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Zerschlagung von hr2

Ist das Kulturfunk, oder kann – Sie wissen schon!

Von Nora Sefa, Anna Vollmer
 - 20:06
Lauter schöne Logos: hr2 in der Eigenankündigung.zur Bildergalerie

Dass die verschiedenen politischen Lager, von den Grünen bis zur AfD, sich in einer Sache einigermaßen einig sind, kommt selten vor. In Hessen gibt es dazu nun einen Anlass: Angesichts des Plans des Hessischen Rundfunks, den Radiokultursender hr2-Kultur deutlich umzugestalten, Wortbeiträge zu streichen oder in Form von Podcasts ins Internet auszulagern und stattdessen nur klassische Musik zu spielen, kommt Kritik von vielen Seiten. Neben den an dieser Stelle erschienenen Beiträgen von Kulturschaffenden (die wir fortsetzen) haben sich auf Anfrage auch Politiker der Frankfurter Stadtverordnetenversammlung, des Hessischen Landtags und des Bundestags zu den geplanten Änderungen geäußert, die der Sender en detail bislang nicht hat nach außen dringen lassen. Politiker der Linken und der FDP haben zu den geplanten Veränderungen nicht Stellung bezogen.

Bis auf wenige Ausnahmen fallen die Einlassungen der Politikerinnen und Politiker der übrigen Parteien überraschend einstimmig aus. Ein Ansatzpunkt ist die Konzentration auf die Anzahl der Hörer und deren vermeintliches Alter, sowie die Frage, ob ein öffentlich-rechtlicher Sender, der nicht auf Quoten angewiesen ist, sich überhaupt daran orientieren oder nicht ein Kulturprogramm um seiner selbst willen gestalten sollte.

Bettina M. Wiesmann, Bundestagsabgeordnete der CDU mit Wahlkreis in Frankfurt, schreibt: „Die deutlich spürbare Resonanz auf die Pläne zur Umstrukturierung des Senders spricht Bände über seine Bedeutung.“ Sie ruft Intendanz und Direktorium des Hessischen Rundfunks dazu auf, das Publikum bei ihrer Entscheidung nicht zu „übergehen“. Die „Freiheit vom Quotenzwang“ sei etwas „ungemein Kostbares“, das unbedingt erhalten bleiben müsse. Die „faktische Abschaffung des Kultur- und Bildungssenders hr2-kultur“ komme einer „Bankrotterklärung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Hessen nahe. Gebührenzahler fragen sich, warum die gleichen, zumal steigenden Rundfunkgebühren in Bayern einen anspruchsvollen Kultursender tragen, während in Hessen hingegen künftig nur noch Platten aufgelegt werden.“

Der Rundfunkbeitrag, der überall in Deutschland gleich hoch sei, sagt Thomas Dürbeck, kulturpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion im Frankfurter Römer, gebe den Bürgern ein „Anrecht“ auf Kulturprogramm und Kulturberichterstattung. Ähnlich sieht es Sylvia Momsen, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen im Frankfurter Stadtparlament. Sie fragt sich, ob man die hunderttausend Hörer pro Tag, die der Sender schließlich immer noch hat, tatsächlich aufgeben sollte, nur weil sie vermutlich alt seien und keine „neue“ Zielgruppe darstellten: „Es ist sicher eher die Generation 50 plus, die das hört. Das ist aber immer noch die Hälfte der Bevölkerung in Hessen. Ich kenne einige alte Menschen, die sich durch diesen Sender fit halten“, sagt sie und nimmt die Sache auch persönlich: „Ein Ende von hr2-Kultur wäre für mich das Ende meines Radiohörens. Es ist der einzige Sender, den ich noch höre, weil er eine Qualität aufzeigt, welche mich immer neugierig macht.“

Rolf Kahnt, kulturpolitischer Sprecher der AfD im Hessischen Landtag, plädiert ebenfalls dafür, sich nicht nur an der Quote und dem Alter der Hörerschaft zu orientieren: „Ich bin der Überzeugung, dass ein Nutzerverhalten nicht ausschlaggebend dafür sein darf, dass hr2-Kultur, das sich bei den meisten Hörern als Lieblingssender mit vielfältigen Kulturformaten und Wortbeiträgen wie Bücherlesungen etabliert hat, dem Rotstift ausgesetzt wird.“ Stattdessen, so Kahnt, solle es dem Sender darum gehen, zusätzlich zur Stammhörerschaft neue junge Hörer zu gewinnen.

