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Münchner „Abendzeitung“

Wir wollen eine Heimatzeitung sein

 - 14:49

Sie haben die „Abendzeitung“ übernommen, mit deren Überleben schon fast niemand rechnete. Nach den ersten Tagen: Wo stehen Sie mit dem Blatt?

Wir hatten nur zwei Wochen Zeit, eine Zeitung zu konzipieren, ein Team zusammenzustellen und die Zusammenarbeit zwischen unserem Haus und der AZ hinzukriegen. Dafür läuft es gut.

Wird die „neue“ AZ angenommen?

Wir haben mit viel mehr Abbestellungen gerechnet. Nun sind es hundertfünfzig in einer Woche, und das vor allem wegen zu leichter Sudokus und fehlender Fernsehbeilage. Wir haben nicht damit gerechnet, dass wir nach einer Woche eine derart hohe Auflage hätten. Wir hatten 20.000 Fernsehbeilagen zu wenig bestellt. Das hat zu einigen Abbestellungen geführt.

Sie verrechnen sich bei der Auflage?

Es hieß, es seien 35.000 Abos. In Wirklichkeit sind es nur 25.000. Wir hatten so etwas geahnt. Dazu kommen 25.000 Exemplare im freien Verkauf. Den stummen Verkauf wollten wir gar nicht mehr machen, weil fünfzig Prozent der Zeitungen gestohlen werden.

Eine höhere Auflage sorgt für bessere Anzeigenpreise.

Anzeigenkunden haben wir noch kaum. Wir wollten den Weg mit der ganz harten Auflage gehen - der Auflage, die bezahlt ist. Aber dann haben wir gemerkt, es gibt Stellen, da wird die „Abendzeitung“ verlangt, es ist aber weit und breit kein Kiosk in Sicht. Das betrifft zum Beispiel die Arbeiter bei BMW. Manche Unternehmen kaufen eine gewisse Stückzahl der AZ ab, zu 25 bis dreißig Cent das Stück, und nehmen die Remittenden auf die eigene Kappe. Jetzt haben wir zehntausend Exemplare im stummen Verkauf und nur eine Klauquote von fünfzehn Prozent. Offensichtlich haben die Leser Mitgefühl. Das heißt, sie sind mit dem Blatt zufrieden. Wir haben eine höhere Auflage als erwartet: 70.000 verbreitete Exemplare unter der Woche und am Wochenende 80.000.

Wie wollen Sie ins Plus kommen?

Unser Businessmodell sagt, dass wir mit einer Auflage von 25.000 bis 30.000 Exemplaren schwarze Zahlen schreiben. Die Zeitung kam zuletzt auf 33 Millionen Euro Kosten und machte einen Umsatz von 24 Millionen Euro pro Jahr. Selbst wenn wir alle Mitarbeiter entlassen hätten, wäre ein Minus geblieben. Das Blatt war schlecht geführt. Wir müssen alles anders machen. Wir haben heute etwa dreißig Mitarbeiter, mittelfristig werden es vierzig sein, aber nicht mehr 120 wie zuvor, weil das die Zeitung nicht hergibt. Zeitung und Auflage waren künstlich aufgeblasen. Wir fragen uns jetzt: Gibt es den echten AZ-Leser? Was erwartet er von seiner Zeitung? Wenn wir die Erwartungen erfüllen und mit einem Jahresetat von rund zehn Millionen Euro rechnen, kann es funktionieren. Wir werden wahrscheinlich schon in diesem Jahr eine schwarze Null schreiben. Wir zielen auf eine Umsatzrendite von fünf Prozent. Ich wäre arm dran, wenn ich mit der AZ sofort Geld verdienen müsste. Aber wenn du gar nichts verdienst, bist du der Depp.

Wen haben Sie denn übernommen?

Meine größte Freude ist, dass ich motivierten Menschen einen Job und eine Zukunft geben kann. Ich hatte ganz anderes erwartet. Ich habe gedacht, da kommen alte, demotivierte AZ-Leute - die schreiben am Tag nur einen Text. Das hatte ich erwartet. Zur Tür herein kamen motivierte, junge Menschen. Ich wollte mit jedem Einzelnen weiterarbeiten.

Viel von der AZ bleibt aber nicht übrig.

