Interview mit Moritz Bleibtreu

„Alles sieht gleich geil aus“

Von Oliver Georgi
14.10.2021
, 15:24
Spielt in der neuen Serie „Blackout“: der Schauspieler Moritz Bleibtreu
Von heute an ist Moritz Bleibtreu in der neuen Serie „Blackout“ zu sehen – hier erzählt er, warum er Streamingformate als Fluch und Segen empfindet.
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Herr Bleibtreu, stimmt es eigentlich, dass Sie Serien hassen?

Hassen nicht, aber es stimmt, dass ich nicht so wahnsinnig gerne Serien gucke. Endlose Nächte vorm Fernseher, das ist nichts für mich. Mir ist der neue Bond schon zu lang. Zwei Stunden geht, alles darüber hinaus belastet meine Aufmerksamkeitsspanne zu sehr.

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Trotzdem spielen Sie, wie jetzt in „Blackout“ nach dem Roman von Marc Elsberg, immer wieder in Serien mit.

Ja, aber alles über acht Folgen ist schwierig. Ob bei Ferdinand von Schirachs „Schuld“, bei „Faking Hitler“ mit Lars Eidinger oder jetzt bei „Blackout“, die Serienproduktionen bewegen sich meistens zwischen sechs und acht Folgen. Ich komme ja noch aus einer Zeit, in der Klausjürgen Wussow Anrufe von Fans bekommen hat, wann er in der Schwarzwaldklinik einen Termin für eine Operation frei hat.

Der Schauspieler verschmilzt bei sehr langen Serienformaten in der Wahrnehmung des Publikums irgendwann mit seiner Figur. Bereitet Ihnen das Unbehagen?

Nicht nur das, man spielt ja auch über Jahre hinaus dasselbe. Ich mag es, mich einer Figur zu nähern, sie zu spielen, sie dann aber auch wieder abzuschließen. Noch eine Staffel und dann noch eine, das ist eher nichts für mich, dafür liebe ich die Abwechslung zu sehr. Meine Mutter hat mir schon früh erzählt: Das Schlimmste am Theater ist, wenn du einem Stück verhaftet bist, das du nicht magst, dann wird es plötzlich ein Riesenerfolg, und du spielst es drei Jahre lang.

Aufwendige Produktionen wie „Faking Hitler“ oder jetzt „Blackout“ wären früher im Kino gelaufen oder zumindest zur Primetime bei den Privatsendern. Heute werden solche Stoffe gleich für Streaminganbieter produziert wie in diesem Fall für Joyn. Ist das Fluch oder Segen für den deutschen Film?

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Erst mal ein Segen. Schon deshalb, weil viel mehr Rollenfächer bedient werden können. Durch die Streamingkonzerne bekommen Schauspieler Engagements, die sonst keine Chance gehabt hätten. Auch für interessante Nebenfiguren, die so facettenreich geschrieben sind, wie es das früher nicht gab.

Es gab aber doch auch früher schon anspruchsvolle und trotzdem erfolgreiche Serien, die facettenreich und vielschichtig waren.

Ja, aber die blieben Solitäre. Bernd Eichinger hat das als einer von wenigen schon früh gewagt, etwa mit dem „Baader Meinhof Komplex“. Aber er wurde noch total angefeindet, als er 2005 aus dem „Untergang“ neben dem langen Kinofilm noch einen Dreiteiler fürs Fernsehen gemacht hat. Eigentlich war er damit aber Vorreiter für alles, was jetzt gerade im Streamingbereich passiert.

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Spielt und dreht man fürs Netz anders als für einen Kinofilm?

