Serie „Nine Perfect Strangers“

Wellness bis zum Durchdrehen

Von Ursula Scheer
20.08.2021
, 14:26
Sie gibt die Erleuchtete: Nicole Kidman spielt Masha, Herrin des  Tranquillum House.
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Die Serie „Nine Perfect Strangers“ beginnt mit einem Psycho-Paradies für Reiche. Bald zeigt sich: Hier geht es um ein Menschenexperiment. Folge um Folge wird es krasser. Wo führt das hin?
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Abnehmen, das Selbstbewusstsein stärken, Körper und Geist ganzheitlich transformieren: Was die von ihrem Mann verlassene Carmel (Regina Hall) ihren eigenen Worten nach beim zehntägigen Aufenthalt in dem ebenso exklusiven wie verschwiegenen Wellness-Resort Tranquillum House zu erreichen sucht, ist nicht gerade wenig. Doch wird das Maß an Selbstoptimierung bei Weitem übertroffen von dem, was Masha, die in Gestalt von Nicole Kidman ätherisch-engelsgleich auftretende Leiterin der Einrichtung, den handverlesenen Gästen an Segnungen verspricht: „Ihr werdet glücklicher, gesünder, leichter, freier werden“, sagt sie den wie zu einer Séance im Kreis gruppierten Ankömmlingen. Geheilt, entgiftet, als neue Menschen würden sie Tranquillum verlassen, den Ort, an dem Verwandlung auch durch Leiden geschehe. Denn Wiedergeburt finde man im Tod.

Das klingt eher nach einer Drohung als nach einer Verheißung. Und tatsächlich schwebt von Beginn an das Unheimliche wie eine Wolke über dem paradiesisch durchsonnten Ort teuer bezahlter Achtsamkeit irgendwo in Kalifornien, der das Setting für „Nine Perfect Strangers“ abgibt. Nicht zufällig erinnert das in acht Episoden zwischen Traum und Albtraum dahingleitende Geschehen, das sich gleich einem breiten, ruhigen Fluss Richtung Abgrund bewegt, an das Westküstendrama „Big Little Lies“.

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Wie dieses beruht die neue Miniserie mit Nicole Kidman in tragender Rolle auf einem Roman von Liane Moriarty. Wieder fungiert David E. Kelley als ausführender Produzent, und abermals stellt er uns – dieses Mal auch mit Lust am Komödiantischen inszeniert von dem Regisseur Jonathan Levine – die Schönheit und den Schrecken im Zirkel der Reichen vor Augen. Das schwer zu fassende Böse umweht nun Massageliegen, einen Wasserfall und eine Schwitzhütte mit derselben unnachgiebigen Sanftheit, wie der von Klangschalenklängen gesättigte Wind durch den zur Meditation ladenden Bambushain streift.

Nicht nur trostreich, sondern auch komisch: Die verkorkste Schriftstellerin Frances (Melissa McCarthy, rechts) will der leidenden Mutter Heather (Asher Keddie) helfen.
Nicht nur trostreich, sondern auch komisch: Die verkorkste Schriftstellerin Frances (Melissa McCarthy, rechts) will der leidenden Mutter Heather (Asher Keddie) helfen. Bild: Hulu

In diesem hat Lars (Luke Evans), ein offensichtlich mehr auf Antagonismus als auf Namaste bedachter Gast, sein Smartphone versteckt und führt beziehungskrisengeschüttelte Gespräche mit seinem Liebsten. Heimlich natürlich. Allen anderen im Resort wurden die Handys erfolgreich entrissen: Kein Social-Media-Posting, kein Bild, keine Textnachricht soll aus der Abgeschiedenheit nach außen dringen. Was, wenn es zu einem Notfall kommt? Oder einem Mord? Solche Fragen tauchen schon in der ersten Folge auf, um Misstrauen zu schüren.

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Dass wir sehen, wie Masha, eine gebürtige Russin, ihre Gäste mittels Überwachungskameras beobachtet und zugleich selbst anonyme Drohbotschaften empfängt, tut ein Weiteres. Und der stetig wiederholte Frucht-Splatter, als der sich die Herstellung personalisierter und mit sehr speziellen Substanzen versetzter Smoothies gestaltet, wirkt auch nicht vertrauenerweckend.

Entrinnen will bald keiner mehr

Folter bedeutet es jedenfalls schon, ohne Handy auszukommen, für die nach dem Gesehenwerden auf Instagram süchtige Jessica, in deren Rolle Samara Weaving das hinreißende Abziehbild einer Kunstschönheit aus dem Zeitalter der Bild- und Gesichtsbearbeitung vorstellt. Jessicas Ehemann, der Lottogewinner Ben (Melvin Gregg), ist sich offenbar nicht mehr sicher, ob diese Frau wirklich der Hauptpreis war.