Nur Lokales, Feuilleton und teilweise Sport, nicht aber Politik und Wirtschaft. Das macht die Chefredaktion mit, indem wir Korrespondentenberichte aus London und Paris anbieten. In Berlin haben wir ein gemeinsames Büro mit der „Augsburger Allgemeinen“, mit vier Korrespondenten. Deren Texte bieten wir den Münchnern an, aber die wählen selbst aus. Der Chefredakteur hat jeden Tag 32 Seiten. Wir helfen, Wirtschaftsnachrichten zu hierarchisieren. Das kann die AZ allein nicht bezahlen. Aber die Unabhängigkeit der Meinung des Blattes ist gewährleistet.

Wie viele Leute arbeiten denn nun genau in München und Straubing für die AZ und warum der Umzug?

In München arbeiten 25 und in Straubing zehn. Mittelfristig wird die AZ vierzig Mitarbeiter haben. Die Anzeigenabteilung stellen wir gerade auf. Eine Beilagenabteilung kaufen wir ein. Wir schaffen Arbeitsplätze. In der Hopfenpost, der bisherigen Redaktionsadresse, beliefen sich die Mietkosten pro Jahr auf 1,2 Millionen Euro, jetzt haben wir die Hälfte der Quadratmeter in der Garmischer Straße im Westend für 120.000 Euro. Alle Kosten sind aus dem Ruder gelaufen.

Sie haben die Gehälter reduziert.

Wie im amerikanischen Spielfilm saß ich da mit der Rechenmaschine. Dann haben Mitarbeiter mir ihr bisheriges Bruttogehalt genannt. Ich habe 85 Prozent eingegeben als Verhandlungsbasis, und in der Regel sind wir drüber gelandet, bei neunzig, 95, teilweise hundert Prozent. Wer in München lebt, muss mindestens 40.000 Euro im Jahr verdienen, sonst geht es gar nicht. Wir heißen ja auch Arbeitgeber und nicht -nehmer. Aber wir haben den Betrieb angeschaut, und er war kaputt, nicht sanierbar.

Wieso haben Sie die AZ dann überhaupt gekauft?

Ich hatte ja schon abgesagt und dann Anfang Juni im Internet gelesen, dass es jetzt in die Regelinsolvenz geht. Ich schrieb eine Mail an den Insolvenzverwalter, ob es möglich sei, den Internetbereich zu kaufen - so wie es andere Interessenten auch gemacht haben. Der Insolvenzverwalter entgegnete: Wir verkaufen Segmente. Auf dem Weg in den Pfingsturlaub nach Südtirol bin ich in München vorbeigefahren mit schlechtem Gefühl. Aber dann sah ich: Du kannst eine Printversion machen, denn die Online-Redaktion war auf die Lokalredaktion angewiesen.

Und auf das Lokale setzen Sie.

Genau. Wir bieten eine schöne Zeitung zum Frühstück. Die soll weich sein, heller, aufgeräumter. Wir wollen die Stadtteilberichterstattung ausbauen. Das musst du dir erarbeiten, du musst zu den Menschen. Nicht zu reißerisch, sondern eher so, wie wir das als Heimatzeitung können: nah am Leser, aber zum Wohlfühlen. Ich bin gegen künstliches Aufblasen von Problemen. Die Menschen sind ohnehin überlastet. Darstellen und Lösungen anbieten wäre der Stil, den wir haben wollen. Das können wir ja, das machen wir in Straubing, Landshut und Furth im Wald.

Dafür braucht es mehr als dreißig Leute.

Wir müssen arbeiten. Wir brauchen mehr Geschichten, und dazu müssen wir mehr Leute einstellen. Gerade haben wir zwei Stellen genehmigt, weil der Chefredakteur gesagt hat: Ich brauche mehr Leute.

Bei dem Personalstand kein Wunder.

Niemand wollte diese Zeitung haben. Wir waren zur Stelle, als die Strukturen geöffnet wurden, und haben so viele Leute übernommen wie möglich. Die komplette Lokalredaktion, die wir jetzt ausbauen, und im Feuilleton die beiden Chefs und die anderen beiden als Pauschalisten. Alle Verträge waren falsch in der AZ, die Immobilienverträge, die Druckverträge, zu viele Leute. Alles musste man neu machen.

