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„Ohrenkuss“-Magazin

Wie Menschen mit Down-Syndrom Journalismus machen

Von Lili Hering
 - 08:32
Der Name des Magazins leitet sich ab von dem, was nicht zum einen Ohr hinein und zum anderen hinaus geht: „Manches ist wichtig und bleibt im Kopf – das ist dann ein Ohrenkuss.“zur Bildergalerie

Im Flur der Redaktion des „Ohrenkuss“-Magazins hängen an einer Wand Plastiksäckchen mit Drogen: Zucker oder Ricola-Bonbons, Rosmarin, Müsliflocken, Marlboro Lights und ein leeres Säckchen, auf dem „Sonnenschein“ steht. Um Drogen und Sonne, um Wasser, Heimweh und Sex geht es im „wohl ungewöhnlichsten Magazin Deutschlands“, und um das, was glücklich macht, und was das ist, das Glück, die Liebe, oder das Leben.

An einer anderen Wand hängt eine Zeichnung. Ein Strichmännchen, Bleistift auf Papier, in krakeliger Schrift unten dran ein Name: John Langdon Down. Warum das Bild den Namen eines Arztes aus dem 19. Jahrhundert trägt? Herr Down ist kein Teil der Redaktion, spielt dort aber eine besondere Rolle.

Die Frage nach den Chromosomen ist eine, welche die Redaktion selbst stellt und die indirekt im Raum steht. In einem Brief an den Künstler Ai Weiwei möchte sie wissen: Wieviele Chromosomen haben Sie? 46 oder 47, wie wir? Die Autorinnen und Autoren haben ein Chromosom mehr als die meisten Menschen: genannt Trisomie 21, da das 21. Chromosom dreifach vorhanden ist, oder Down-Syndrom, nach jenem skizzierten Wissenschaftler. Er beschrieb 1866 als Erster die Ähnlichkeiten, welche die „große Mongolische Familie“, wie er sie nannte, teilte. Der Begriff „Mongolismus“ wurde erst Mitte der 1960er Jahre von der Weltgesundheitsorganisation aus dem Gebrauch verbannt. Langdon Down erkannte als Vorreiter seiner Zeit, dass Menschen mit Down-Syndrom gerne lernen, lesen und schreiben – und das „sogar cool“, wie es Katja de Bragança erzählt, Gründerin von „Ohrenkuss“.

Den verqueren Bezug zur Mongolei hat sich die „Ohrenkuss“-Redaktion auf ihre Art angeeignet: 2006 unternahmen die Autorinnen Angela Fritzen und Veronika Hammel im Team eine Reise in das Land. Der Rest der Redaktion verbrachte eine Woche in Bayern an der Rhön: De Bragança organisierte dort Urlaub in der „Fake-Mongolei“ – ebenso wie in der echten mit Jurten, Pferden, nächtlichem Wodka-Trinken und Bogenschießen. Von Landschaften, die „ganz schön weit und lang“ sind, erzählt das daraus entstandene Heft, und von der Geschichte der Mongolen: „sie haben waren gekauft und gerauft / sie hatten viele Völker gehabt.“ Eine Ähnlichkeit, so klingt es aus den Reiseberichten, ist vielleicht jene der offenen Herzen.

Angela Fritzen berichtet in der Vorstellungsrunde am Abend, sie sei „bisschen müde, das kann man schon mal sagen“, und sehr lange beim „Ohrenkuss“, seit seiner Gründung vor über zwanzig Jahren: Sie selbst hat dort mit Mitte zwanzig zu arbeiten begonnen. „Ich bin Marc Lohmann und hab braune Schuhe“, heißt es weiter. In den meisten Redaktionen wird man nicht erfahren, wer Stress mit den Eltern hat und wer eine blaue Unterhose oder Socken mit Pünktchen trägt: Hier stellen sich alle mit Name, Tagesverfassung und dem, was sie anhaben, vor. Die Autorinnen und Autoren sind aus Köln, Wuppertal, Koblenz, dem Westerwald angereist, das „Team Rheinland“ kommt alle zwei Wochen in Bonn zusammen. Es regnet, einige standen im Stau, manche haben Hunger, alle scheinen sich zu freuen, hier zu sein. Nach einer halben Stunde sind die rund fünfzehn Mitglieder eingetrudelt, „ein Chaos wieder auf der A66“, erklärt Ansgar Peters seine Verspätung.

