Männermagazin „Walden“

Wo im dunklen Wald das große Abenteuer wartet

Von Ursula Scheer
24.05.2015
, 16:14
„Ich ging in die Wälder, denn ich wollte wohlüberlegt leben; intensiv leben wollte ich“, schrieb Henry David Thoreau 1854 in „Walden“. Das gleichnamige Magazin empfiehlt Neoprenanzüge.
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Das Magazin „Walden“ ist etwas für Männer, die viel erleben wollen - draußen, in der Wildnis. Doch brauchen sie natürlich allerhand Schnickschnack, damit sie sich dort nicht weh tun. Und es schön bequem haben.
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Zwei Jungs in einem Boot, die sich bei näherem Hinsehen nicht als Tom Sawyer und Huck Finn herausstellen, sondern als eher gesetzte Herren auf Paddeltour - mit dieser Titelillustration legt „Walden“ ab, das neue Magazin für den Mann. „Lass dich raus!“, fordert es von ihm und weiß: „Die Natur will dich zurück.“ Sieht so Gruner + Jahrs Antwort auf „Landlust“ aus, nur für männliche Leser? Oder markiert das pastellige, wie selbstgestempelte Layout auf mattem, schwerem Papier die Verwandtschaft zu „Flow“, dem Wohlfühl-Kreativgeschichten-Magazin für Frauen, die sich kuschelig retro einhäkeln lassen wollen?

„Walden“ ist nach „Flow“, das die Auflage der deutschen „Vogue“ übertrifft, der jüngste Zugang zur stetig wachsenden Familie von Special-Interest-Magazinen des Verlags. Sie lehren: Print hat es schwer. Aber in der Nische (Auflage hunderttausend Stück) geht noch was. Wo es heimelig wird und privat, wo der Mensch seinen Hund krault (Anleitung gibt das Heft „Dog“) oder der Mann noch ganzer Kerl sein darf und statt veganer Würstchen blutige Steaks auf den Grill wirft (die Legitimation dazu erteilt „Beef!“). Kurz, Gruner + Jahr schafft Magazine für Leser, die rauswollen aus dem Weltgeschehen. Nicht weit weg, nur dahin, wo gut hundert Magazinseiten mal kurz all das Böse da draußen wegstreicheln können: nach Hause. Romantiker würden sagen, dass wir ohnehin immer dorthin unterwegs sind.

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Der Urahn aller Ökos

Da ist es nur scheinbar ein Widerspruch, dass „Walden“ scheinbar die Gegenrichtung antritt. Im Editorial schreiben die Chefredakteure Harald Willenbrock und Markus Wolff, sie hätten sich gefragt, warum es eigentlich kein Magazin gebe, in dem es „um diese Lust an Natur und Draußensein geht. Deshalb haben wir es einfach selbst gemacht.“ Was hübsch den populären Do-it-yourself-Gedanken aufruft und die wohl nun auf ewig mit Landleben gekoppelte Vokabel „Lust“.

Naturbelassen: „Walden“
Naturbelassen: „Walden“ Bild: Foto Verlag

Seinen Namen hat sich das Blatt bei Henry David Thoreau geliehen, dem amerikanischen Urahnen aller Ökos und Alternativen, der, wir erinnern uns, Mitte des 19. Jahrhunderts vor der Industriegesellschaft in eine selbstgebaute Blockhütte am See flüchtete und notierte, was später sein Buch „Walden“ wurde. Thoreau hackte Bohnen und las (antike Autoren im Original), seine Zeitgenossen fanden das Ich-Experiment ziemlich seltsam und manche auch reichlich unmännlich. Aber was Thoreau sich fragte, blieb aktuell: Was braucht ein freier Mensch? Genauer: Was braucht ein Mann? Und wie kann die Natur ihm dabei helfen, es herauszufinden?

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Der gute Thoreau würde nicht schlecht staunen, blätterte er das von ihm inspirierte Magazin durch. „Fast jeder Luxus und viele der sogenannten Bequemlichkeiten des Lebens sind nicht nur absolut überflüssig, sondern geradezu Hindernisse für die fortschreitende Entwicklung des Menschengeschlechtes“, schrieb er. Was die „Walden“-Redaktion auf drei Doppelseiten als Lieblingsstücke für den Wald, den See und die Berge präsentiert, huldigt der Manufactum-Ästhetik - und dürfte sämtlich in die Kategorie überflüssiger Luxus fallen: Outdoor-Kocher (370 Euro), Holzbogen (650 Euro), Gusseisenpfanne für Rösti (47 Euro) mit passendem Aufgeblöffel (95 Euro). Einfach so raus in die Natur? Lieber nicht. Lieber mit komplettem Hausrat wie von anno dazumal vor der digitalen Gegenwart in die Gegenwelt fliehen. Das erinnert freilich eher an Schäferspiele im Garten von Versailles als an Jack London.

