Realityfernsehen

Das surreale Leben

Von Anna Prizkau
19.09.2021
, 14:32
Oliver Sanne beim „Großen SAT.1 Promiboxen“
Was wollen Menschen im Reality-TV? Warum schaut man ihnen zu? Und was erfährt man, wenn man zwei Protagonisten dieses Fernsehens in der Wirklichkeit zusieht? Begegnungen mit Rafi Rachek und Oliver Sanne.

Was sind die großen, echten Sehnsüchte der Menschen? Sie stehen auf Happy-Birthday-Karten – und sind banal: Glück, Liebe, Geld, Erfolg. Man läuft durch diese kalte Welt und sucht danach und findet meistens nichts davon. Denn das Leben ist unfair und ehrlich und brutal. Es könnte aber anders sein, so wie im Fernsehen; auf den privaten Sendern selbstverständlich, denn sie versprechen das, was sich die meisten Menschen wünschen – in Sendungen wie „Bachelor“ oder „Bachelorette“, „Kampf der Realitystars“, „Love Island“ und „Prince Charming“.

Man schaltet ein, und während die knallbunten, schnellen Bilder laufen, denkt man: Suchen die schönen Menschen in den lauten Shows nach der Erfüllung ihrer kleinen, großen Träume? Oder wollen sie einfach leuchten und Applaus? Weshalb gehen sie ins Fernsehen? Warum schaut man ihnen zu? Und warum verheimlicht man das manchmal – sagt falsch, verlogen: Was, gestern Abend? „Bachelor“? Nein! Da habe ich den-und-den Roman gelesen!

In Köln beginnt das Antwortsuchen. Milchiger Himmel, Regen, ein Café. Rafi Rachek sitzt auf der halb verlassenen Terrasse. Er – 31, das Haar weißblond gefärbt, der kurze Bart so schwarz wie seine Brauen – könnte Zahnseide-Werbung machen, das sagt sein Lächeln. Im Fernsehen sagte Rachek, er suche nach der großen Liebe. Das war 2018 und in der Show „Die Bachelorette“, die man sich ansieht, wenn man Liebe sehen will, wenigstens auf seinem Bildschirm. Denn da trifft jedes Jahr eine einsame Frau zwanzig einsame Männer, um sich am Ende zu verlieben. Dass Rafi Rachek dort die Liebe suchte, war eine Lüge. Er suchte nach einem Alibi für seine Mutter, seinen Vater, die Geschwister. „Wenn ich da mitmache, das dachte ich, wird nie jemand die Wahrheit ahnen, und meine Eltern lassen mich in Ruhe“, flüstert er jetzt, fährt mit der rechten Hand über sein scharfes Dreieckskinn.

Rafi Rachek bei „Promi Big Brother“
Rafi Rachek bei „Promi Big Brother“ Bild: ddp

Die Wahrheit erklärte er in einer anderen Show und ein Jahr nach der „Bachelorette“: Er weinte, sagte, dass er Männer liebe. Als Zuschauer hatte man mitgeweint, war glücklich und erleichtert. „Kurdisch, jesidisch, schwul, das ist sehr viel“, sagt Rafi Rachek, und seine Brauen ziehen sich zusammen, als ob er etwas Schweres heben würde. Es geht jetzt um Racheks Familie, die sein Outing nicht verstanden hatte: „Einer meiner Brüder sagte, es wäre besser, wenn ich sterbe.“

„Weiß, schwarz, schwul – alles ist dabei“

Rachek kam im Nordosten Syriens zur Welt, im Kreis Hassaka. Vor 21 Jahren floh er mit seinen Eltern und Geschwistern. In Deutschland lebten sie sieben Jahre in einem Flüchtlingsheim, da sei es schwer gewesen, sagt er. Ein Leben in Unsicherheit, Jahre mit ungeklärter Aufenthaltslage. Rafi Rachek macht eine Pause, keine rhetorische, denn er versucht sich zu erinnern. Er sagt, dass im Heim alle Flüchtlingskinder Fußballprofi werden wollten. Er landete natürlich nicht auf einem Fußballfeld. Er landete im Fernsehen. Doch von Rafi Racheks Biographie wurde da nie erzählt. Warum? Weil das Privatfernsehen sich nicht für das Private interessiert, es sei denn, es sind einfache Geschichten, in denen sich die fiktionssüchtigen und glückssuchenden Zuschauer erkennen können.

Deshalb lässt man Rafi Rachek jetzt im Café erzählen und sieht ihm zu und hofft – wie man auch immer vor dem Fernseher hofft – aufs große Happy End. Er schaffte es von der Hauptschule aufs Gymnasium und machte Abitur, studierte Politik und Geschichte in Kassel. Kurz. „Das hat mich immer interessiert. Aber nach einem Semester konnte ich nicht mehr, in meinem Kopf war viel zu viel, auch wegen meiner Sexualität, die ich damals noch unterdrückte.“ Dann erzählt Rachek von anderen Unterdrückern, von den Rassisten, die er traf – es waren viele.

