Online-Kommentare

Wie sag ich's meinem Randalierer?

Von Stefan Niggemeier
17.03.2008
, 10:33
Das Verhältnis zwischen Lesern und Journalisten ist höchst fragil
Wo alle reden und keiner zuhört: Die Online-Medien kämpfen mit der Flut der Nutzerkommentare. Denn die Illusion, sich tatenlos an klugen Leserdiskussionen zu erfreuen, ist dahin: Zu viele Störer sind im Netz unterwegs. Es gilt zu kontrollieren - doch wo endet die Moderation und beginnt die Zensur?

Der Artikel ist inzwischen fünf Monate alt, aber immer noch wird er täglich kommentiert. Er heißt „Die öffentliche Hinrichtung der Eva Herman“, steht auf Welt Online und ist inzwischen zu einer Art Mahnmal für die Sinnlosigkeit von Leserkommentaren im Internet geworden. Wer alles lesen will, muss sich durch 852 Seiten und mehr als 4500 Kommentare klicken.

Insgesamt waren es sehr viel mehr, aber die schlimmsten Hasstiraden sind offenbar gelöscht worden, wie man an den Kommentaren sehen kann, die sich über diese „Zensur“ beschweren - wenn nicht auch sie gelöscht wurden. Das Bedürfnis, sich zu äußern, scheint grenzenlos. Und die Verbissenheit, mit der hier um jede Wortmeldung gekämpft wird, steht in krassem Gegensatz zur Chance, in diesem unleserlichen Wust überhaupt wahrgenommen zu werden.

Geht's um Ausländer, muss abgeschaltet werden

Es gibt viele weitere Mahnmale, die allerdings schlechter als solche zu erkennen sind: all die Online-Artikel zum Beispiel über Ausländerkriminalität und den Islam, unter denen es keine Kommentarmöglichkeit gibt, weil sie irgendwann abgeschaltet wurde, nachdem eine Horde Fanatiker nicht enden wollende Mengen Hass und Menschenverachtung in die Diskussion gekippt hatte.

Wenn Journalisten über die neue Medienwelt reden, in der Leser unter ihre Artikel im Internet einfach Kommentare schreiben können, klingt es oft, als sprächen sie von Naturkatastrophen - unkontrollierbar, mächtig, gefährlich. Bei „Stern“-Journalist Hans-Ulrich Jörges ist es gar eine Frage der Kanalisation: „Die guten Redaktionen sollten ihre Siele geschlossen halten, damit der ganze Dreck von unten nicht durch ihre Scheißhäuser nach oben kommt“, formulierte er im vergangenen Sommer.

Der Traum vom user generated content ist dahin

Tatsächlich sehen sich viele große Medien plötzlich in der Rolle von Schleusenwärtern. Die Illusion, dass es reicht, unter jedem Artikel eine Kommentarmöglichkeit anzubieten und sich tatenlos an klugen Diskussionen und steigenden Klickzahlen zu erfreuen, ist dahin. „Nach der Phase der fast kindlichen Euphorie darüber, dass user generated content so einfach zu bekommen ist, müssen wir Medien nun dringend in die nächste Phase eintreten“, sagt Frank Thomsen, Chefredakteur von stern.de. „User, herzlich willkommen - aber nur die, die sich an die Mindestregeln von Communitys halten.“

„Stern“ und „Welt“ sind von den etablierten Medien im Internet am weitestgehenden der Idee des barrierelosen Meinungsaustausches treu geblieben. Die Community-Managerin Katarina Rathert meint, nur dadurch, dass alle Nutzerbeiträge auf stern.de „ohne vorherige Kontrolle online gehen, ermöglichen wir den Usern eine schnelle und direkte Diskussion“. Aber ihr Chefredakteur Thomsen spricht auch von den Grenzen: „Bislang gelingt es uns ganz gut, die Meinungsrandalierer im Griff zu behalten. Aber wir diskutieren intern sehr ernsthaft, ob wir zum Beispiel das Anmeldeverfahren so ändern müssen, dass sich jeder mit seinem echten Namen an den Kommentaren beteiligen muss.“

Auch eine Frage der Ressourcen

Auch die Kommentarbereiche auf Welt Online sind ein unwirtlicher Ort - und gelten teilweise als Spielwiese für Rechtsradikale, Spinner und Hetzer aller Art. Angeblich wird hier jeder Kommentar nachträglich überprüft. Doch das ist angesichts der Vielzahl von unfassbar aus dem Ruder gelaufenen Diskussionen schwer zu glauben. Obwohl man auch im Haus sieht, dass das nicht gut ist fürs Image, will man offenbar versuchen, die Kommentarfunktion so lange wie möglich so offen zu lassen.

