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Ronald S. Lauder zu Auschwitz

Das Mädchen mit dem roten Mantel

Von Ronald S. Lauder
 - 17:37
Ronald S. Lauder

Als ich vor fünf Jahren vor diesem Schmerzenstor stand, räumte ich ein, dass ich kein Überlebender bin. Aber mein Dank gilt den Überlebenden, die heute unter uns sind. Ich bin kein Befreier, doch ich ehre den Mut der Soldaten, die uns alle gerettet haben.

Ich bin einfach als Jude hier. Für uns Juden ist dieser Ort, dieser schreckliche Ort namens Auschwitz, ein untrennbarer Teil von uns geworden. Auschwitz gleicht der Narbe einer furchtbaren Wunde. Sie verschwindet nicht, der Schmerz hört nie auf. Ich habe mich immer gefragt: Wäre ich in Ungarn geboren worden, dem Land meiner Großeltern, und nicht im Februar 1944 in New York, hätte ich überlebt?

Die Antwort lautet: Nein.

Ich wäre einer der 438.000 ungarischen Juden gewesen, die 1944 hier in Auschwitz von den Nazis vergast wurden. Ich versichere Ihnen, fast jeder Jude denkt über diese Frage nach.

Als heute vor fünfundsiebzig Jahren sowjetische Soldaten durch dieses Tor traten, wussten sie nicht, was sie erwartete. Und seit jenem Tag versucht die ganze Welt, mit dem fertig zu werden, was sie vorfanden.

Wir alle fragen uns, wie ein kultiviertes Land, das der Welt große Literatur und Kunst und wissenschaftliche Erkenntnisse schenkte, in einem Zorn, einer Niedertracht, einem abgrundtiefen Bösen wie Auschwitz versinken konnte.

Ronald S. Lauder´s speech in English language

Ich fürchte, Auschwitz hat mehr Fragen für uns als Antworten.

Aber ich möchte klarstellen: Während Deutschland und Österreich dieses unfassbare Böse verursachten, schufen und ausführten, war praktisch jedes andere europäische Land den Nazis bei der Verfolgung seiner jüdischen Bürger behilflich. Zu viele Menschen in zu vielen Ländern machten Auschwitz möglich.

Und als die europäischen Juden die Welt um Hilfe baten, um einen Zufluchtsort, ließ die ganze Welt sie im Stich.

Selbst mein eigenes Land, dieser Leuchtturm der Freiheit, löschte für die Juden das Licht, als sie es am dringendsten brauchten.

Im Juli 1938 organisierten die Vereinigten Staaten eine Konferenz in Evian, auf der über die Krise der jüdischen Flüchtlinge beraten werden sollte. Viele schöne Reden wurden gehalten, doch die Vereinigten Staaten nahmen keine weiteren jüdischen Flüchtlinge mehr auf. Die anderen Konferenzteilnehmer schlossen sich an. Zweiunddreißig Staaten waren vertreten, und keiner half den Verzweifelten - mit Ausnahme der kleinen Dominikanischen Republik. Hitler sah das. Vier Monate später kam die Kristallnacht.

Auch da reagierte die Welt nicht.

Hitler stellte die Welt auf die Probe, und jedes Mal erkannte er die Wahrheit: Die Welt war nicht interessiert. Da wusste er, dass er diese Todesfabrik bauen konnte.

Evian führte zu Auschwitz. Die Kristallnacht führte zu Auschwitz. Der weltweite Antisemitismus führte zu Auschwitz.

Zum Glück gab es einige anständige Menschen in Europa, die anders handelten. Einfache Leute, die ihr eigenes Leben und das ihrer Angehörigen riskierten, um andere Menschen zu retten. Manchmal Menschen, die sie überhaupt nicht kannten.

In Yad Vashem in Jerusalem kann man die Namen von 27.362 Gerechten unter den Völkern lesen. Nichtjuden, die alles riskierten, um jüdisches Leben zu retten. Wir haben diese ehrenwerten Männer und Frauen nicht vergessen, und wir werden sie nie vergessen.

Vor fünf Jahren, am 70. Jahrestag, erfüllte mich die unheimliche Zunahme des Antisemitismus in Europa mit großer Sorge. Heute wissen wir alle von den Angriffen auf Juden, von den Mordtaten. Die üblen Verleumdungen sind noch schlimmer geworden, sogar in meinem Land breiten sie sich aus.

Vor fünfundsiebzig Jahren, als die Welt schließlich die Bilder der Gaskammern sah, der Leichenberge, wollte kein vernünftiger Mensch mit Nazis etwas zu tun haben. Heute sehe ich etwas, von dem ich nie gedacht hätte, dass ich es erleben würde: Die offene und unverfrorene Verbreitung von Judenhass in der Welt.

