Nachruf Volker Lechtenbrink

Der Macher

Von Edo Reents
23.11.2021
, 15:52
Volker Lechtenbrink 1965 mit Hildegard Knef auf dem Theater in Frankfurt.
Er war, im besten Sinne, ein Gebrauchskünstler: Zum Tod des Schauspielers und Sängers Volker Lechtenbrink.
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Hamburg war, schon wegen der Beatles, in den sechziger Jahren die Stadt, die wohl am meisten zur Internationalisierung der deutschen Unterhaltungskunst beigetragen hat, indem es eine Reihe von jungen Leuten anzog, die hier ihr Glück versuchten und es seither als ihre eigentliche Heimatstadt betrachten: Udo Lindenberg, Otto Waalkes, Marius Müller-Westernhagen und Volker Lechtenbrink, der 1944 in Ostpreußen geboren wurde, dessen Familie aber aus Bremen stammte.

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Entsetzen im Milchgesicht

Lechtenbrink war, wie die anderen, eine Mehrfachbegabung und unter diesen am wenigsten auf eine Profession festzulegen. Mit vierzehn gab er, an der Seite des etwas älteren Fritz Wepper, in Bernhard Wickis aufsehenerregendem Kriegsfilm „Die Brücke“ den Angehörigen einer auch kurz vor der Kapitulation noch nicht kriegsmüden Generation, deren Jugendlichkeit sie nicht davor bewahrte, ohne Sinn und Verstand verheizt zu werden. Wie er und seinesgleichen aus anfänglicher Abenteuerlust und mit wachsendem Entsetzen im Milchgesicht in heillose, auch mimisch überzeugend zum Ausdruck gebrachte Überforderung hineingeraten, gehört zu den Wundern des deutschen Nachkriegsfilms.

Volker Lechtenbrink (links) in „Die Brücke“.
Volker Lechtenbrink (links) in „Die Brücke“. Bild: dpa

Nach der Rolle als Sohn Ulli in der Tierarztserie „Alle meine Tiere“ neben Gustav Knuth und Sabine Sinjen hatte er sich vollends in der Schnittmenge von Populärfernsehen und einem nie ganz hochkulturell ambitionierten, zuweilen boulevardesken Theater etabliert. Anstandslos übernahm er in Fernsehkrimis Rollen, in denen es wenig zu glänzen gab, die er mit seinem lässigen Jeans- und Lederjacken-Habitus aber stimmig ausfüllte. Seine künstlerische Heimat blieb, wenn dieses hochtrabende Wort auf einen wie ihn überhaupt passt, das Ernst-Deutsch-Theater, wo er Regisseur und eine Zeit lang Intendant war.

Ein idealer Sprecher

In Erinnerung wird er vor allem wegen seiner außergewöhnlich sonoren Stimme bleiben, die ihn zum idealen Synchronsprecher machte und seiner Musik eine markant-virile Note verlieh, nicht nur bei seinen Eindeutschungen von Countryrock-Hits („Der Macher“, „Leben so wie ich es mag“), sondern auch in seinen eigenen, für sich wie für andere geschriebenen, alles andere als dummen Schlagertexten („Du siehst zu gut aus“, „Ich mag“, „Ich glaube, Oma, du sitzt auf ’ner Wolke“). Zu prächtigster Entfaltung kam sie bei Hörspielen und in Filmdokumentationen, bei denen das Gezeigte zuweilen nachrangig wurde.

Ein Mann wie er, den man, im besten Sinne, vielleicht als Gebrauchskünstler bezeichnen darf, stand der hiesigen Unterhaltungsszene gut zu Gesicht: unverkrampft, umgänglich, aber nicht angepasst, tolerant, dem Leben zugewandt, leicht macho- und immer ein klein wenig hallodrihaft. Nun ist Volker Lechtenbrink im Alter von 77 Jahren gestorben.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Reents, Edo (edo.)
Edo Reents
Redakteur im Feuilleton.
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