Peri Baumeister im Interview

„Frauen sollen sexy sein dürfen. Aber bitte nicht müssen“

Von Anna Schiller
23.07.2021
, 11:12
Peri Baumeister
In „Blood Red Sky“ spielt Peri Baumeister auf Netflix eine Vampirin und Mutter. Ein Interview über mütterliche Urangst, Feminismus im Film und Haftcreme.

Peri Baumeister ist per Video-Anruf aus dem Bayerischen Hof zugeschaltet, wo sie den Horrorfilm „Blood Red Sky“, den sie für Netflix unter der Regie von Peter Thorwarth gedreht hat, bewirbt. Baumeister sitzt in einem schweren Sessel vor einer hell vertäfelten Wand. Sie hat einen kurzen Pixie-Haarschnitt und lacht viel. Im Film spielt sie Nadja, eine Vampirin, die ihren Blutdurst aus humanitären Gründen zu unterdrücken versucht. Mit ihrem Sohn sitzt sie in einem Transatlantikflug auf dem Weg zu einem Arzt in Amerika, der Sie von ihrer Sucht befreien soll. Dann wird das Flugzeug entführt. Um ihr Kind zu retten, muss sie das Monster in sich befreien.

Frau Baumeister, wann sind Sie das letzte Mal geflogen?

Das letzte Mal tatsächlich Transatlantik (lacht). Nein, ich kann mich nicht erinnern, das ist bestimmt zwei Jahre her. Ich bin aber auch keine Vielfliegerin. Ich versuche so grün wie möglich zu leben und habe kein Auto. Dafür aber Fahrrad und Bahncard.

Wie war es, eine Frau an der Schnittstelle von Monster und Mutter zu spielen?

Intensiv. Dieser Konflikt ist ja der Kern der Figur und aus ihm entstand zum einen eine große Kraft, aber auch ein fast bodenloser Abgrund und noch vielmehr eine über sich selbst geordnete, übergreifende, archaische Liebe. Die grenzenlose Liebe einer Mutter zu ihrem Kind. Am Ende habe ich mich also auf meine Instinkte verlassen, erst recht, wenn sie ins fast Tierische übergingen. Geholfen hat auch, dass ich selbst Mutter von einer drei Jahre alten Tochter bin. Als sie auf die Welt gekommen ist, habe ich das erste Mal so etwas wie eine Art Urangst erlebt. Diese Form der Angst habe ich vorher noch nie gespürt.

Wie fühlt sich diese Urangst an?

Das ist ein diffuses Gefühl. Bei mir sitzt das im Solarplexus. Die Angst, dass meinem Kind etwas passieren kann, ist fast unvorstellbar. Ich würde für meine Tochter, genauso, wie es Nadja in dem Film macht, alles tun, um ihr Leben zu schützen. Ich müsste keine Sekunde darüber nachdenken, meins dafür zu geben. Das ist ein sehr ursprüngliches, großes Gefühl. Ich habe versucht, mich mit diesem zu verbinden. Ich glaube, das ist das Herzstück dieser Figur. Zusätzlich dazu habe ich mir eine Vorgeschichte gebaut, die das Ganze auflädt. Auch wenn wir sie nicht erzählt bekommen, war das für mich nötig, um Nadja greifbarer zu machen.

Blood Red Sky
Belastetes Mutter-Kind-Verhältnis: Nadja (Peri Baumeister) beschützt ihren Sohn Elias (Carl Koch) in Netflix’ neuem Vampirhorror wie eine Löwenmutter. Bild: Netflix

Wie sieht diese Vorgeschichte aus?

Meine Figur ist in einer Isolation, weil sie als Vampirin tagsüber nicht aus dem Haus gehen darf. Ich habe mir vorgestellt, dass sie, bevor sie das Flugzeug betritt, neun Jahre lang nicht das Licht gesehen hat. Dass sie zuhause versucht hat, alles zu strukturieren, um in ihren Möglichkeiten eine gute Mutter für ihren Sohn zu sein. Das war seltsam nah an dem Dasein, das wir während der Pandemie leben mussten. Was mich sehr berührt hat, ist, dass sie sich von ihrem Sohn hat überreden lassen, in dieses Flugzeug zu steigen, um zu Medizinern nach Amerika zu fliegen. Aus der Hoffnung heraus, ihren Sohn endlich zur Schule bringen zu können, ihm ein normales Leben bieten zu können. Sie kann ihre naturgegebene Rolle nicht erfüllen, denn ihr Sohn muss sich um sie kümmern und nicht umgekehrt. Ihr Wunsch endlich eine „normale“ Mutter sein zu können, ist so groß, dass sie die Angst vor sich selbst überwindet. Mit diesem Rucksack bin ich losgegangen.