Im Jahr 2020 hören wir dieselben Lügen, die die Nazis so wirkungsvoll in ihrer Propaganda eingesetzt haben: Juden haben zu viel Macht, Juden kontrollieren die Wirtschaft und die Medien, Juden kontrollieren Regierungen, Juden kontrollieren überhaupt alles. Wir begegnen diesem Irrsinn im Internet, in den Medien, hören ihn selbst von demokratischen Regierungen.

Wir werden den Antisemitismus nie auslöschen. Er ist ein tödliches Virus, das seit mehr als zweitausend Jahren unter uns ist. Wir können aber nicht wegschauen und so tun, als gäbe es das alles nicht. So haben die Menschen in den dreißiger Jahren reagiert. Und das führte zu Auschwitz.

Ich erinnere mich, dass ich mit dem ehemaligen Häftling Elie Wiesel hier einmal spazierenging. Irgendwann blieb er stehen und sagte etwas mir Unvergessliches. Elie sagte: „Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit.“ Gleichgültigkeit ermöglichte Auschwitz.

Heute sind hier fünfzig Länder vertreten. Ich weiß, dass jeder von Ihnen den Antisemitismus ebenso abscheulich findet wie ich. Ich weiß auch, dass Sie allein ihm kein Ende bereiten können. Aber Sie alle können Ihre Stimme mit Nachdruck gegen den Antisemitismus erheben.

Wir können die Geschichte nicht umschreiben. Aber wir können heute viel entschlossener sein. Wir alle müssen uns an die tapferen, aufrechten Menschen erinnern, die nicht weggeschaut haben. Die Politiker der Welt müssen hier eine führende Rolle spielen. Worte sind nicht genug. Politische Reden sind nicht genug. Es müssen Gesetze erlassen werden, strenge, harte, wirksame Gesetze, damit diese Hetzer für lange Zeit eingesperrt werden können. Kinder müssen lernen und wissen, wohin Judenhass führt. Das alles ist wichtig, aber die Staats- und Regierungschefs der Welt können diesen uralten Hass noch auf andere Weise nachdrücklich bekämpfen.

Ich rufe alle Staaten auf, die schändliche Fixierung der Vereinten Nationen auf Israel nicht länger zu unterstützen.

Genau drei Jahre, drei Monate und drei Wochen nach der Befreiung von Auschwitz machten die Juden ihren zweitausend Jahre alten Traum wahr und gründeten den Staat Israel. Juden brauchen Israel, und sei es nur, weil kein einziges Land der Welt bereit war, jüdische Flüchtlinge in ihrer Bedrängnis aufzunehmen. Die Juden verließen Auschwitz, sie flohen aus Europa, wurden aus jedem Land im Nahen Osten vertrieben, aber statt in Flüchtlingslagern zu leben und zu Terror zu greifen, errichteten sie eine lebendige Demokratie in einer Region, in der es keine Demokratie gibt. Sie haben ein Wunder nach dem anderen vollbracht und dabei tagtäglich ihre Existenz verteidigen müssen. Das musste kein anderes Land der Welt. Und darum wird Israel von den Vereinten Nationen, von Journalisten und sogar von einigen Politikern verurteilt.

Schlimmer noch, Israel wird immer wieder an den Pranger gestellt, mit den gleichen Lügen, die seit Jahrhunderten über Juden verbreitet werden.

Allein in den vergangenen sieben Jahren hat die UN-Vollversammlung 202 Resolutionen verabschiedet, in denen Länder auf der ganzen Welt verurteilt werden. Von diesen 202 Resolutionen richteten sich 163 gegen Israel und nur 39 gegen andere Staaten. 163 gegen Israel, 39 gegen den Rest der Welt. Wir alle wissen, dass diese Beschlüsse absurd sind. Die UN ignoriert üble Diktaturen, in denen Millionen der eigenen Bevölkerung ermordet werden. Und es ist völlig klar, dass dieser obsessive Antizionismus nichts als Antisemitismus ist.

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Gedenken in Auschwitz
Überlebende legen Kränze nieder

Jeder dieser absurden Beschlüsse, die nur auf Israel abzielen und den Rest der Welt ignorieren, diskreditiert die Vereinten Nationen und schadet der Institution insgesamt. Das ist sehr bedauerlich. Denn die UN wurde auf der Asche errichtet, auf der wir heute stehen. Sie war ein so großes Versprechen. Sie könnte so viel mehr sein.

Hier in Auschwitz ist man von Zahlen umgeben. 75 Jahre ... 1933 ... 1938 ... 6 Millionen. Es gibt jedoch eine Zahl, die noch immer schockiert und einem das Herz zerreißt.

Eine Million fünfhunderttausend. Das ist die Zahl der jüdischen Kinder, anderthalb Millionen, die im Holocaust umkamen. Es tut so weh, dass wir versuchen, nicht daran zu denken. Der Schmerz ist viel zu groß.

Hätten diese anderthalb Millionen Kinder so leben können wie alle anderen Kinder auf der Welt, wären sie heute in ihren Siebzigern und Achtzigern. Sie wären zur Schule gegangen, hätten geheiratet, hätten selbst Kinder bekommen. Was für ein Verlust.

