FAZ plus ArtikelDeutsche Selbstherrlichkeit

Frohe Ostern gibt es nicht

EIN KOMMENTAR Von Michael Hanfeld
17.04.2022
, 08:22
Zaudern, zögern, „Zeitenwende“: Olaf Scholz bei der Kabinettssitzung in Berlin am vergangenen Mittwoch.
Ist die „Zeitenwende“, die Olaf Scholz angekündigt hat, schon wieder vorbei? Interessiert der Krieg in der Ukraine noch? Die SPD scheint am Kriegsverbrecher Putin zu hängen. In der ARD läuft die Heiligsprechung von Angela Merkel.
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Am Sonntag in einer Woche nimmt die ARD einen Porträtfilm ins Programm, den Arte schon gezeigt hat und der bis Ende Mai in der Mediathek zu finden ist. „Angela Merkel – Im Lauf der Zeit“ heißt das Werk von Torsten Körner. Es handelt, wie die ARD meint, von einer „Ausnahmepolitikerin“. Übernimmt man die Sicht der Dinge des Films, könnte man auch von einer „Superheldin“ sprechen. Anderthalb Stunden Hagiographie, am Ende weisen Barack Obama und Christine Lagarde der früheren Bundeskanzlerin eine geschichtsträchtige Rolle zu. Sie habe nie den Wert der Freiheit aus den Augen verloren, sagt Obama, sie sei die Kraft gewesen, die Europa zusammenhielt, meint Lagarde.

Der Film ist in seiner Selbstherrlichkeit erschütternd. Dass die ARD und der MDR ihn nun noch einmal eigens zeigen, ist bezeichnend. Die Ukraine kommt in diesem Film nicht vor, Wladimir Putin spielt keine Rolle, es geht nicht um Nor d Stream 2, nicht um die Annexion der Krim, Osteuropa scheint gar nicht existent. Stattdessen sagt die Sozialwissenschaftlerin Naika Foroutan über Merkel den irren Satz: „Sie hat Deutschland auf eine neue geschichtliche Schiene gesetzt. Nach 2015 hat sich plötzlich weltpolitisch die Perspektive auf dieses Land verändert, und zwar wegen dieser Kanzlerin, wegen diesem einen Moment, in dem sie gesagt hat: ‚Wir schaffen das.‘“

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Michael Hanfeld  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Hanfeld
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