Ihre Bewegungen werden im hinteren Teil des Films fast animalisch. Haben Sie sich das bei Tieren abgeschaut?

Ich habe, glaube ich, jedes Tiervideo gesehen, das es auf Youtube gibt. Es gab ein Video, in dem eine Löwin mit einem relativ gleich starken Tier, ich habe vergessen welches, sehr lange kämpft. Und man sieht, wie erschöpft die sich teilweise nur noch anfauchen. Bis Tiere in den finalen Fight gehen, sammeln sie alle ihre Ressourcen. Die warten und warten, die sammeln und sammeln, und setzen dann an. Das sind ganz schnelle Bewegungen. Alles ist wach, alles ist an. Das habe ich versucht, zu übernehmen. Die Figur funktioniert in der Wechselwirkung aus Ratio und Instinkt.

Das Tierische wird unterstützt von Ihrer Maske. Wie war es, damit zu drehen?

Die SPFX-Maske aus Schaumlatex wurde von Oscarpreisträger Mark Coulier entworfen. Sein Handwerk ist wahrlich Kunst und beeindruckend. Ich bin zu meiner ersten Probe in so ein kleines, schrummeliges, fast gruseliges Haus nahe London gefahren. Ich war nicht sicher, ob sich nicht gleich von irgendwo her kleine phantastische Wesen an meinen Mantel heften, so atmosphärisch war dieser Ort. Ich kam in seine Werkstatt und überall hingen Haare, Köpfe, Ohren. Mir wurde über den ganzen Körper grüner Schleim gegossen. Das war, meine ich, Silikon. Dann wurde ich komplett in Gips eingewickelt. Nur noch die Nasenlöcher waren frei. Weil jede Pore, jede Narbe und Falte meiner Haut abgenommen wurde. Die Maske hat oft bis zu fünf Stunden gedauert. Zwei Stunden davon wurde dann „nur“ gemalt: Blutspritzer, grüne Adern, Sommersprossen. Ich hatte drei verschiedene Gebisse – etwas, das ich nie wieder haben möchte. Die Haftcreme ist der wahre Horror (lacht). Das Kunstblut auch sehr süß, absurderweise. Und ich hatte wirklich ständig Blut im Mund. Aber die Haftcreme war wirklich mit Abstand das Scheußlichste!

Peri Baumeister
Nadja, gespielt von Peri Baumeister, muss in „Blood Red Sky“ das Böse in sich entfesseln. Bild: Stanislav Honzik/Rat Pack Filmproduktion GmbH/obs

Aber als ich mich dann das erste Mal in Gänze gesehen habe, sagte ich zu Mark: Wow, danke, jetzt muss ich eigentlich nichts mehr spielen. Das hatte schon eine große Wirkung. Aber ganz so einfach ist es dann natürlich doch nicht. Maskenbespielen ist nochmal eine eigene Schauspielform. Diese Figur und natürlich ihre Maske brauchte einen entsprechenden Körper, viel Schweiß und Emotionen, um sie lebendig zu machen. Ich habe viel körperliche Arbeit absolviert. Von Personal Training, Kickboxen bis hin zu dem spezielleren Stunttraining. Körperlich bin ich absolut an meine Grenze gegangen.

Welche Auswirkungen hatte Corona auf den Dreh?

Wir haben versucht in Prag zu drehen, bis der erste Lockdown kam. Keiner wusste, was mit uns passiert. Es war an einem Punkt nicht mal mehr klar, ob meine Tochter über die Grenze kommen kann. Sie war mit ihrer Nanny noch in Berlin und ich war schon in Prag. Das war von meiner Realität als in Deutschland lebende, gut arbeitende Schauspielern schon sehr weit entfernt. Sie hat es dann aber noch knapp über die Grenze geschafft. Kurz danach hatten wir dann auch schon einen Drehstopp über mehrere Monate. Ich habe den aber gut nutzen können und in dieser Zeit nochmal eine andere Form von Mental-Coaching gemacht und das Boxtraining intensiviert. Boxen ist für das Schauspiel eine großartige Übung. Koordination, Choreografie, Beobachten des Anderen, Reagieren, Agieren, im Moment sein, kraftvoll sein all das steckt in der Schauspielerei und eben im Boxen. Nach der Drehpause habe ich meine Tochter dann mit nach Prag genommen. Ich konnte sie nicht nochmal in Deutschland lassen. Die Produktion hat wirklich tolle Arbeit geleistet und wir waren gut geschützt. Zum Beispiel wurden wir täglich getestet und das Set wurde in fünf Gruppen eingeteilt, unterschiedlich farblich markiert, wir hatten alle andere Toiletten, andere Eingänge. Jeden Tag wurde Fieber gemessen. Das war eine organisatorische Höchstleistung.

