Filmfest in München

Nach dem Kino bitte nicht tanzen

Von Jörg Seewald
01.07.2021
, 07:08
Leere Kinosäle: Nach monatelanger Schließung öffnen viele Kinos am 1. Juli wieder ihre Pforten.
Die 38. Ausgabe des Münchner Filmfests startet heute in schwierigen Zeiten und mit schmalem Budget und kleinem Programm. Die Leiterin Diana Iljine bleibt trotzdem optimistisch.

Das Spiel „Monopoly“ kann grausam sein, besonders wenn die Ereigniskarte befiehlt: Gehe sofort ins Gefängnis, ziehe nicht 4000 Euro ein. Ins Gefängnis muss Diana Iljine nicht, doch zurück auf Los muss die Geschäftsführerin des Münchner Filmfests in diesem Jahr schon. Vor zehn Jahren, im August 2011, war die Kommunikationswissenschaftlerin angetreten. Sie übernahm das Filmfest als aufgeblähtes und unterfinanziertes Konstrukt. Unter Diana Iljines Ägide wurde das Programm schnell eingedampft von 220 auf 180 Filme. Den Anteil der Fernsehfilme hat sie sukzessive vergrößert, auch um sicherzustellen, dass München im Sommer als allseits gesuchter TV-Branchentreff leuchtet.

Das Konzept überzeugte schließlich Bayerns Ministerpräsident Markus Söder, der sich gern im Licht des aus seiner Sicht zu wenig beachteten Münchner Filmfests sonnte. Also versprach er, den Etat um mehrere Millionen Euro im Jahr zu erhöhen. Geknüpft war das an die Bedingung, dass dafür ein zentraler Kulturbau entstehen müsse, in dem nach Möglichkeit das gesamte Filmfestgeschehen stattfinden solle, verbunden mit der Hoffnung, damit zu den Großen der Branche von Berlin bis Cannes aufzuschließen. Die ersten sogenannten Söder-Millionen flossen in den fälligen Neuaufbau der Website des Filmfests. „Wir haben begonnen die Investitionsstaus zu lösen“, sagt Diana Iljine. Dann konnten sich die Gesellschafter des Filmfests nicht auf das gewünschte Gebäude einigen, die Söder-Millionen stoppten, und die Pandemie tat ihr Übriges. Dazu mussten die Städte ihre Haushalte um sieben Prozent nach unten korrigieren, „was für uns auch einige hunderttausend weniger bedeutete“.

Wenig staatliche Unterstützung

Beim 38. Münchner Filmfest muss Diana Iljine mit einem Mager-Etat von 3,5 Millionen Euro zehn Tage Programm stemmen. Mangelverwaltung würden die einen sagen, die auch verwundert zur Kenntnis nehmen, dass die Berlinale vom Bund mit zehn Millionen Euro gesponsert wird, München mit null. Das kleine Team um Iljine wird nicht müde, den Charme des nun über die Stadt an der Isar geworfenen Veranstaltungsnetzes zu betonen, in dem man das „konzentrierte“ Programm von siebzig Filmen zeige. Mit der Reduktion befinde man sich in guter Gesellschaft, sagt Iljine, „Venedig hatte in diesem Jahr auch nur achtzig Filme“. Und die, die laufen, sind nach Dafürhalten der Filmfestchefin „eins a“.

Leiterin des Münchener Filmfest Diana Iljine
Leiterin des Münchener Filmfest Diana Iljine Bild: ddp

