ORF-Wahl zum Generaldirektor

Wrabetz will noch einmal

Von Stephan Löwenstein, Wien
07.05.2021
, 21:54
ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz tritt noch einmal zur Wahl an.
In Österreich will sich Alexander Wrabetz um eine weitere fünfjährige Amtszeit als Generaldirektor des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ORF bewerben. Gerade von ÖVP-nahen Kreisen des Stiftungsrat gab es immer wieder Kritik.
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In Österreich will sich Alexander Wrabetz um eine weitere fünfjährige Amtszeit als Generaldirektor des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ORF bewerben. Das hat er am Donnerstag angekündigt. Seit 2007 ist der 61 Jahre alte Wrabetz ORF-Chef, mit einer vierten Amtszeit wäre er so lange auf dem Posten wie keiner seiner Vorgänger. Allerdings ist nicht sicher, dass er tatsächlich wieder bestellt wird. Der ORF-Generaldirektor wird von einem Aufsichtsgremium, dem Stiftungsrat, mit einfacher Mehrheit gewählt. Aus dem Stiftungsrat, zumal aus dessen dominierender „türkiser“ Gruppe, die der Kanzlerpartei ÖVP nahesteht, wurde wiederholt Kritik an Wrabetz geübt.

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Wrabetz wirbt für sich mit dem Hinweis auf Führungserfahrung „in schwierigen Zeiten“. Er wolle wichtige Zukunftsprojekte ins Ziel bringen. Der ORF solle zur „multimedialen Public-Service-Plattform“ werden, um der Konkurrenz wie Netflix oder Youtube zu begegnen. Konkret nannte Wrabetz den „ORF-Player“ – eine Online-Plattform für nicht linear abrufbare Sendungen. Auch den im Bau befindlichen multimedialen Newsroom wolle er nicht unvollendet übergeben.

Gerade diese Projekte – beziehungsweise angeblich zu geringer Ehrgeiz bei ihrer Verwirklichung – sind immer wieder Gegenstand von Kritik. Mit dem ORF-Player hatte Wrabetz schon vor fünf Jahren für sich geworben. Weit gediehen ist er nicht (was auch damit zusammenhängt, dass einige gesetzliche Grundlagen fehlen). Zuletzt war aus dem ÖVP-nahen „Freundeskreis“ im Stiftungsrat bemängelt worden, besagter Newsroom werde nur als Bauprojekt angesehen, nicht als die größte Veränderung des ORF in Jahrzehnten inhaltlich vorbereitet. In der Sache widersprach Wrabetz dieser Einschätzung: Er sah den ORF „auf Kurs“.

Wrabetz war nicht immer der Wunschkandidat

Jedenfalls wurde durch den Wortwechsel im März dokumentiert, dass Wrabetz’ Wiederwahl kein Selbstläufer ist, im Gegenteil. Der Medienmanager galt ursprünglich als „Roter“, er war Anfang der Achtzigerjahre Vorsitzender des Verbands Sozialistischer Studenten und wirkte später an Kampagnen der SPÖ mit. Er hat allerdings eine bemerkenswerte Geschmeidigkeit bewiesen, ohne die er sich kaum so lange hätte halten können. Als er 2006 erstmals gewählt wurde (die Amtszeit begann 2007), war noch der ÖVP-Mann Wolfgang Schüssel Bundeskanzler. Wrabetz’ Wiederbestellung 2011 ging reibungslos. Dass er 2017 eine dritte Amtszeit antrat, war eine Überraschung. Die ÖVP hatte einen anderen Favoriten, den sie aber nicht durchsetzen konnte. Wrabetz gewann die Wahl im Stiftungsrat äußerst knapp mit einer Stimme Mehrheit.

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Die 35 Mitglieder des Stiftungsrats werden teils durch die Bundesregierung, teils durch die Länder und teils nach Stärkeverhältnissen im Nationalrat bestimmt. Hinzu kommen Mitglieder, die vom Betriebsrat und vom Publikumsrat, einem weiteren Gremium, bestimmt werden. Es sind folglich die meisten, aber nicht alle Mitglieder politisch klar zuzuordnen, aber an der ÖVP vorbei dürfte nichts gehen. Zuletzt machte der Name des Online-Chefs und Finanz-Vizedirektors Roland Weißmann als angeblicher Favorit der Leute um ÖVP-Chef und Bundeskanzler Sebastian Kurz die Runde. Unplausibel ist das nicht, Weißmann wird dort fachlich geschätzt; es stellt sich allerdings die Frage, ob sein Name lanciert wurde, um ihn zu stärken oder vielmehr ihn zu „verbrennen“. Offiziell beworben hat sich jedenfalls noch niemand außer Wrabetz. Die Wahl ist für den 10. August angesetzt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenportät / Löwenstein, Stephan
Stephan Löwenstein
Politischer Korrespondent mit Sitz in Wien.
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