„Ohrenkuss“ entstand 1998 aus einem Forschungsprojekt von de Bragança zu den Bildern, die sich Menschen ohne Down-Syndrom von Menschen mit Down-Syndrom machen. Ziel war eine Gegenüberstellung – wie werden sie angesehen, was drücken sie aus? Sie wollte mit Vorurteilen wie dem, dass Menschen mit Down-Syndrom nicht lesen und schreiben könnten, aufräumen. So entstand ein Magazin, das explizit nicht nur ein Produkt ist, sondern in dem sich „eine Haltung“ ausdrückt. Das unabhängige Magazin zählt zurzeit knapp 3000 Abonnenten, von Arztpraxen über Familien mit Kindern mit Down-Syndrom bis hin zu Autoren, Grafikern, Kreativen. Zahlreiche Preise gab es über die Jahre und bei Themen wie Sex ein paar wenige Abonnementkündigungen, erzählt Redaktionsassistentin Anne Leichtfuß. Geschrieben wird, was ausgedrückt werden will: Bloß zwei Texte seien unter Pseudonym erschienen, auf Wunsch oder zum Schutz der Autoren.

„Babies, Ozeane, Mütter“ nennt Nathalie Dedreux in einem Interview als Beispiele für Magazinthemen. Dazu kommen über die Jahre viele weitere: Ukraine, Oma Opa, Humor, Superkräfte, Sport, Ohrwurm und Abenteuer Liebe. Der nächsten Ausgabe fiebert die Redaktion schon lange entgegen, erzählt de Bragança. Ähnlich wie Hochzeiten und Liebe sei es ein Dauerbrenner in Diskussionen. Der Titel des Hefts fällt unisono: Geschwister! Die Gesichter hellen auf, dazu möchten alle gleich etwas loswerden. Bloß eine in der Runde ist Einzelkind, etwas trotzig hat auch sie etwas zu sagen: Einzelkind zu sein hat ja mit dem Fehlen von Geschwistern zu tun. Und als Einzelkind gibt es vielleicht einen Phantasiebruder namens Helmut Hühnerbein – der klingt lustiger als so manche Geschwister.

„Liebe ist immer wichtiger als mit fremden Leuten“, ist sich die Redaktion einig. Jil-Marie Zilske strahlt: „Ich liebe das Thema.“ Auf dem Konferenztisch in der Mitte des Raums liegen Bilder, es war Aufgabe, welche mitzubringen: A4-Drucke in Klarsichtfolien, Abzüge auf Fotopapier, Selfies von Geschwisterpaaren und Großfamilien auf Smartphones. Lioba Ulrich hat ihre Fotos verdeckt auf dem Tisch liegen. „Ich hab viele“, flüstert sie verschwörerisch. Sie dreht den Stapel um und seufzt: „sieben.“ De Bragança möchte nicht nur die Themen des Hefts besprechen, sondern üben, was ein Inhaltsverzeichnis ist – „das finden alle meistens wahnsinnig langweilig“.

Auf einem Whiteboard werden Ideen für Kapitel aufgeschrieben: „Das Leben mit Geschwistern“, „Familie ist immer wichtig“, „Spaß mit Geschwistern“, „Hobby mit Geschwistern“. Das Kapitel „Ecken und Kanten“ kommt weniger gut an, aber zum Thema „Hobby“ möchten viele ausholen: Ansgar Peters fährt mit seinen Geschwistern am liebsten Bahn. Die Runde muss lachen, es klingt, als rede er nicht zum ersten Mal mit großer Begeisterung vom ICE. Paul Spitzeck geht ins Musical und Angela Fritzen macht mit ihrer Schwester und deren Kindern Skiurlaub inklusive Silvesterfeier.

Die Texte sind unmittelbar, mal schlicht und direkt, mal poetisch-verschnörkelt, oft lustig, fast immer überraschend. Rechtschreibung und Grammatik werden nicht angepasst, Fehler belassen, und Wortkreationen bilden das Herz der Texte: „Abenteuerliebe“, „Stressmutigkeit“ oder „Glücklichkeit“. Johanna von Schönfeld, nach eigener Definition eine „Partytante“, beschreibt Momente auf der Tanzfläche: „Mein Herz danced und blüht auf“. Paul Spitzecks Oma ist ein „alter Hüpfer“, wobei Maria Trojers Mutter „auch ein Marillenbaum“ sein kann, „mit wunderbaren Blüten“. Daniel Rauers schreibt: „Wenn es stark regnet, ist es erfrischend und es riecht gut. Das ist Mutter-Wetter.“ Im „Ohrenkuss“-Wörterbuch, das zum zehnjährigen Bestehen erschien, heißt es zur Mode: „Es ist wichtig, überhaupt etwas zu tragen.“ Auch Rausch wird dort definiert: „Alles gedreht, dann kam die Feuerwehr.“ Und ein Quadrat „Hat vier Ecken und sieht aus wie ein viereckiges Hotel“. Zum Atmen heißt es: „Natürlich nicht vergessen Luft zu holen, sehr wichtig, das gehört sich so.“ Auf einem Aufkleber auf de Braganças Computer steht „Ich fühl mich so jippie“, ein Ausdruck, der in der Redaktion erfunden wurde.