Warum glauben Sie, dass gerade Ihnen das glückt?

Wir in Niederbayern hatten nie die Möglichkeiten wie die Oberbayern. Teilweise herrschte bei uns eine Arbeitslosigkeit von dreißig bis vierzig Prozent. Unsere Abopreise lagen bei der Hälfte vom Normalen. Bei uns kostet eine Anzeige zwei Drittel von der in Regensburg. Wir haben nie die Umsatzrendite gehabt wie andere Heimatzeitungen. Wir haben gelernt, sparsam zu wirtschaften. Wenn es heißt, der Balle ist so knauserig, dann hat das einen Hintergrund in der Geschichte unseres Hauses. Wir hatten ja erst einmal kaum Stellenmarkt. Deswegen habe ich mir die AZ zugetraut und wusste, dass ich mir jede Stelle anschaue. Andere Verlage sind Märkte gewohnt und denken nicht in Strukturen mit jedem einzelnen Leser. Wir machen Miniausgaben für fünfhundert Leute in Plattling und achthundert in Schierling. Wir haben gelernt, mit Kleinstauflagen zu arbeiten. Das können wir.

Die bekannte Politikjournalistin Angela Böhm musste gehen.

Die Politikredaktion der AZ war langweilig, nicht rechts, nicht links, erwartbar. Der Leser will eine Zeitung, die überrascht und die offen ist. Ich finde, linksliberal heißt nicht, dass man eine vorgefasste Meinung hat. Linksliberal heißt, analytisch kritisch zu sein, und das sind wir - übrigens auch in Straubing. Ich weiß von vielen Lesern, dass sie die Erwartbarkeit nicht mehr ertragen haben.

Sport ist wichtig in München. Wer bleibt von der Redaktion?

Patrick Strasser wird auf freier Basis als Bayern-Kenner ab August weiter für uns schreiben. Ich bin ein Blauer, also Löwen-Fan, aber ich kann nicht mehr. Die machen alles falsch und kriegen nicht einmal einen Präsidenten her. Die AZ bleibt ein Blatt für die Löwen-Fans. Der FC Bayern ist natürlich viel professioneller. Hoffentlich kommt Uli Hoeneß bald frei. Übrigens bleiben als alte AZ-Markenzeichen Graeter und Ponkie.

Nehmen Sie redaktionell Einfluss, etwa wenn Lidl als Anzeigenkunde einen Skandal hat?

Als damals der Skandal war, fragte mich die Redaktion, was sie machen solle. Wir waren damals sehr abhängig von Lidl als Anzeigenkunde. Ich entschied, dass wir das in der Wirtschaft bringen, aber nicht groß und reißerisch. Meine Empfehlung wäre also: Sie machen das nicht ganz so auffällig, damit Lidl den Prospekt weiter streut. Das bringt mir im Jahr 500.000 Euro. Davon kann ich zehn Leute bezahlen. Ich muss ja auch sozial denken.

Aber eine Zeitung muss Rückgrat haben.

Aber du darfst geschickt sein. Es gibt ein jüdisches Sprichwort: „Du darfst nicht lügen, aber du musst auch nicht alles sagen, was du weißt.“ Wenn wir alles im „Straubinger Tagblatt“ schreiben würden, was wir über die Stadt wissen, könnte keiner mehr in dieser Stadt leben. Dann ist die Stadt fertig. Darauf muss man Rücksicht nehmen. In München mische ich mich aber nicht ein. Ich würde den Chefredakteur nicht beeinflussen wollen.

Bekennen Sie öffentlich selbst auch mal Farbe?

Natürlich. Ich schreibe einen offenen Brief an Gerda Hasselfeldt. Sie hat für den Mindestlohn bei Zeitungsausträgern gestimmt und bei meinem Vater angerufen und das Gegenteil behauptet. Nun vergleiche ich sie mit der Lila aus Max Frischs „Mein Name sei Gantenbein“, die den anderen vormacht, die Welt schaut anders aus. Wissen Sie, die AZ und wir haben eine Wellenlänge. Wir sind anarchische Niederbayern, und wir wollen unser Ding machen, und die bei der AZ wollen auch ihr Ding machen.

Die Fragen stellte Jörg Michael Seewald.

Quelle: F.A.Z.
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