Nach dem Politskandal

Nackte Tatsachen im Ibiza-Video

Von Stephan Löwenstein, Wien
07.04.2021
, 19:33
Das Online-Medium „Exxpress“ beschert Österreich eine vermeintliche Sensation. Es zeigt bislang unbekannte Szenen aus dem Ibiza-Video, das den FPÖ-Politiker Heinz-Christian Strache zu Fall brachte. Doch was sehen wir da?

Vor bald drei Jahren ist der Bericht über das „Ibiza-Video“ wie eine Granate in die österreichische Politik eingeschlagen und sprengte die damalige Mitte-Rechts-Regierung von ÖVP und FPÖ unter Bundeskanzler Sebastian Kurz und Vizekanzler Heinz-Christian Strache. Die deutschen Medien „Der Spiegel“ und „Süddeutsche Zeitung“ zeigten Zusammenschnitte von ein paar Minuten mit dem damaligen FPÖ-Vorsitzenden Strache und seinem politischen Vertrauten Johann Gudenus, die sich gegenüber einer vermeintlichen russischen Oligarchin, auf einer Finca in Ibiza heimlich aufgenommen, um Kopf und Kragen redeten.

Jetzt ist ein neues österreichisches Online-Medium namens „Exxpress“ mit einer eigenen „Ibiza-Bombe“ auf den Markt getreten. „Alle bisher geheimen Szenen des Videos“ werden dort versprochen, „verdächtige Blicke“ und eine „vertuschte Story über Millionenforderungen“ sollen angeblich enthüllt werden. Aber was da bisher zu sehen ist, ist eher ein Rohrkrepierer, umwölkt von teils irreführendem Geraune.

So fängt es schon an. „Es bleibt das Gefühl des großen politischen Betrugs“, klagt die Überschrift in den Anführungszeichen wörtlicher Rede an. Von wem stammt dieses Zitat? Im Kleingedruckten des Textes finden wir es heraus: Eine Kollegin im Newsroom war es. Dann wird enthüllt, dass Strache in Wahrheit nie gesagt habe, dass er Anteile an der mächtigen Boulevardzeitung „Krone“ kaufen wollte. Touché! Nur leider hat das auch nie jemand behauptet. Es ging immer nur darum, dass er der Behauptung der „Oligarchin“ auf den Leim ging, sie wolle das tun. Strache erging sich anschließend in Phantasien, wie er über die Oligarchin Einfluss auf die „Krone“ nehmen wolle, „zackzack“ ein paar Redakteure rausschmeißen und einen fördern, nämlich Richard Schmitt.

Der hat inzwischen die „Krone“ verlassen und ist nun – genau! – Chef beim „Exxpress“ und Autor dieses Beitrags. Was ansonsten „enthüllt“ wird, widerspricht keineswegs dem bisher Bekannten: Dass Strache immer wieder betont, dass alles legal ablaufen müsse und er nicht korrupt sei; oder dass die Wasserversorgung in staatlicher Hand bleiben müsse (aber er bot in diesem Zusammenhang der „Oligarchin“ durchaus etwas an, nämlich die Vermarktung des Wassers). Dass Gudenus in der ganzen Geschichte eine merkwürdige Rolle spielte, darüber ist auch schon geschrieben worden; aber dazu werfen die „neuen“ Szenen in der Tat ein paar weitere Fragen auf. Und ja, etwas ganz Neues gibt es beim Doppel-X wirklich: Ein Nacktbild von der „schoafen Oligarchin“, wenngleich unscharf geraten.

Quelle: F.A.Z.
Autorenportät / Löwenstein, Stephan
Stephan Löwenstein
Politischer Korrespondent mit Sitz in Wien.
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