Auch im Realityfernsehen?

„Nein. Es ist eigentlich eine Welt ohne Rassismus. Weiß, schwarz, schwul – alles ist dabei.“

Der Traum davon, für immer im TV zu sein

Wenn der Realitymann Rafi Rachek im Café sitzt, spricht, Cola Zero trinkt – elegant, sanft, ruhig – , sieht er nicht aus wie der Realitymann Rafi Rachek aus dem Fernsehen. Da schreit er meistens, streitet, ist beleidigt. Warum?

„Das ist der Preis, den dich die Sendungen kosten. Sie filmen dich 24/7 und zeigen oft nicht die schönen, ruhigen Szenen. Sie können dich schneiden, wie sie wollen“, sagt er, und das klingt jetzt nach dem sehr echten Leben, in dem man sich selbst manchmal machtlos fühlt.

Im Fernsehen hat Rachek keine Liebe finden können, doch in der Wirklichkeit – einen Mann, der auch schon im TV war. Sein Freund hat sich für die Sendung „Prince Charming“ filmen lassen. Racheks Familie will seinen Partner nicht kennenlernen. Fragt man ihn nach seinem großen Traum, sagt er: „Frieden mit meiner Familie.“

Und was ist mit seiner Karriere?

„Natürlich träume ich davon, mich medial zu etablieren.“

Also für immer im TV zu sein?

„Ja, für immer. Ich liebe es. In meinem Leben habe ich sehr lange eine falsche Rolle spielen müssen, im Fernsehen habe ich sie abgelegt und bin ich selbst geworden.“

Das Reality-TV ist doch kein Zauberland

Er sagt „Auf Wiedersehen“ und geht. Zum letzten Mal sieht man ihm zu und fühlt sich auf einmal wie in „The Purple Rose of Cairo“, weil dieser Woody-Allen-Film ein ähnliches Verwirrspiel mit Sein und Schein treibt wie die zwei Stunden, in denen man Rafi Rachek zusah und zuhörte. Denn einerseits erfüllt Reality-TV alle Protagonisten- und Zuschauer-Träume, andererseits aber betrügt es alle mit bösartig zusammengeschnittenen Szenen; betrügt die Menschen vor der Kamera, die Menschen vor dem Bildschirm. Deshalb ist das Reality-TV kein Zauberland, ist Trash. Niveaulos, primitiv und dumm, das sagen viele Menschen, auch die, die diese Shows heimlich und nicht so heimlich schauen. Und, klar, sie haben recht. Wie da gestritten wird, hat nichts mit Anstand, Bildung, bestem Elternhaus zu tun. Aber sie haben, klar, auch unrecht. Denn wenn man sich sehr ehrlich an seinen letzten Streit erinnert, dann hatte man da auch nicht Kierkegaard zitiert. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum man sich Realityfernsehen anschaut: Da schreien Menschen schlimmer, lauter, als man selbst manchmal schreit.

Nicht nur im Streit ist dieses surreale Realityfernsehen ehrlicher, auch in den sogenannten „Nominierungen“ ist es das. In „Kampf der Realitystars“ zum Beispiel – die Sendung ist die Champions League des ganzen Reality-TVs, zu sehen sind nämlich nur die Menschen, die vorher schon in anderen Shows zu sehen waren, was so selbstreferenziell und seltsam ist, dass es viel besser läuft als alle Debatten im Feuilleton. Da kämpfen also schon gesehene „Stars“ um Geld und müssen Wissens- und Sportspiele spielen und jede Woche einen oder eine nominieren. In diesen „Nominierungen“ entscheiden viele nicht nach Sympathie, sondern nach Konkurrenz. Es fallen Sätze wie: „Du bist der Stärkste, und wenn du weg bist, habe ich mehr Chancen auf den Sieg.“ Und das ist ungefähr das Gleiche, was man selbst auch schon mal gedacht hat – ob in der Liebe, in der Arbeit und, ja, auch immer dann, wenn jemand sich vordrängeln wollte im Penny oder Rewe.