Man dreht anders, vor allem aber schreibt man anders, weil man nicht mehr auf die klassische Struktur von Kinofilmen angewiesen ist, sondern viel mehr Zeit hat. Es ist wie früher beim Übergang von der Schallplatte auf die CD: Das Medium bestimmt das Produkt. Früher galt für viele Buchvorlagen: zu lang, zu kompliziert, nicht umsetzbar für einen Kinofilm. In gut geschriebenen Streamingserien kann man sich solchen Stoffen jetzt viel intensiver widmen, den Autoren kommt das eigentlich sehr zugute. Früher hat in Filmen oft der Unterbau gefehlt: Was machen die anderen Figuren, wie sind die Hintergründe? Solche Details mussten die Autoren oft weglassen, oder das Drehbuch ging gar nicht erst durch, weil man die Komplexität eines Romans in einem zweistündigen Film nicht abbilden konnte. Durch das Streaming haben solche Projekte heute eine viel größere Chance, realisiert zu werden.

Das heißt, die Qualität deutscher Produktionen hat sich durch das Streamingangebot verbessert?

Unbedingt. Teilweise aber auch so, dass es keiner mitbekommt. Peter Thorwarth hat fünfzehn Jahre lang vergeblich versucht, einen Film wie Blood Red Sky in Deutschland zu machen, und jetzt ist das Ding bei Netflix auf Platz eins. Nach Zuschauerzahlen ist er damit sicher der erfolgreichste deutsche Film aller Zeiten – und das mit gewaltigem Abstand, weil wir da auf einmal über 80 Millionen Menschen reden. Trotzdem wird das nicht so richtig wahrgenommen, weil der physische Resonanzraum in der echten Welt fehlt. Es verhallt einfach, weil der Raum, in dem der Film stattfindet, die ganze Welt ist. Da kommt kaum Echo zurück.

Und kaum jemand bemerkt, dass Blood Red Sky ein deutscher Film ist. So wie man bei Netflix ja auch selbst manchmal kaum weiß, ob man gerade eine schwedische, norwegische oder spanische Produktion schaut.

Weil alle Produktionen so konfektioniert sind. Die Anforderungen lauten: Filme und Serien sollen ein gewisses länderspezifisches Kolorit bewahren und national sein, gleichzeitig aber groß genug, um ein internationales Publikum ansprechen zu können. Gerade Anbieter wie Netflix geben sich große Mühe, ihre Produktionen auch visuell so anzugleichen, dass die Unterschiede immer mehr verschwimmen. Früher hat man Produktionen noch viel stärker angesehen, ob sie aus Spanien, aus den Staaten oder aus Schweden kamen. Heute sieht man das nicht mehr unbedingt, alle Formate sehen gleich geil aus.

Ist das ein Qualitätsmerkmal? Oder eher ein Alarmsignal für den nationalen Film?

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Es wird zumindest spannend zu sehen, welche Auswirkungen diese Konfektionierung auf die kulturelle Identität im Kino haben wird. Das klassische Kino, das ich sehr liebe, ist durch das Streaming ja ohnehin noch mehr unter die Räder gekommen und hat seinen Platz in der Mitte der Gesellschaft eingebüßt. Wahrscheinlich ist das eine normale Entwicklung, dasselbe ist auch schon dem Theater, der Oper und danach dem Radio passiert. Aber ich, als Rezipient wie als Schauspieler, bedauere es sehr. Ich fühle mich im Kino nach wie vor am wohlsten. Aber es wird immer schwerer, ein breit aufgestelltes Genrekino zu präsentieren. Auf der anderen Seite sind wir Deutschen für diese Entwicklung wie gemacht, weil wir im Kino ohnehin nie eine kulturelle Identität gehabt haben. Dass die Streaminganbieter es jetzt auch uns erlauben, groß zu denken, kommt uns sicher entgegen.

Deutsche Filmemacher haben aber doch immer schon auch große Filme in Hollywood gemacht, Wolfgang Petersen zum Beispiel oder Roland Emmerich.

Ja, aber nur deswegen, weil sie es bei uns in Deutschland nicht konnten. Wenn die jungen Wolfgang Petersens von heute durch die Streaminganbieter jetzt nicht mehr nach Hollywood müssen, um solche Filme zu drehen, sondern sie bei uns machen können, wäre das doch eine tolle Entwicklung.

Blackout läuft von Donnerstag an bei Joyn.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Georgi, Oliver
Oliver Georgi
Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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