Medizin mit Daten

Google versucht sich auch mal an der Unsterblichkeit

Von Joachim Müller-Jung
31.10.2014
, 10:51
Tiefkörpertaucher: Ein geschrumpfter Mensch leuchtet im Film „Die Reise ins Ich“ in seinem geschrumpften U-Boot die Blutbahnen aus.
Willkommen im Showroom der medizinischen Avantgarde: Google will Nanopartikel in die Blutbahn schicken, um Krebszellen zu erkennen. Wie der Datenkonzern die Informationsökonomie des Lebens betreibt.
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Wenn Google den Menschen die Unsterblichkeit verspricht und die Angst vor Krebs nehmen will, müssen wir dann nicht alle klatschen? Müssen wir uns nicht glücklich schätzen, dass Wissenschaftler wie Andrew Conrad Sätze wie diese bilden und auch auszusprechen wagen: „Selbst wenn wir es heute noch nicht können, wir sollten es tun.“

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Conrad, Chef der Forschungsabteilung „Google X“, war Anfang der Woche auf einer vom „Wall Street Journal“ in Kalifornien zelebrierten Konferenz aufgetreten, die von der Ausrufung einer biomedizinischen Weltrevolution gerade so weit entfernt war wie ein Übungsfeueralarm vom Ernstfall. Nur dass Google es tatsächlich mal wieder geschafft hat, dass die halbe Welt über den Übungsalarm schreibt und debattiert. Google hat sich vorgenommen, den für sie lukrativen Umbruch der analogen in eine volldigitalisierte Gesellschaft auf einem Feld zu forcieren, das wie kein anderes von der „Macht der Hoffnung“ getragen wird, wie die beiden Stanford-Medizinethiker Charles Murdoch und Christopher Scott vor ein paar Jahren geschrieben haben: Die neue Medizin ist eine Art Systemmedizin - worunter man alles packen kann, was Stethoskop und Wadenwickel ersetzt. Und das ist eine ganze Menge.

Stammzellen, individuelle, maßgeschneiderte Krebsmedizin, Genomanalysen, Genchirurgie und eben auch Nanomedizin. Sie ist das Geschäft von Andrew Conrad. Der Molekularbiologe war im März 2013 zu Google gestoßen, um die - aus eigener Krankengeschichte geborenen - Visionen der beiden Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin zu verwirklichen. Visionen, von denen bis heute nicht klar ist, ob das dicke Geschäft mehr lockt oder doch der Wunsch nach der eigenen Unsterblichkeit - oder weniger pathetisch: der eigenen Unverletzlichkeit. Und damit medizinische Unversehrtheit bis zum Lebensende, das wäre ja schon mal ein Ziel. Als Subtext zur gesamten modernen Medizin hat dieses Ziel schon eine steile Karriere hinter sich.

Die maximale Lebenserwartung des Menschen

Page und Brin jedoch wollen mehr. Mit ihrer anderen Google-Health-Experimentierstube, dem Unternehmen Calico, das vom ehemaligen Chef des Genpionierunternehmens „Genentech“ Arthur Levinson geleitet wird, haben sie sich vorgenommen, die maximale Lebenserwartung des Menschen drastisch hinauszuschieben. Beides zusammen, Google X und Calico, sehen sie als Weltverbesserungsprojekt, das für sie den Charme hat, praktisch in keiner Kultur der Welt mehr abgelehnt zu werden. Wie sonst hätte die Medizin es zuwege gebracht, die Lebenserwartung rund um den Globus in hundertzwanzig Jahren um satte 44 Jahre zu verlängern (und damit zu verdoppeln), wenn die Bevölkerung den Erfindungsgeist und die Hinwendung zu Apparate- und Hochleistungsmedizin nicht unterstützt hätte?

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Google jedenfalls muss sich mit ihrer Medizinsparte nicht mehr aussuchen, wen sie wie bedient und ob selbststeuernde Autos marktfähig oder Datenbrillen schick genug sind. Gesünder älter werden wollen schließlich fast alle. Google braucht sich deshalb auch um Opfer nicht viel Gedanken machen. Google verspricht ihnen einfach, dort weiterzumachen, wo Medizin und Wissenschaft heute an Grenzen stoßen. Google, so lautet das Kalkül, schafft qua Marktmacht, was Hunderte Nobelpreisträger mit Hunderten von Milliarden Dollar in drei Generationen nicht zuwege gebracht haben: die Informationsökonomie des Digitalen auf das Leben anzuwenden.