Einige seien Profis und auf Knopfdruck in der Lage, gute Texte zu produzieren, erzählt sie. Andere müssten sich „warmlaufen“, bis ein guter Text dabei herauskomme. Da ist de Bragança durchaus streng und erwartet von ihren Kolleginnen und Kollegen, dass sie sich Mühe geben. Der Tag des Redaktionsbesuchs ist ein Pressetag: Ein Fernsehteam dreht einen Beitrag zu Barrierefreiheit. Eine Frage an die Redaktion lautet: „Was können wir tun, um die Gesellschaft für euch barrierefrei zu gestalten, um euch zu helfen?“ Als das Wort Barrierefreiheit fällt, geht ein lautes Atmen durch den Raum – wissend, oder auch genervt. David Blaeser antwortet sehr souverän: Am besten sei es, wenn langsam gesprochen und alles genau erklärt würde, in leichten Worten.

Viele der Texte, die später im Heft gedruckt werden, entstehen während der Sitzung. Die meisten schreiben selbst, manche diktieren lieber. Wieder andere schicken als Korrespondenten Texte aus der Ferne. Die Konzentration am Tisch ist greifbar: Kein Scherzen, kein Kichern mehr, auf einmal sind nur noch Stifte auf Blättern zu hören, mal ein Seufzen, dazwischen die leise Stimme des Diktierenden. Vor der Textproduktion wird der Titel der jeweiligen Ausgabe auf Zettel geschrieben: „Geschwister“ in aneinandergepressten oder ausladenden Buchstaben, mit Bleistift, Kugelschreiber, Filzstift. Einer der Schriftzüge wird das Cover des nächsten Hefts zieren, von Maya Hässig schlicht gestaltet, im Längsformat mit vielen Fotos. Alle Fotos in den Heften entstehen in der Arbeitsphase am Heft durch professionelle Fotografen, ausgewählt werden sie von Hässig. „Wenn die Autorinnen und Autoren die Fotos auswählen könnten, würden sie alle diejenigen nehmen, auf denen sie selbst drauf sind“, so de Bragança. Zur Geschwister-Ausgabe wurde ohne den Eltern auf dem Summerjam-Festival in Köln, im Zoo und an einem Flugplatz fotografiert. Das Heft über die Ukraine ist dreisprachig, die meisten anderen auf Deutsch, auch wenn englische Ausdrücke beliebt sind und als „nice“ oder „my friends“ Eingang in die Texte finden. Noch gibt es keine Nachahmer im Ausland. Die Texte zu übertragen sei sehr schwierig, „wie Poesie übersetzen“.

David Blaeser diktiert einen Text über seinen Bruder, „Fabian, der ist schon in England“, de Bragança liest ihn vor, damit er ihn überprüfen kann. Ansgar Peters möchte nicht „kleiner Bruder“ genannt werden, denn er sei ja schon sechzehn. Was ihn außerdem stört, ist „die Länge von meinen Armen und die Länge von meinen Beinen.“ Auf die Frage, ob es denn Spitznamen unter den Geschwistern gebe, heißt es aus einer Ecke bloß „leider ja“ – am verbreitetsten aber sind Bruderherz und Schwesterherz. Deutlich wird im Lauf der Gespräche: Geschwister sind cool, Familie ist wichtig, und Liebe ist das Allerbeste. Im Ukraine-Heft schreibt Valentyn Radchenko: „Liebe – das bedeutet: mit dem Herzen denken.“

Im März soll das Geschwister-Heft erscheinen, ein halbes Jahr später jenes zum Thema Sexualität. Am Ende der Sitzung überwiegen Hunger und Müdigkeit, aber auch: „Es war glänzend“ und „mir geht’s perfekt“. Angela Fritzen sagt noch: „Mit fünfzehn Leuten mit Down-Syndrom ist wirklich krass“. In einem Heft wurde das so erklärt: „Jeder hat ja eine Meinung, als der andere.“

Quelle: F.A.Z.
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