Doch die Frage nach dem richtigen Umgang mit den Leserkommentaren ist nicht nur eine der Philosophie, sondern vor allem auch eine der Ressourcen. Am deutlichsten wird dies bei sueddeutsche.de. Dort können seit einigen Monaten nur noch werktags zwischen acht und neunzehn Uhr Kommentare abgegeben werden - um „die Qualität der Nutzerdiskussionen stärker [zu] moderieren“. Die Proteste dagegen sind zwar inzwischen abgeklungen. Aber eine Dauerlösung soll das nicht sein, nur ein Übergang, bis in besseres Community-Management investiert wurde.

Nicht jeden Unsinn freischalten

„Sehr teuer“ sei der Aufwand, den man bei Focus Online betreibe, um sich um die aktiven Leser und die offenen Bereiche zu kümmern, sagt dessen Chef Jochen Wegner. Während Beiträge, die in den Foren des Angebotes abgegeben werden, sofort erscheinen und die Diskussionen dort, wie Wegner zugibt, auch mal entgleisen, wird bei den Kommentaren unter den Artikeln streng gesiebt.

Schon „übertriebene Zeichensetzung“ oder Smileys können dazu führen, dass ein Beitrag nicht veröffentlicht wird - aber natürlich auch rassistische oder sexistische Äußerungen. „Es gibt Kommentare, die will ich auch nicht für eine Minute unter meinen Artikeln stehen haben“, sagt Wegner. „Das ist auch ein Zeichen der Wertschätzung unseren Usern gegenüber, dass wir nicht jeden Unsinn freischalten.“

Pseudonyme unerwünscht

Die Philosophie ist ähnlich bei faz.net. Man könnte sagen, es ist der Versuch, die Kommentatoren dazu zu erziehen, sich Mühe zu geben. Das ist natürlich ein gefährlicher Satz - schon deshalb, weil darauf Leser und Blogger im Zweifelsfall schnell zurückzicken: „Gebt euch selbst erst mal mehr Mühe mit euren Texten.“ Aber dahinter steht der Gedanke, dass eine Diskussion, die überwiegend daraus besteht, dass viele Leute einfach reflexartig irgendwelche Meinungen hinwerfen, für niemanden fruchtbar ist.

Bei faz.net werden sogar gelegentlich Leserkommentare redigiert, Rechtschreibfehler korrigiert oder ganze Sätze gekürzt, was nicht immer gut ankommt. „Aber Kürzungen nehmen wir nur im positiven Sinne vor“, sagt Redaktionsleiter Kai Pritzsche: „Um einen eigentlich guten Kommentar, den wir wegen einer einzelnen Beschimpfung sonst löschen würden, doch veröffentlichen zu können.“ Immerhin haben die faz.net-Leser die Möglichkeit, ihren Kommentar dann ganz zurückzuziehen. Pritzsche glaubt auch, dass es wichtig ist, dass man sich bei faz.net zum Kommentieren mit seinem Klarnamen anmelden muss: Bei einem Gegenüber mit Pseudonym fällt die Beleidigung leichter.

Hyperaktive Störer in den Griff bekommen

Der Lohn für dieses Filtern, das manche reflexartig als „Zensur“ bezeichnen, ist im besten Fall eine Diskussion, die sich auch für diejenigen zu lesen lohnt, die nicht an ihr teilnehmen. An vielen Stellen gerade bei den großen Seiten fragt man sich, wer das überhaupt lesen soll, außer den Verrückten, die da ein merkwürdiges Mitteilungsbedürfnis ausleben. Trotzdem sprechen viele Online-Chefs von einem erstaunlich großen Interesse an den Nutzerkommentaren. Voraussetzung dafür ist aber, die Störer in den Griff zu bekommen, die nur einen kleinen Prozentsatz der Teilnehmer ausmachen, aber hyperaktiv sind und allein durch das Schillernde und die Lautstärke ihrer Beiträge alle anderen übertönen.

Die Frage ist natürlich: Wer ist ein Störer, der jede Diskussion verhindert? Und wer ein Störer, der diese Diskussion erst antreibt, der unbequem ist, dessen Meinung jenseits des Mainstreams liegt - aber trotzdem entfernt wird? Wo wird durch das Aussperren das Besondere der Diskussionskultur im Internet zerstört? Viele Leser behaupten, dass ihre Kommentare gelöscht wurden, nur weil sie auf sachliche Fehler hingewiesen haben. Auf sueddeutsche.de gilt ein Kommentar schon als löschenswürdig, wenn er über einen „SZ“-Autor, der regelmäßig das Internet als Hort der Dummheit darstellt, sagt, er „zetere“ über ein Medium.