„Stellen Sie sich vor“, sagte Andrew Conrad nach der kalifornischen Show im Gespräch mit „Backchannel“, „Sie fliegen über Paris und wollen versuchen, von da aus die Pariser Kultur zu beschreiben. Sie sehen eine Stadt, einen großen Turm und in der Mitte einen Fluss. Es ist wirklich schwer, von da oben aus die Pariser Kultur zu verstehen.“ Deshalb müsse jetzt Schluss sein mit der tausendjährigen Geschichte einer Medizin, die den Menschen auf der organismischen Ebene behandeln wolle. „Die Natur erledigt ihre Geschäfte auf der molekularen Ebene.“ Und genau deswegen glaubt Conrad, dass die Menschen froh sein werden, wenn sie - so seine Ansage - in fünf Jahren ein Armband tragen, das magnetische Nanopartikel erfasst, die in der Blutbahn fließen und den Menschen zum frühestmöglichen Zeitpunkt über das Auftreten der ersten Krebszellen im Körper informieren.

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Medizinischer Heilsbringer

Conrad, vom Typ her einer dieser wissenschaftlichen Wonderboys von der Westküste, die am liebsten Wellen reiten und im fünften Lebensjahrzehnt anfangen, am eigenen Denkmal zu schrauben, hat inzwischen hundert Wissenschaftler angeheuert. Wissenschaftler mit großem Renommee sucht man allerdings unter den Google-X-Bastlern vergeblich. Warum auch, so Conrads Philosophie, wenn man exakt deren Weltsicht abhaken und in eine Welt mit einer „proaktiven statt einer nur reaktiven Medizin“ führen will. Google kann sich dabei in seiner neuen Rolle als medizinischer Heilsbringer fast sicher sein, das ramponierte Image als Rampensau der Big-Data-Ära zumindest teilweise zu kompensieren.

Die Ethik des Heilens hilft dabei. Genau darum aber, um Big Data, geht es dem Unternehmen - und im Grunde dem gesamten modernen Medizinbetrieb: um den buchstäblich gläsernen Menschen. Google will die Werkzeuge dafür liefern, seine Utopie ist die Star-Trek-Technologie. Der Tricoder, ein digitaler Handscanner, der jede Abweichung von der medizinischen Norm detektiert und die Lösung liefert. Es geht Google darum, die Gesundheit als Informationsmanagement des eigenen Körpers zu verstehen. Wer früh genug den Krebs entdecken, wer rechtzeitig die Alterungsprozesse beeinflussen und wer das „richtige“ Leben führen will, ohne irgendwann bereuen zu müssen, der muss seinen Körper aus dem digitalen Effeff kennen.

Wenn also Conrads magnetische Nanopartikeln im Körper schwimmen, zehntausendmal kleiner als der Durchmesser eines Haares und chemisch wie ein molekularer Detektiv aufgebaut, wenn sich solche winzigen „Lebensretter“ durch unsere Blutbahnen arbeiten, um das Leben lebenswerter zu machen, dann muss doch auch das Datensammeln mal was Gutes haben, oder? „Stellen Sie sich vor“, sagt Conrad, „es kommen die Veröffentlichungen heraus, in denen Sie lesen werden, dass der Krebs bei Frauen, die solche Krebsmonitore am Armband tragen, acht Monate früher vom Wiederauftreten neuer Brusttumore erfahren als bisher und dass ihre Behandlung dann um 47 Prozent effektiver ist. Glauben Sie wirklich, diese Frauen würden die Pillen mit den Nanokügelchen nicht schlucken?“

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Sicherheit, Qualitätskontrolle und Unabhängigkeit

Die Frage ist exakt so gestellt, wie man sich bei Google Fragen über die Zukunft unserer Gesellschaft vorstellt. Die Fragen jedoch, die sich die Wissenschaft, die Politik und die Patienten stellen müssen, sind ganz andere, existentiellere. Fragen etwa nach Sicherheit, Qualitätskontrolle und Unabhängigkeit, die mit einer genehmigten Patentschrift und kreativen Planspielen längst nicht beantwortet sind.

Seit mindestens zehn Jahren steigt die Zahl der Nanomedizinstudien rasant an. In der renommierten Zeitschrift „Science Translational Medicine“ haben unlängst zwei führende Wissenschaftler eine durchwachsene Bilanz gezogen. Zieht man die hohen Kosten ab, die Google derzeit kaum kümmern, tauchen in dem Paper Begriffe wie Hürden, Herausforderung und Grenzen öfter auf, als es Google recht sein kann. Nanopartikeln für die Blutbahn sind keine Lebensmittel, die Zulassung und Sicherheitsprüfungen bedürfen - zumal wenn sie auch Gesunden lebenslang verabreicht werden sollen. Sie beanspruchen Jahrzehnte an klinischen Tests. Wenn es um die potentielle Gefährlichkeit von Nanopartikeln geht, klagte dieser Tage der Schweizer Nanoforscher Harald Klug, der mehrere tausend Studien dazu ausgewertet hat, gebe es zwar einen großen Willen, aber „vieles läuft bisher schief“. Über Schlampigkeit, Lücken und Risiken macht sich Andrew Conrad freilich keine Gedanken: „Das ist nicht der Zeitpunkt, ängstlich zu sein. Wenn es schiefgeht, werde ich mich halt als glücklicher Rentner in mein Haus auf Hawaii zurückziehen und wieder mehr surfen.“

Quelle: F.A.Z.
Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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