Ist „Blood Red Sky“ eine Emanzipationsgeschichte?

Ich bin zwar keine Filmwissenschaftlerin, habe mir vorher aber schon angeschaut, wie Frauen bislang in diesem Genre dargestellt wurden. Was war deren Funktion im Actionfilm? Und ‚Funktion‘ trifft es ganz gut. Im Film Noir gab es zwar schon die Femme fatale, aber die hat sich über sexuelle Attribute definiert. In den Sechzigern gab es dann eine Bewegung hin zu kraftvolleren Frauenbildern. Die hatten dann aber oft sehr männliche Attribute. Frauen mussten wie Männer sein: hart und tough. Die Bewegung war dann aber auch wieder rückläufig. Dass Frauen mit ihren femininen Attributen kraftvolle und schwache Rollen gleichzeitig spielen dürfen, das ist rar. Im Drama ist das zwar heute schon teilweise anders, aber immer noch ausbaufähig. Im Actiongenre hat Marvel in den letzten fünf Jahren, unter anderem mit „Wonder Woman“, weibliche Heldinnen und Anti-Heldinnen auf die Leinwand gebracht. Ich bin also Peter dankbar, dass ich eine so komplexe, ambivalente und berührende Frauenrolle spielen darf, die immer ihre eigenen Entscheidungen trifft. Ihre ganze Entwicklung wird nicht von einem Mann gelenkt, sondern entsteht aus sich heraus. Sie darf eben schwach und kraftvoll zugleich sein. Das macht sie aus. So wird sie für mich zur Heldin. Und ich muss nicht mal sexy dabei sein. Ich denke, dass ist der feministische Aspekt dieser Rolle.

Nadja darf auch im Schlabberpulli rumlaufen.

Ja, aber das ist natürlich auch inhaltlich bedingt. Sie darf am Anfang einfach kein Licht an ihre Haut lassen. Und natürlich gibt es auch Momente, in denen man Nadja schön finden kann, Schlabberpulli hin oder her, vielleicht sogar sexy, das soll ja nicht wegfallen - ihre Zartheit noch weniger. Mir war es einfach wichtig, ein Kostüm zu finden, das alles kann und wo man auch ab einem Punkt in der Geschichte Haut sieht, aber nicht wegen der Sexyness, sondern um ihre Verletzlichkeit zu zeigen. Damit man etwas Fragiles an ihr sieht; dass sie fast etwas Transparentes hat. Das ist auch Frausein, das ist auch Sexysein. Diese Figur hat eine unprätentiöse Sinnlichkeit. Aber es gibt universellere Themen, die darunter liegen, von denen nicht abgelenkt werden muss durch ein versexualisiertes Frauenbild. Und ja, es geht hier trotzdem immer auch um die Freiheit. Frauen sollen sexy sein dürfen. Aber bitte nicht müssen. Eine Frau kann eben alles sein. Wir dürfen – finally – endlich alles spielen.

Haben es Filme mit diesen „neuen“ Frauenrollen auf Streamingplattformen wie Netflix leichter?

Ich glaube schon, dass Netflix ein Arbeitgeber ist, der sehr auf innovative, junge, zeitgemäße Perspektiven aus ist. Das sieht man ja auch an den Besetzungen. Netflix ist sehr erfrischend, weil man so viele neue Gesichter sieht, die man vorher nicht gesehen hat. Weil eine verstaubte Angst, etwas bedienen zu müssen, dass ein Film vielleicht nicht funktioniert, nicht da ist. Die Hauptrolle in „The Queen’s Gambit“ so zu besetzen - ich finde sie ja wunderschön - und nicht mit der typischen Schönheit: Was für eine großartige Entscheidung ist das! Ich glaube schon, dass Netflix sich für die besseren Spieler entscheidet und versucht, am Puls der Zeit zu sein. Das sind noch kleine Schritte, aber ich glaube, dass das in die richtige Richtung geht.

