Russische Staatsmedien

Moskaus Nachrichtenmanipulation in der Ostukraine

Von Gerhard Gnauck, Warschau
12.04.2021
, 21:54
In der Nähe von Donezk stirbt ein Junge und die russischen Staatsmedien nutzen den Vorfall, um ihre ganz eigene Geschichte darum zu stricken. Westlichen Medien wird die Berichterstattung erschwert.

Der „gekreuzigte Junge“ aus der Ostukraine hat es zu Weltruhm und zu einem mehrsprachigen Wikipedia-Eintrag gebracht. Im Juli 2014, als dort gekämpft wurde, sollen ukrainische Soldaten ein drei Jahre altes Kind „wie Jesus“ an eine Bretterwand genagelt haben. So berichtete es jedenfalls der „Erste Kanal“ des russischen Staatsfernsehens und präsentierte eine angebliche Augenzeugin. Der Bericht weckte bei etlichen russischen Journalisten Misstrauen. Die Oppositionellen Boris Nemzow und Alexej Nawalnyj kritisierten die Sendung heftig. Nemzow, einst Vize-Regierungschef, wurde ein Jahr danach in Moskau erschossen; der Blogger Nawalnyj sitzt heute hinter Gittern. Die militärische Entwicklung haben sie nicht aufhalten können: Seit dem Sommer 2014 stehen russische sowie örtliche, prorussische Kämpfer in der Ostukraine und verteidigen zwei von keinem Land der Welt anerkannte „Volksrepubliken“. Jenseits der gut 400 Kilometer langen Trennlinie steht die Armee der Ukraine.

Am 2. April dieses Jahres wurde die Erinnerung an jene „Kreuzigung“ wieder aktuell. Die Staatsmedien Russlands berichteten von einem kleinen Jungen, der in der „Volksrepublik“ DNR bei Donezk getötet wurde. Möglicherweise hatte er – in einer der am stärksten verminten Regionen der Welt – einen Sprengsatz berührt. Die Medien machten daraus: Eine ukrainische Drohne habe über dem Grundstück eine Sprengladung abgeworfen. Wenig später wurden auch Filmaufnahmen von dem Grundstück und die leicht verletzte Großmutter des Jungen gezeigt. Die russischen Staatsmedien haben in den „Volksrepubliken“ Bewegungsfreiheit. Dagegen werden zum Beispiel Korrespondenten von ARD, Deutscher Welle oder dieser Zeitung nach der legalen Einreise von „unbekannten Männern“ massiv eingeschüchtert oder gar nicht erst hineingelassen.

Zugang hat jedoch eine internationale Beobachtermission, die OSZE-SMM. Ihre Leute versuchen seit 2014, in der Ostukraine jeden Schusswechsel, jede Explosion, jedes den geltenden Regeln widersprechende Kriegsgerät zu registrieren. Fünf Tage nach dem Tod des Jungen kamen auch sie in den kleinen Ort Oleksandriwske, nordöstlich von Donezk und vierzehn Kilometer von der Trennlinie entfernt. Die Beobachter sprachen mit der Großmutter, vermaßen den Hof, sicherten Spuren. Dann taten die unbewaffneten Beobachter das Einzige, was sie tun können: Sie notierten in ihren täglich unter www.osce.org veröffentlichten Berichten, dass eine Explosion und „vermutlich Schrapnelle“ (Teile einer Granate) hier frische Schäden verursacht hatten. Im Augenblick der Explosion war die Großmutter jedoch im Haus und konnte nicht sagen, von wem und von wo der Sprengsatz geworfen worden sei.

Ungewöhnliche militärische Aktivitäten

Immer wieder werden über den „Volksrepubliken“ Beobachtungsdrohnen der OSZE, die wertvolle Bilder liefern, von Störsendern behindert oder sogar beschossen. Am Samstag sollte Russland im Rahmen der OSZE in Wien seine „ungewöhnlichen militärischen Aktivitäten“ rund um die Ukraine erklären. Der Vertreter Moskaus erschien nicht zu der Sitzung, worüber Deutschland und Frankreich ihr Bedauern ausdrückten.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Gnauck, Gerhard
Gerhard Gnauck
Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.
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