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Für menschliche wie karrieristische Vollnieten halten sich wiederum der einstige Football-Heros Tony (Bobby Cannavale) und die in einer Schaffenskrise steckende Schriftstellerin Frances. Die Komikerin Melissa McCarthy verkörpert sie derart fulminant, dass sie als heimliche Hauptdarstellerin gelten darf. Zur Hölle mit der ganzen verdammten Welt, brüllt sie – im Original mit drastischerer Wortwahl – in die Berge und blafft den sich besorgt nähernden Tony an, es gehe ihr bestens, das seien nur Hitzewallungen und er solle sich zum Teufel scheren.

Und dann ist da noch die vom Schicksal getroffene Familie Macroni. Der Vater (Michael Shannon) überdeckt mit überdrehtem Elan, der zu seinem Vornamen Napoleon passt, was seine Ehefrau Heather (Asher Keddie) und seine zwanzigjährige Tochter Zoe (Grace Van Patten) still ertragen: einen Verlust.

Das sind die neun, dem doppeldeutigen Titel gemäß nur äußerlich perfekten Fremden, die ihre tatsächliche Unvollkommenheit, ihre Aggressionen und Traumata mit jedem weiteren Tag in Tranquillum immer schlechter verbergen können. Rasch erweist sich, dass sie nicht zufällig an diesem Ort versammelt sind. Sie wurden „kuratiert“, um jeweils wunde Punkte anderer zu treffen. Zunächst ohne Einverständnis werden sie von Masha mit Methoden therapiert, die selbst deren Gehilfen Delilah (Tiffany Boone) und Yao (Manny Jacinto) zu weit gehen.

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„Nine Perfect Strangers“ ist die Geschichte einer Verführung: Wo erst offene Wut herrscht über durchsuchte Zimmer oder konfiszierte persönliche Medikamente und Lebensmittel, macht sich wohlige Fügsamkeit breit. Geht es nicht allen besser? Lars schreit sich die seelischen Verletzungen vom Herzen, die er wegen seiner sexuellen Orientierung als Junge davongetragen hat. Frances treibt auf Schwimmnudeln im Pool und spült Erinnerungen an vergangenes Tinder-Dating-Elend hinunter. Jessica und Ben turteln. Die Macronis lachen wieder.

Versehrte Herzen, Kommerz und Wellnesswahn

Dafür lässt man sich doch gerne die abstrusesten Shakes zum Frühstück servieren und fiebert dem Einzelgespräch mit Masha entgegen, in dem metaphorische Idiotien wie „du bist ein Auto, du bist eine zerbrochene Schale“ als Weisheiten verkauft werden. Danach geht es zum Sackhüpfen oder auf Selbstversorger-Hungertour quer durchs Hinterland: Von Früchten sollen die Männer sich ernähren, die leider gerade keine Saison haben. Bald liegt ein Hauch von „Herr der Fliegen“ in der Luft.

Denn um ein bisschen Detox geht es hier nicht. Die beinahe unmenschlich makellos wirkende Masha – es hätte keine bessere Wahl für diese Rolle als Nicole Kidman geben können – ist ein emotionaler Zombie mit versehrtem Herzen, wie eine theatralische Narbe über dem Brustkorb und die pathetisch sich zu einer Tragödie verdichtenden Rückblenden ahnen lassen. Masha folgt ihrer eigenen Agenda, ohne Skrupel. Doch welchen Motiven genau sie folgt, welche Geheimnisse die anderen verbergen – Fehltritte mit Todesfolge sind darunter –, entblättert „Nine Perfect Strangers“ kunstvoll erst nach und nach.

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Dass man sich in diese Serie begibt wie in ein warmes Wannenbad, verdankt sie ihrem komödiantischen Charme, der den durchkommerzialisierten Wellnesswahn für Erlösungssüchtige ebenso emphatisch wie gnadenlos persifliert, dem bis ins Detail durchgestylten Ambiente, einer traumwandlerisch sicheren Musikauswahl von Bon Iver bis „Cabaret“ und hervorragenden Schauspielern. Einfach vorzeitig abreisen, weil es einem zu bunt wird? Kaum möglich.

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© YouTube/Amazon Prime Video Deutschland

Nine Perfect Strangers, auf Amazon Prime

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Scheer, Ursula
Ursula Scheer
Redakteurin im Feuilleton.
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