Was haben sie gedacht, als sie das Drehbuch das erste Mal in der Hand hatten?

Ich war mir nicht sicher, ob das Trash ist, was ich da lese. Und dann fand ich es aber auch irgendwie einfach geil. Am Ende haben verschiedene Dinge eine Rolle gespielt: Ich liebe physische, extreme Rollen. Auch wenn der ganze Horrorteil eigentlich nicht mein Ding ist, reizt mich daran das unbekannte. In der deutschen Filmlandschaft einen Actionthriller angeboten zu bekommen, ist rar. Dann kam hinzu, dass ich Alexander Scheer, der schon besetzt war, großartig finde. Er ist ein herrlich unberechenbarer Spieler. Die Entscheidung für die Kamera, die Spieler und die Gewichtung auf dem Drama. Das war der finale Impuls, zu sagen: Ich will! Gleichzeitig ist mir der Arsch allerdings auf Grundeis gegangen, als ich die Zusage bekommen habe und ich dachte: Fuck, jetzt muss ich mir meine Haare ja wirklich abschneiden.

Es steht ihnen gut.

Danke! (lacht) Ich bleibe auch dabei. Auch wenn meine Tochter es mittlerweile anders sieht. Sie hat meine Nassrasur erlebt, da war sie so klein, dass sie es ohne mit der Wimper zu zucken hingenommen hat. Ein Jahr später holte ich sie aus dem Kindergarten ab und da sagte sie plötzlich: ‚Mama, ich will, dass du dir die Haare wieder wachsen lässt. Du siehst gar nicht mehr aus, wie eine richtige Mama.‘ Das war schockierend für mich. Dass dieses Idealbild schon so verankert ist in einem dreijährigen Kind, das eigentlich mit mir andere Erfahrungen gemacht hat. Ich glaube, unsere Generation hat die Verantwortung, unsere Kinder von diesen idealisierten Frauenbilden wegzubegleiten.

Hat die Reaktion Ihrer Tochter bei Ihnen ein Umdenken ausgelöst, bewusst andere Rollen anzunehmen?

Das hatte ich schon immer. Figuren über Schönheit interessieren mich nicht. Für die Serie Skylines haben wir mich nicht geschminkt und mir Augenringe gemalt. Ich interessiere mich für Figuren, die das Leben zeichnet und bei denen man das auch sieht.

Im Originalton wird im Film Deutsch und Englisch gesprochen. Wie war es, zweisprachig zu drehen?

Ich kannte das schon von „The Last Kingdom“. Da hatte ich wirklich eine Barriere. Dafür habe ich dann auch richtiges Dialekttraining bekommen. Mittlerweile finde ich, dass ich auf Englisch besser spielen kann als auf Deutsch. (lacht) Englisch ist einfach eine tolle Spielsprache. Ich habe für mich entdeckt, dass das Simple der Sprache hilft, Emotionen darunter zu legen, ohne dass sie zu schnell pathetisch klingt. Wobei pathetisch an sich gar kein negativ konnotiertes Wort ist für mich. Aber im Deutschen, dass ja schon blumig und ausschweifender ist, wirkt es schneller aufgeladen. Englisch ist sehr klar.

Wie war die Zusammenarbeit mit erfahrenen Action-Schauspielern wie Dominic Purcell?

Wir hatten nicht so viele Berührungspunkte, aber die wir hatten waren sehr angenehm, auf Augenhöhe und kollegial. Und gerade im Action- und Stunt-Bereich konnte ich viel von ihm lernen. Action und besondere Stunts brauchen einfach mehr Raum und Zeit. Da hinken wir manchmal noch etwas hinterher. Und ich muss noch ergänzend sagen, dass ich das ganze internationale Ensemble wirklich großartig finde. Es war spannend zu beobachten, wie jeder anders an seine Rolle herangeht. Jeder Spieler hat auf eine andere Art versucht, seiner Figur mehr Tiefe zu verleihen. Obwohl sie zum Beispiel als Entführer natürlich auch eine bestimmte Funktion haben und diese auch bedienen müssen. Aber am Ende war ich als fast einzige Frau mit zehn Testosteron geladenen Männern unterwegs. Das war in jeden Fall eine Herausforderung (lacht).

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Schiller, Anna
Anna Schiller
Volontärin.
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