Doch erreicht man junge Hörer noch über das Radio? Die CDU-Bundestagsabgeordnete Wiesmann bezweifelt das zwar, hält das aber nicht für einen Grund, den Sender einzustellen – im Gegenteil. Gerade weil junge Leute zu anderen Medien abgewandert seien, müsse man die Reform überdenken, denn es sei unklar, „ob die Formate, die aus der Umstrukturierung resultieren, dem bestehenden Druck der Online-Medien standhalten können. Ein Klassik-Radio und Kultur-Podcasts könnten angesichts der Alternativen wie Spotify oder Youtube die gesamte Einrichtung in Frage stellen.“

Diese Einrichtung, der Hessische Rundfunk als öffentlicher Sender, habe aber einen „Bildungsauftrag“, sagen die angefragten Politikerinnen und Politiker. „Das hessische Radioangebot darf nicht zum reinen Dudelfunk werden, in dem nur werberelevante Einschaltquoten zählen“, erklärt Thomas Dürbeck. Dass der Sender in seiner aktuellen Form weit davon entfernt ist, ein „Dudelfunk“ zu sein, wird quer durch die Fraktionen gelobt und hervorgehoben.

Ina Hartwig, Frankfurter Kulturdezernentin und Stadträtin der SPD, erklärt: „Es gehört zur guten Tradition des Hessischen Rundfunks, seinen Beitrag zur Förderung einer kritischen Öffentlichkeit deutschlandweit zu leisten.“ Hierzu zählten etwa Kulturthemen und Sendungsformate, „die von kommerziellen Sendern nicht angeboten werden“. Gerade „die regionale Kunst- und Literaturszene“ brauche den öffentlich-rechtlichen Rundfunk als starken Partner zur Erschließung breiter Zielgruppen.“

Diesen Aspekt würdigt auch die Grünen-Politikerin Sylvia Momsen. Felix Semmelroth, ehemaliger Kulturdezernent der Stadt Frankfurt, betont die große Tradition des Senders und verweist auf Theodor W. Adorno: Der Philosoph habe schließlich „viele Vorträge für den Rundfunk gehalten, nicht zuletzt für den Hessischen Rundfunk“. Kultur sei ein „weites Feld“, sagt Semmelroth mit Verweis auf Theodor Fontane. Vor allem aber sei es ein Feld, das der Hessische Rundfunk zu beackern habe. Klassische Musik dürfe Teil davon sein, aber nicht nur.

Selbst Politiker, die grundsätzlich Reformbedarf beim Hessischen Rundfunk sehen, wollen das Programm von hr2-Kultur nicht missen: „Der Charakter ‚des‘ Programms der Kulturregion Rhein-Main muss erhalten bleiben. Wir brauchen kein weiteres Format zum ‚Durchhören‘, sondern genau die Mischung aus angemessen ausführlichen (und meist kompetenten) Wortbeiträgen, anregender Musik und regionalen Bezügen, wie sie für hr2 typisch sind“, sagt Eugen Emmerling, Stadtverordneter der SPD im Frankfurter Römer.

Unterstützer der anstehenden Reform gibt es wenige. Eher lapidar äußert sich Nico Wehnemann, Stadtverordneter der PARTEI im Frankfurter Römer: „Seit der Abschaffung des Volksempfängers ist Radio sowieso ein Auslaufmodell. Die PARTEI sieht die Zukunft eher im Internet oder den nachfolgenden Medien.“

Armin Schwarz, Abgeordneter der CDU im hessischen Landtag, hält eine stärkere Ausrichtung des Hessischen Rundfunks auf ein jüngeres Publikum und digitale Angebote für „richtig“. Er wünsche sich, so Schwarz, dass der Sender nach der Umstrukturierung „für die Zukunft gut gerüstet“ sei. Es gebe aber noch „erheblichen Diskussions- und Überzeugungsbedarf“, sagt Schwarz.

Letzteres deutet darauf hin, dass das Wie der Reform, die der Senderspitze zufolge angeblich unumkehrbar ist, für viele noch im Unklaren liegt. Eine Streichung kultureller Wortbeiträge in hr2-Kultur kommt für die Politikerinnen und Politiker in Hessen nicht in Frage.

Was die Mehrheit der hessischen Hörer zu den Reformen sagen würde, fragt sich indes Eugen Emmerling, der auch anprangert, dass der Sender diese Debatte nicht selbst angestoßen habe: „Ich hätte mir übrigens gewünscht, dass die Leitung des Hessischen Rundfunks ihre Hörer so ernst nimmt, dass sie selbst eine öffentliche Diskussion über die anscheinend geplante radikale Neuausrichtung von hr2 organisiert hätte.“

Stammhörer hat hr2-Kultur täglich um die hunderttausend. Gemessen an der hessischen Bevölkerung mag das nicht viel sein. Doch ändert sich das Bild schon, wenn man einen vergleichbaren Sender wie Deutschlandfunk Kultur betrachtet, der mit einer nationalen Reichweite etwa fünfmal so viele Hörer hat. Der Intendant des Deutschlandradios, Stefan Raue, spricht nicht nur mit Blick auf seine drei Programme von einer „Renaissance des Radios“. Beim Hessischen Rundfunk sieht man das offenbar anders.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Vollmer, Anna
Anna Vollmer
Volontärin.
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