Das Wissen der Leser ist ein Schatz

Es ist ein höchst fragiles Verhältnis zwischen Lesern und Journalisten, das durch die plötzliche öffentliche und unmittelbare Auseinandersetzung entsteht, mit beiderseitigem Erstaunen über die Impertinenz der jeweils anderen Seite. Und während sich viele Online-Chefs wünschen, dass die Autoren sich häufiger in eine Diskussion einschalten, hat Hans-Jürgen Jakobs, Chefredakteur von sueddeutsche.de, schlechte Erfahrungen gemacht: Das sei nicht empfehlenswert, weil die User dann erst recht auf den Redakteur einschlügen.

Aber auch auf anderen großen Medienseiten im Internet scheint es eher die Ausnahme zu sein, dass Nutzer überhaupt eine Reaktion auf Kritik und berechtigte Anmerkungen bekommen. Dabei profitieren die Medien von der Beteiligung der Leser, wenn sie sie nur wahrnehmen. Beim „WAZ“-Ableger „Der Westen“ und neuerdings auch bei Focus Online berichten die Community-Leute in den Redaktionskonferenzen, welche Themen auf welches Echo stoßen.

Das Wissen der Leser ist ein Schatz, der nur gehoben werden will: Aus Leserhinweisen entstehen bei Focus Online wunderbare Anlässe für Berichte über „Serviceflops“ deutscher Unternehmen, bei stern.de gab es nach Leserkommentaren eine Recherche über die Abgründe bei StudiVZ, bei Spiegel Online werden aus Erfahrungsberichten von Lesern Beiträge für die Geschichtsrubrik „Eines Tages“.

Das Publikum darf teilnehmen, statt hinnehmen

Ganz automatisch erhöht sich offenbar die Qualität der Leserbeiträge, wenn es sich auszahlt, gute Kommentare abzugeben. Umso erstaunlicher ist es, wie selten die Online-Medien aus den interessanten Kommentaren zu einem heftig diskutierten Thema einfach wieder einen neuen Artikel machen, der die Diskussion abbildet.

Es scheint ein mühsamer Lernprozess für alle Beteiligten zu sein, aus der revolutionären Möglichkeit, dass das Publikum nicht nur hinnehmen muss, sondern teilnehmen darf, einen tatsächlichen Gewinn zu schöpfen. Von allein kommt das nicht, und umsonst ist es nicht zu haben. Für die Medien nicht, die massiv in die Betreuung ihrer Communitys investieren müssen. Aber für die Leser auch nicht, die Abstand nehmen müssen von der Illusion, einfach überall kleine Empörungsrülpser hinterlassen zu können. Das beste Mischungsverhältnis aus Anarchie und Kontrolle wird gerade in schmerzhaften Operationen am lebenden Objekt probiert.

So gehen die Redaktionen mit Online-Kommentaren um

sueddeutsche.de: Etwa 1500 Kommentare täglich. Kommentare, die nicht in einem Filter hängen bleiben, der automatisch „Nazi-Vokabular und Schimpfwörter“ herausfischt, werden von sechs Moderatoren kurz nach der Veröffentlichung gelesen und gegebenenfalls gefiltert.

Welt Online: Kommentare im Januar „deutlich im fünfstelligen Bereich“. Ein „Team von Moderatoren“ offenbar geheimer Größe moderiert nur nachträglich.

faz.net: 300 bis 1000 Kommentare täglich, die vor der Veröffentlichung von den für den Beitrag zuständigen Online-Redakteuren geprüft werden.

stern.de: 11.000 Kommentare monatlich, mit „stark steigender Tendenz“. Alle gehen ohne vorherige Kontrolle online. Für die nachträgliche Moderation sind zwei Mitarbeiter zuständig - und alle stern.de-Mitarbeiter sollen einen Blick auf die Kommentare in ihrem Ressort halten.

Spiegel Online: 15.000 bis 18.000 Kommentare monatlich - gebündelt in Foren, nicht unter den einzelnen Artikeln. Ein Redakteur und mehrere Aushilfen prüfen sie „in der Regel“ vor der Veröffentlichung.

Focus Online: Mehr als 60.000 Kommentare monatlich. Drei Redakteure und „sechs bis zehn“ freie Mitarbeiter lesen fast alle Kommentare vor der Veröffentlichung.

DerWesten: 1500 Kommentare täglich, „Tendenz deutlich steigend“. Moderation im Nachhinein durch drei festangestellte Community-Manager und mehrere Freie.

Quelle: Angaben der Verlage

Quelle: F.A.S.
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