In Düsseldorf – der Himmel ist noch immer milchig grau – wartet ein Mann, der im Realityfernsehen sehr oft ein „großer Konkurrent“ genannt worden ist. Der Mann ist wirklich groß, vielleicht zwei Meter. Oliver Sanne, 34, steht in seinem Wohnzimmer, das aussieht wie das Zimmer eines Riesen, schon seine Couch ist viel zu breit und viel zu lang. Wie Gulliver im Land der Riesen sitzt man dann also da, trinkt Kaffee aus einem Riesenbecher (man muss ihn mit zwei Händen halten) und starrt auf diesen Bizeps. Er ist so massig wie der Schenkel eines Durchschnittsmannes. Anders als Sannes Körper ist dessen Biographie gewöhnlicher, normal: „Ich komme aus einem einfachen Elternhaus, Vater Handwerker, Mutter Hausfrau. Zu Hause gab es die klassische Rollenverteilung.“

Spricht er vom Leben oder Fernsehen?

Er kam in Bonn zur Welt und machte, natürlich, eine Ausbildung zum Fitnesstrainer, das sieht man. Studierte dann, natürlich, Fitnessökonomie, auch das sieht man. Er erzählt jetzt von der Verwandlung seines Körpers – der eines dicken Jungen, der „Mister Germany“ geworden ist. „Es war auch eine Geschichte, die sich gut verkaufen ließ. Eine authentische – das ist ja jetzt das Lieblingswort von allen“, sagt er. Und man weiß nicht, von welcher Welt dieser Realitymann spricht: vom Leben oder Fernsehen? Seine Geschichte der Verwandlung hörte man im TV schon oft. Warum Oliver Sannes Story dort erzählt worden ist und die von Rafi Rachek nicht, das hat wahrscheinlich etwas mit Identifikation zu tun, weil es viel leichter ist, sich in einem dicken und westdeutschen Jungen zu erkennen als in einem Flüchtlingskind aus Syrien. Nachdem Oliver Sanne zum schönsten Mann Deutschlands gewählt worden war, wählte er Frauen im Fernsehen aus. Er wurde „Bachelor“. Warum? Dachte er wirklich, dass er in dieser Show die wahre Liebe findet?

„Nein.“ Aber er habe Lust gehabt, jemanden kennenzulernen. Sein Jemand war die blonde Liz, der er die letzte Rose gab. Doch die Bachelorbeziehung hielt nicht. „Was ich in dieser Sendung über Liebe lernte“, sagt Sanne, senkt seinen Blick, „dass Liebe nicht nur Euphorie bedeutet. Wir haben Langusten unterm Sternenhimmel gegessen, alles lag uns zu Füßen, aber diese Gefühlswelt hatte nichts mit der Wirklichkeit zu tun.“

Sie leben weiter in der Fernsehfiktion

Sanne nennt das Realityfernsehen – nicht sehr originell, doch sehr selbstkritisch – eine „Scheinwelt“, und das ist auch der Titel seines neuen, ersten Buchs (NIBE Media), in dem er dieses Fernsehen mit dem antiken Rom vergleicht, die Sendungen mit Gladiatorenkämpfen. Und trotzdem zieht er immer wieder in die Shows. Weshalb?

„Ich mache es zu 90 Prozent wegen des Geldes. Ich bin auf diese Welt nicht angewiesen, ich habe meine Ausbildung und meine Arbeit.“ Dann plötzlich sagt er, dass sich die Welt nicht nur um Geld drehen würde, erzählt von seinem Bandscheibenvorfall, von fünf Operationen, von Tagen, Wochen, in denen er nicht mal das Bett verlassen konnte. Sein Traum? „Gesund zu sein und glücklich.“

Gesundheit, Glück und Frieden, das also sind die Sehnsüchte der zwei Realityshowmänner, denen man heute, an diesem milchig trüben Tag in Köln, in Düsseldorf und in der Wirklichkeit zusah. Und ja, das hört sich seicht an, aber wahr. Schließlich träumt man auch von erfüllten Happy-Birthday-Wünschen für sein Leben, denkt man, während der Zug nachts Düsseldorf verlässt, denkt dann noch mal an „Purple Rose of Cairo“, den Film im Film, in dem ein Schauspieler von einer Leinwand in das echte Leben tritt und man seiner Geschichte folgt. Und irgendwann sagt irgendwer im Film: „Die wirklichen Menschen wollen, dass ihr Leben eine Fiktion ist, und die erfundenen, dass ihr Leben Realität wird.“ Vielleicht ist es mit den Reality-Darstellern ähnlich, aber andersrum: Sie treten aus ihrem Leben auf den Bildschirm und leben weiter in der Fernsehfiktion. Sie suchen nach der großen Liebe, nach Geld, Glück und Erfolg. Die einen finden nichts, die anderen verschwinden irgendwann vom Bildschirm. Und viele werden in der Fiktion unglücklich sein oder noch werden, wie wir Zuschauer, die Menschen in der Wirklichkeit es sind. Am Ende ist dieses Fernsehen so wie dieses Leben: unfair und ehrlich und brutal.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Prizkau, Anna
Anna Prizkau
Redakteurin im Feuilleton.
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