Netflix-Serie „Die Professorin“

Viel Spaß mit der tickenden Bombe

Von Andrea Diener
25.08.2021
, 12:14
Drei Generationen, die sich nicht immer verstehen: Holland Taylor als Chaucer-Expertin Joan, Nana Mensah als Nachwuchskraft Yaz und Sandra Oh als Ji-Yoon Kim.
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In „Die Professorin“ übernimmt Sandra Oh eine verschnarchte Englisch-Fakultät, in der alte weiße Herrschaften regieren. Das ändert sich, zum Vorteil aller.
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Am ersten Tag ist sie noch stolz und voller Motivation. Dr. Ji-Yoon Kim, gespielt von Sandra Oh, ist frisch ernannte Leiterin der Fakultät für Englische Literatur an der fiktiven Pembroke University, die erste Frau in dieser Position und die erste „Person of Color“. Man setzt große Hoffnungen in den frischen Wind, den sie in ihre verschnarchte Abteilung bringen soll. Vor allem drei Fossilien stehen auf der Abschussliste des Dekanats: Joan Hambling (Holland Taylor), eine etwas exzen­trische Expertin für Chaucer, Dr. Elliott Rentz (Bob Balaban), dessen verstaubte Seminare über amerikanische Literatur des 19. Jahrhunderts niemanden mehr in den Vorlesungssaal locken, und noch einer, aber der schläft meistens. Das wäre alles nicht so schlimm, wären amerikanische Universitäten nicht auf zahlende Kundschaft und gute Bewertungen angewiesen, wie jedes andere Dienstleistungsunternehmen auch.

Ji-Yoon Kims Hoffnungen ruhen auf der jungen wissenschaftlichen Mitarbeiterin Dr. Yaz McKay, beliebt bei ihren Studenten wegen der unorthodoxen Lehrmethoden und der frischen Herangehensweise. Ihr ist das moderne Analysebesteck nicht fremd, und sie nimmt auch die Fragen der Studenten nach dem Privatleben und den kolonialen Verstrickungen der durchgenommenen Autoren ernst. Ihre Vorlesung wird kurzerhand mit der von Elliott Rentz fusioniert, was beide nicht glücklich macht, aber sie raufen sich zusammen.

Das haben wir noch nie so gemacht: Ron Crawford als Professor McHale und ausnahmsweise wach, Bob Balaban als Elliott Rentz.
Das haben wir noch nie so gemacht: Ron Crawford als Professor McHale und ausnahmsweise wach, Bob Balaban als Elliott Rentz. Bild: ELIZA MORSE/NETFLIX

Schwerer zu integrieren ist Bill Dobson (Jay Duplass), mittelalter Starprofessor, der vor Kurzem seine Frau verloren hat, dessen Tochter ausgezogen ist und dem, völlig auf sich zurückgeworfen, alles entgleitet. Seine Konflikte drohen sich in einem Prachtexemplar von einer MidlifeCrisis zu entladen, was mitunter etwas zu slapstickhaft gerät und was diese Serie gar nicht nötig hätte. Denn sie ist auch so sehr komisch, und sie nimmt alle ihre Figuren ernst. Auch Fossil Joan Hambling, deren Büro in ein Kellerloch neben dem Fitnessraum verlegt wurde. Wie sie angesichts widriger Umstände versucht, ihre Würde zu behalten, fast ihren Schreibtisch abfackelt und freimütig von wilden Jugendzeiten erzählt, die sie mit Honoratioren erlebt hat, die in Bedeutung erstarrt als Ölgemälde von der Wand glotzen, hat viel untergründige Komik.

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Die „Woken“ und die Alten

Denn die Serie versucht nicht, die „woke“ Studentengeneration gegen die grauen Eminenzen auszuspielen, und das ist das Gute daran. Vielmehr exerziert sie vor, dass diese Gruppen mittlerweile so unterschiedliche Sprachen sprechen, dass sie eigentlich einen Dolmetscher bräuchten. Und dass sie in vollkommen unterschiedlichen Welten leben. Professor Dobson, der aus Anschauungsgründen in seiner Vorlesung einen lebhaften Hitlergruß vorexerziert, rechnet nicht damit, dass diese Szene aus dem Kontext gerissen wird und auf den sozialen Medien viral geht. Und sobald er es zur Kenntnis nimmt, wehrt er sich mit Händen und Füßen gegen den falschen Eindruck, der dabei entstanden ist, und weigert sich standhaft, sich mithilfe eines Krisen-PR-Experten zu entschuldigen. „Es geht nicht darum, ob du ein Nazi bist“, hält ihm Chefin Kim schließlich eine Standpauke. „Es geht darum, ob du einer dieser Männer bist, die denken, wenn so was passiert, könnten sie sich den Staub von den Schultern klopfen und gehen, ohne einen Hauch von Scheiß-Konsequenzen.“

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© YouTube/Netflix

„Die Professorin“ ist nicht unbedingt der Auftakt, den man von den „Game of Thrones“-Produzenten D. B. Weiss und David Benioff bei Netflix erwartet hätte. Zweihundert Millionen Dollar zahlte der Streamingdienst für einen exklusiven Deal über mehrere Filme und Serien, als Nächstes soll eine Adaption der Science-Fiction-Trilogie „The Three Body Pro­blem“ von Liu Cixin folgen. Dagegen sind die Nöte einer Englischprofessorin, die es allen recht machen will und mit ihrer Adoptivtochter und der unangebrachten Zuneigung zu ihrem Hitlergruß zeigenden Kollegen kämpft, vielleicht nicht das spektakulärste Genre.

„Die Professorin“ ist allerdings ziemlich gut geschrieben. Sandra Oh darf ihr komisches Talent voll ausleben. Und die angesprochenen Themen, die „Political Correctness“, die „Cancel Culture“ auf dem Campus und die Quotenfrau in der Leitungsebene, sind aktuell. Hier werden sie fair und mit einem Interesse für die Argumente beider Seiten behandelt. Und dass Professor Kim die Leitung der Fakultät vorkommt wie eine tickende Zeitbombe, die ihr nur deshalb anvertraut wurde, damit sie sich in den Händen einer Frau befindet, wenn sie explodiert, ist ein durchaus zeitgenössisches Phänomen. Dass nach sechs Folgen Schluss sein soll, das geht allerdings wirklich nicht. Gerade bekamen die Figuren Kontur und Leben und Tiefe, und die Fakultät für englische Literatur ist auch noch nicht gerettet, Staffel zwei möge also bitte bald in Produktion gehen.

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Die Professorin, ab sofort auf Netflix

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Diener, Andrea
Andrea Diener
Redakteurin im Feuilleton.
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