Semsrotts „Die Partei“-Austritt

Satirepartei wird satirefrei

EIN KOMMENTAR Von Michael Hanfeld
14.01.2021
, 17:28
Wer Witze nur erträgt, wenn sie nicht auf Kosten der eigenen Weltanschauung gehen: Nach dem Austritt von Nico Semsrott aus der „Partei“ dürfte das Satireprojekt wohl an sein Ende gelangt sein.

Das Kinderlied von den drei Chinesen mit dem Kontrabass steht inzwischen garantiert auch auf dem Index. Zumindest bei Nico Semsrott, obwohl er als Kabarettist und Satiriker firmiert. Politiker ist er auch, Europaabgeordneter sogar.

Als solcher hat er erkannt, dass sein Parteikollege Martin Sonneborn, ebenfalls Satiriker, früherer Chefredakteur der „Titanic“ und Mitgründer der Partei „Die Partei“, angeblich nicht richtig mit dem Vorwurf umgehen kann, er sei ein Rassist, beziehungsweise er reiße rassistische Witze, beziehungsweise er verletzte die Gefühle von „Betroffenen“.

Ausführlich erklärter Witz

Was ist der rassistische Witz? Ein Bild, auf dem sich Sonneborn in einem T-Shirt mit dem Aufdruck „Au Wiedelsehern, Amlerika! Habem Sie Guter FrLug runtel! Plinted in China. Fü Die PALTEI“ zeigt? Das sollte – dies als Erklärung für notorische Satiremissversteher – ein Abschiedsgruß an den amerikanischen Horrorpräsidenten Donald Trump und ein Verweis darauf sein, dass dieser zwar immerzu vor China warnt, die Merchandising-Artikel des Trump-Zirkus aber aus eben jenem Land der Verdammnis stammen.

Seinen Witz hat Sonneborn sehr ausführlich erklärt: Es sei darum gegangen, „die zunehmend gegenstandsloser werdende weltpolitische Überheblichkeit der USA zu karikieren, ihre Forcierung einer wirtschaftlichen Konfrontation mit China, ihre an Widersinnigkeit schwer zu übertreffenden Ideologien & Feindbildkonstruktionen, und vor allem: die wiederholten sinophoben Ausfälle und Polemiken ihres Präsidenten (,China-Virus!‘)“.

Privilegierter alter weißer Mann

So ist es zu lesen auf Twitter bei Sonneborn, der sich für den Witz zugleich entschuldigt: Die Wirkung besagten Shirts habe er unterschätzt. Er sei so überzeugt davon gewesen, „dass die Stoßrichtung des Aufdrucks klar“ sei, dass ihm nicht bewusst gewesen sei, „dass sich jemand davon rassistisch diskriminiert fühlen könnte“. Führe ein Witz zu „rassistischer Verletzung“, sei es ein misslungener Witz. Es tue ihm „leid, dass Menschen durch die Reproduktion dieser Stereotype verletzt wurden“.

So vollzog Sonneborn den Kotau, den Kollege Semsrott (und mit ihm eine Shitstorm-Truppe, angestachelt unter anderem vom Magazin „Vice“) von ihm gefordert hatte und dessen vorläufiges Ausbleiben Semsrott bewog, aus der Partei „Die Partei“ auszutreten, wie er in einer „humorlosen Erklärung“ kundtat. In dieser führte er Sonneborn – ganz ohne Witz – als privilegierten alten weißen Mann vor, dem es nicht gelinge, Menschen, die sich „von seinen Postings rassistisch angegriffen fühlen“, mit „Mitgefühl“ und „Respekt“ zu begegnen, und „das eigene Verhalten zu korrigieren“. Seiner Verantwortung als Vorsitzender einer Partei mit fünfzigtausend Mitgliedern und zuletzt 900000 Wählern werde Sonneborn nicht gerecht.

Damit dürfte das Satireprojekt der Partei „Die Partei“ wohl an sein Ende gelangt sein. Denn deutlicher als Martin Sonneborn (unfreiwillig) und Semsrott (freiwillig) kann man kaum demonstrieren, was engstirnige Borniertheit bedeutet, die Witze und Satire nur erträgt, wenn diese nicht auf Kosten der eigenen Weltanschauung und Peergroup gehen und wenn sie einem nicht die eigenen Vorurteile um die Ohren hauen.

Es spiele „keine Rolle, ob ein Absender seine Aussage diskriminierend meint“, heißt es bei „Vice“, einem Zentralorgan aktueller moralischer Korrektheit: „Was zählt, ist ausschließlich, ob er damit jemanden verletzt.“ Wie gut oder schlecht man einen Witz im Einzelfall finden kann – wenn es danach geht, dass sich jemand „verletzt“ fühlt, war’s das mit Humor und Satire. Dann müssen Lisa Eckhart, Dieter Nuhr und Serdar Somuncu, die es zuletzt erwischt hat, ein für alle Mal einpacken. Und alle anderen, die sich einen Sinn für Ironie und Hintersinn bewahrt haben, ebenfalls. Das Lied über die drei Chinesen, die auf der Straße musizieren und von dümmlichen Polizisten beargwöhnt werden, werden wir dann auch nicht mehr singen.

Eine Pointe hat dieser Aberwitz um einen Witz aber dennoch: Nico Semsrott tritt zwar aus der Partei „Die PARTEI“ aus, seinen Sitz als Europaabgeordneter behält er aber natürlich. Er könne, schreibt Semsrott, der sich schon im Sommer 2019 der Fraktion der Grünen im Europaparlament anschloss, „das Leid nicht verantworten, das ein*e Nachrücker*in statt meiner ertragen müsste“. Das nennen wir mal einen guten Witz! Wie sagt Martin Sonneborn dem Kollegen Semsrott zum Abschied? Er bedanke sich „für die deprimierende Zusammenarbeit“ und wünsche ihm „für die Zukunft viel Erfolg“.

Quelle: F.A.Z.
Michael Hanfeld  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Hanfeld
verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.
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