Aber noch etwas anderes ist verloren. Was hätten diese anderthalb Millionen für uns alle erschaffen können! Welche Symphonien, welch große Literatur, welche Technologien! Welche bahnbrechenden medizinischen Erkenntnisse haben wir mit diesen verlorenen Seelen verloren! Wenn ein Angehöriger von Ihnen an Krebs erkrankte oder Alzheimer oder Parkinson, vielleicht gingen die Heilmittel gegen diese Krankheiten hier in Auschwitz verloren. Es war nicht nur ein jüdischer Verlust, es war ein Verlust für die ganze Welt.

Lidia Maksymowicz steht in der Kinder-Baracke, in der sie als Kind in Auschwitz inhaftiert wurde.
75 Jahre nach der Befreiung
Ein leeres Herz

Es gibt noch einen Aspekt der Geschichte von Auschwitz, über den nie gesprochen wird. Als die Überlebenden von diesem Nazi-Albtraum befreit wurden, sannen sie nicht auf Rache. Sie hatten ihre Mütter und Väter verloren, ihre Schwestern und Brüder. Viel zu viele hatten Frau und Kinder verloren. Und trotzdem wurde kein Deutscher von einem Juden aus Rache getötet. Kein einziger!

Denken Sie einen Moment darüber nach. Nach allem, was ihnen widerfahren war, gingen die jüdischen Überlebenden einfach durch dieses Tor hinaus und bauten sich ein neues Leben auf, gründeten eine neue Familie, arbeiteten und schufen. Einige ihrer Enkelkinder sind heute unter uns. Und es ist schändlich, dass sie heute, fünfundsiebzig Jahre später, erkennen müssen, dass ihre Enkelkinder denselben Hass erleben. Das ist schändlich und inakzeptabel.

All diese Zahlen - anderthalb Millionen Kinder, sechs Millionen Juden - können wir im Grunde nicht verstehen. Ich möchte Ihnen daher zum Abschluss eine letzte Geschichte erzählen.

Es kam zum Eichmann-Prozess, in dessen Verlauf die Zeugen von ihren Erlebnissen in Auschwitz berichteten. Ein Zeuge fiel auf, weil er mit ungewöhnlich emotionsloser Stimme sprach. Er schilderte, wie er hier ankam, zusammen mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter. Alle mussten aus den Viehwaggons aussteigen und standen dann auf der Rampe zur „Selektion“ an, dort drüben. Ein Arzt bestimmte, wer nach rechts ging, zur Arbeit, und wer nach links, in den Tod.

In diesem Moment wurde der Mann von seiner Frau und seiner Tochter getrennt, die beiden wurden weggedrängt. Im Zeugenstand sagte er: „Es waren so viele Menschen, dass ich sie aus den Augen verlor.“ Aber seine kleine Tochter trug einen roten Mantel, und er sah den kleinen roten Mantel, der kleiner und kleiner wurde, bis er ihn nicht mehr sehen konnte.

Der junge israelische Staatsanwalt Gabriel Bach hatte sich bei den letzten Worten des Zeugen erhoben. Er stand einfach da und schwieg. Schließlich bat ihn der Richter, fortzufahren. Doch er stand einfach da. Wieder bat ihn der Richter, fortzufahren. Und wieder stand er einfach da und schwieg.

Jahre später erklärte Bach, dass er und seine Frau, wie der Zufall es wollte, kurz zuvor einen roten Mantel für ihre dreijährige Tochter gekauft hatten. Und er fügte hinzu, dass sich, wenn er ein Stadion oder ein Restaurant betritt oder in Jerusalem einfach eine Straße entlanggeht und er ein kleines Mädchen in rotem Mantel sieht, ihm noch immer die Kehle zuschnürt und er kein Wort herausbringt. Es ist wahr, sooft ich ein kleines Mädchen mit einem roten Mantel sehe, muss ich an diese Geschichte denken. Das ist das Erbe von Auschwitz, es wird nie vergehen.

Allen hier anwesenden Juden und Nichtjuden rufe ich zum Abschied zu: Wenn wir etwas Antisemitisches hören, wenn wir jemanden ungerecht über Israel reden hören, wenn Juden auf der Straße angegriffen werden - schweigt nicht. Seid nicht gleichgültig. Jeder von uns kann einen Anstoß zu etwas Gutem, etwas Großem geben. Und tut es nicht einfach für die Juden auf der Welt. Tut es für eure Kinder, tut es für eure Enkelkinder. Aber tut es auch für das kleine Mädchen im roten Mantel.

Ihre Asche lag hier in der Erde. Zusammen mit mehr als einer Million gepeinigter Seelen. Sie beobachten uns und rufen uns in ohrenbetäubendem Chor zu: Schweigt nicht! Seid nicht gleichgültig! Lasst nicht zu, dass so etwas wieder geschieht!

Aus dem Englischen von Matthias Fienbork.

Quelle: F.A.Z.
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