ironie im Fall Reichelt. Seine Kritiker hätten sich, so Wiegand, oft genug „genau der boulevardesken Methoden bedient, die sie bei Bild und Reichelt kritisieren“.

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Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Encke, Julia
Julia Encke
Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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