Journalisten in Brasilien

Morde bleiben ungesühnt

Von Matthias Rüb, Sao Paulo
04.06.2015
, 11:37
„Ich will leben“: Das Graffito in einer Favela Rio de Janeiros erinnert an einen Jungen, der bei einer Schießerei zwischen Polizisten und Drogenhändlern starb. Lokaljournalisten werden von den Drogenkartellen mit dem Tod ebedroht.
In Brasilien sind in kurzer Folge drei Reporter getötet worden. Sie hatten über Verbrechen der Drogenkartelle berichtet. Ihre Mörder handelten eiskalt. Die Politik tut wenig, die Täter zur Strecke zu bringen.
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Die beiden Morde binnen einer Woche weisen dasselbe Muster auf: Zwei Journalisten, die in brasilianischen Lokalmedien über Bandenkriminalität und Korruption berichten, werden verschleppt; kurz darauf werden ihre übel zugerichteten Leichen gefunden. Sie weisen Folterspuren auf.

Zunächst wurde am 18. Mai im südostbrasilianischen Bundesstaat Minas Gerais die enthauptete Leiche von Evanir José Metzker gefunden. Die Polizei war von einem anonymen Anrufer auf den Fundort aufmerksam gemacht worden. Der 67 Jahre alte Metzker hatte in seinem Blog „Coruja do Vale“ (Tal-Eule) in den vergangenen drei Monaten immer wieder über Drogenschmuggel und Kinderprostitution im Jequitinhonha-Tal berichtet.

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Grausame Hinrichtung

Die Gegend im Nordosten von Minas Gerais gehört zum Sertão, den Halbwüstenlandschaften im Binnenland, und gilt als eine der ärmsten Regionen Brasiliens. Nach Angaben der Polizei war die Leiche des Journalisten teilweise entkleidet und wies Spuren von Misshandlungen auf; die Hände waren auf dem Rücken gefesselt. Der Kopf des ermordeten Journalisten lag etwa hundert Meter von der Fundstelle des Leichnams entfernt.

Nach Angaben seiner Witwe war Metzker von einer Recherchereise in die Ortschaft Padre Paraíso nicht zurückgekehrt; dort wurden schließlich auch seine sterblichen Überreste aufgefunden. Die Journalistengewerkschaft des Bundesstaates Minas Gerais forderte eine Untersuchung des Mordes durch die Bundespolizei. Metzker und weitere Journalisten in der Region hatten immer wieder Todesdrohungen erhalten, sollten sie ihre Nachforschungen und Veröffentlichungen über kriminelle Banden in der Region und deren Verbindung zu örtlichen Politikern sowie zur lokalen Polizei fortsetzen.

Ein Polizist bei einer Schießerei am Rande von Rio de Janeiro.
Ein Polizist bei einer Schießerei am Rande von Rio de Janeiro. Bild: Reuters

Am 22. Mai wurde dann in Timbó, einem Dorf im Bundesstaat Bahía, die Leiche des Radioreporters Djalma Santos da Conceição entdeckt. Der 53 Jahre alte Journalist, der außerdem in einer Samba-Gruppe spielte, war am Vorabend entführt worden. Augenzeugen berichteten, Vermummte seien in die Open-Air-Bar in der Stadt Governador Mangabeira gestürmt, in der Santos da Conceição mit seiner Band auftrat. Sie hätten in die Luft geschossen, den Journalisten von der Bühne gezerrt und in den Kofferraum ihres Wagens geworfen. Der Leichnam des Reporters wies schwerste Schnittverletzungen am Kopf und Einschusswunden am Körper auf. Fünfundzwanzig Patronenhülsen verschiedener Kaliber wurden am Tatort sichergestellt.

Die Brutalität des Verbrechens ließe keinen anderen Schluss zu, als dass es sich um einen Auftragsmord gehandelt habe, sagte ein Polizist. Santos da Conceição war für seine Radiosendung „Acorda Cidade“ (Wach auf, Stadt!“) bekannt, in der es um die Machenschaften der Drogenschmuggler-Ringe in der Region ging. Angehörige wussten von wiederholten Todesdrohungen gegen den Journalisten; zuletzt war er dem Tod eines Mädchens nachgegangen, das nach seiner Überzeugung im Auftrag eines Drogenkartells ermordet worden war.

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Die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ hat sich inzwischen mit einem Schreiben an die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff gewandt und wirkungsvolle Maßnahmen zum Schutz von Journalisten gefordert, vor allem eine effektive Strafverfolgung, die Täter nicht mehr straflos davonkommen lässt. So solle bei Gewaltverbrechen an Journalisten grundsätzlich immer die Bundespolizei ermitteln, weil die lokalen Behörden oft korrupt oder von den Drogenkartellen unterwandert seien. Das internationale „Committee to Protect Journalists“ (CPJ) hat sich der Forderung angeschlossen.

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Morde ohne Strafen

Im Mai 2014 hatte Präsidentin Rousseff eine Delegation des CPJ empfangen und versprochen, sich für den Schutz von Journalisten einzusetzen. Ein Gesetzentwurf, der die geforderte Zuständigkeit der Bundespolizei bei Gewalttaten gegen Journalisten vorsah, wurde am 20. Mai jedoch vom zuständigen Ausschuss der Abgeordnetenkammer des Kongresses in Brasília abgelehnt. „Vor einem Jahr hat Präsidentin Rousseff dem CPJ versichert, ihre Regierung sei dem Kampf gegen die ungesühnten Morde an Journalisten verpflichtet“, beklagte die brasilianische CPJ-Vertreterin Sara Rafsky und fuhr fort: „Doch seither wurden noch mehr Journalisten in Brasilien getötet, und die Morde ziehen keine Strafen nach sich. Es ist an der Zeit, dass die Präsidentin ihr Versprechen einlöst.“

Brasilien ist nach Honduras und Mexiko das für Journalisten gefährlichste Land Lateinamerikas. Vor allem in Hochburgen der organisierten Kriminalität sehen sich Journalisten einem wachsenden Risiko ausgesetzt. Von Januar 2000 bis Dezember 2014 wurden in Brasilien 38 Journalisten wegen ihrer Ermittlungen zur organisierten Kriminalität, zu Menschenrechtsverletzungen und Korruption sowie zu Drogenschmuggel und Menschenhandel ermordet. In den ersten fünf Monaten dieses Jahres kamen weitere drei Fälle hinzu. Noch vor den Morden in den Bundesstaaten Minas Gerais und Bahía vom Mai wurde aus der Stadt Ponta Porã im Bundesstaat Mato Grosso do Sul an der Grenze zu Paraguay ein Mord an einem Journalisten gemeldet. Dort wurde am 4. März der paraguayische Reporter Gerardo Servian Coronel von „Radio Ciudad Nueva“ erschossen. Er hatte über die grenzüberschreitenden Verbrechen der Kartelle im Dreiländereck Brasilien-Argentinien-Paraguay berichtet.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Rüb, Matthias (rüb)
Matthias Rüb
Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.
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