Tatsächlich sollte, wer den neuen Film „Sommer 85“ von François Ozon sehen will, der in Cannes vom 6. Juli an im Wettbewerb läuft, das am Sonntag im Liegestuhl in den zauberhaften Gärten des Institut Français am Englischen Garten tun – so der Wettergott mitspielt. Denn die besten neuen Locations wie Sugar Mountain, Bahnwärter Thiel, die exklusiven Fünf Höfe, das Kino am Olympiasee oder die Pasinger Fabrik (hier laufen alte Paukerfilme) versprechen Freiluftvergnügen oder eben die Gewitterhölle, wie sie Dienstagabend Münchens Innenstadt verwüstete. Geschützte Bereiche gibt es dagegen im Amerikahaus, den City Kinos im Gasteig, Gloria, Rio, Sendlinger Tor, allerdings nur für eine Handvoll Besucher. Sie sei „Spezialistin für Mischbestuhlung“, sagt Diana Iljine und wisse, ob Abstände vom Kopf oder von der Schulter gemessen werden müssten. Deshalb könnten statt 1500 nur 126 Personen Ed Herzogs Eröffnungsfilm sehen. Aus der Eberhofer-Krimireihe läuft „Kaiserschmarrndrama“, das mit dem nötigen zeitlichen Abstand sicher Millionen ARD-Zuschauer sehen werden.

Immerhin fünfzehn der siebzig Filme widmen sich dem deutschen Kino. Dazu zählt Dietrich Brüggemanns „Nö“, Marcus H. Rosenmüllers Animationsfilm „Rotzbub“, „Das Mädchen mit den goldenen Händen“ von Katharina Marie Schubert und „Generation beziehungsunfähig“ von Helena Hufnagel. Der CineMerit Award geht in diesem Jahr an Senta Berger, die man schon lange habe auszeichnen wollen. Ihr zu Ehren läuft der Kinohit „Willkommen bei den Hartmanns“ aus dem Jahr 2016, bei dem Bergers Sohn Simon Verhoeven Regie führte. Aus den Vereinigten Staaten reist Franka Potente an, die für „Home“ den Margot Hielscher-Preis erhält. Ein CineMerit geht an Robin Wright für „Abseits des Lebens“. Die Schauspielerin wird aber nur virtuell anwesend sein, anders als die ebenfalls geehrte polnische Filmemacherin Malgorzata Szumowska. Diana Iljine freut sich auf den türkischen Film „Ghosts“, der einen Einblick biete, „wie sich Istanbul gerade verändert“. Als Coup wertet sie die Verpflichtung von „Checker Tobi“ Tobias Krell: Der neue Leiter des Kinderfilmfests will mit einem Schulworkshop neue Kinofans gewinnen. Helfen sollte ihm dabei auch die Weltpremiere von „Lauras Stern“ am 9. Juli.

Diana Iljine wird nicht müde, den Einsatz und die Improvisationskünste ihres Teams zu loben. In neuen Kooperationen neue Plätze zu bespielen sei ein Abenteuer. Man habe sich etwa von dem Partner von Sonne, Mond und Sterne jede Menge Tipps fürs Outdoor-Kino geben lassen. Doch die Lage bleibt kompliziert: Auf der einen Seite konstatiert die Filmfestchefin eine große Lust der Branche, sich endlich wieder leibhaftig zu treffen, auf der anderen Seite „fällt die komplette Feier- und Partytätigkeit flach.

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Wir können Kino auf der Leinwand erleben, aber wir können nicht tanzen“, sagt sie, und dass sie bei manchen Anträgen schon vorsorglich drohe: „Das riecht doch nach Party. Ich lasse euch räumen.“ Zu zart ist das Pflänzchen Vertrauen, das gerade wieder im Kulturbereich wächst, um es von nicht eingehaltenen Hygienekonzepten zertrampeln zu lassen. „Der Vorverkauf läuft gut an. Die Leute lassen sich darauf ein“, sagt Diana Iljine und blickt optimistisch den nächsten zehn Tagen entgegen. Dennoch schlagen zwei Herzen in ihrer Brust. Zwar formuliert sie fast trotzig: „Ich weine doch keinen Söder-Millionen hinterher“, merkt aber wenige Augenblicke später an, allzu oft könne sie den diesjährigen Parforceritt ihren Mitarbeitern und sich nicht zumuten: „Sonst droht uns allen der Burnout.“

Quelle: F.A.Z.
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