Abenteuer im Neoprenanzug

Das Problem mit dem Draußensein ist nämlich, dass die Sehnsucht nach Natur und Ursprünglichkeit zwar groß ist, die Bereitschaft aber, tatsächlich in Kontakt mit den Elementen zu treten, eher klein. Eine ganze Industrie lebt davon, dass Menschen, wie es ein Werbeslogan verheißt, „Draußen zu Hause“ sein wollen. Den unauflöslichen Widersinn, der in dieser Aussage steckt, suchen sie mit polarexpeditionsgeeigneter Funktionskleidung zu lösen, die beim Spaziergang oder auf dem Weg zum Büro das Gefühl vermittelt, eine Outdoor-Existenz zu führen. Wenigstens ideell. Da nimmt es nicht wunder, dass der britische Abenteurer, Blogger und Autor Alastair Humphreys mit Tipps aus seinem Buch „Microadventures“ vertreten ist. Seine Ideen klingen genial: Das Abenteuer im Kleinen suchen. Einfach mal in einem offenen Gewässer schwimmen etwa. Seine im Stile der Selbsterfahrung vorgetragene Anleitung ernüchtert: „Als Erstes leihe ich mir einen Neoprenanzug.“ So haben wir uns ein Abenteuer, also das, was der Schriftsteller Sebastian Junger in seinem Beitrag über den Trapper John Colter zutreffend als „eine Situation, deren Ausgang sich fast völlig unserer Kontrolle entzieht“, nicht vorgestellt. Abenteuer zu suchen sei ein Luxus derer, die in Sicherheit leben, schreibt er zu Recht. Und eine Sehnsucht derer, die der Mangel an Unkontrolliertem und Unvorhersehbarem in der modernen Gesellschaft ermüdet. Um den wohl berühmtesten Wildnis-Aussteiger jüngerer Zeit geht es denn auch im zweiten großen Text des Hefts, der Chris McCandless porträtiert, den jungen Mann, der Anfang der neunziger Jahre in der Einöde Alaskas verhungerte, weil ein von der Schneeschmelze zum reißenden Strom angeschwollener Wasserlauf ihm den Rückweg in die Zivilisation versperrte. Hätte er eine Karte gehabt, hätte er es zu einer Proviantstation geschafft. Stattdessen trug er Thoreaus „Walden“ im Gepäck.

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Bekannt wurde McCandless durch die Hollywood-Verfilmung seines Lebens, „Into the Wild“. Wenn in „Walden“ die Frage, ob er ein Wildlife-Spinner oder einer mit tiefen Einsichten gewesen sei, gestellt wird, wirkt das ein bisschen seltsam zwischen all den netten Sehnsuchtsbildern von deutschen Landschaften im Nebel oder Sonnenschein. Wie das „Einsamer-Wolf-Wochenende“ für den Magazinleser aussieht, zeigt ein Landschaftspanorama: Küste mit Zelt und einem dicken Geländewagen daneben. Super safe, alles wie für Väter gemacht, die selbst noch als Kinder im Wald spielen durften und heute die lieben Kleinen nicht mal mehr ohne Helm aufs Rutschauto setzen.

Es gibt die Bauanleitung für ein Kanu, Tipps für Zeltplätze, die Lagerküche („25-Minuten-Bolognese“) und eine Kanadier-Tour auf der Mecklenburgischen Seenplatte, es gibt viele handgezeichnete Bilder von Tieren, wie man sie in alten Bestimmungsbüchern findet, und ein wunderbares, ausklappbares Karwendelpanorama: Lithographien des Kartographen Matthew Rangel. So sieht Nostalgie in den Zeiten von Google Earth aus.

„Walden“ ist gut gemacht, es ist ästhetisch aufbereitet, es lässt Autoren wie John von Düffel über Wasser schreiben (natürlich), aber es ist im Kern Kitsch, weil es etwas Unausgesprochenes umkreist: dass es Draußensein, wie es hier ersehnt wird, nicht mehr gibt. Weil jeder Winkel des Planeten abfotografiert wird, weil fast alle ständig zu orten und zu erreichen sind und Leute, die dann mal weg sein wollen, von unterwegs bloggen und posten und überhaupt aus diesem digitalen Netz, das sich über uns gelegt hat, wohl kein Entkommen ist. Trotzdem gibt es auch sinnvolle Beiträge mit wichtigen Hinweisen in „Walden“: dass Steine am besten übers Wasser springen, wenn sie mit vierzig Stundenkilometern und vierzehn Umdrehungen pro Sekunde unterwegs sind. Wird ausprobiert.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Scheer, Ursula
Ursula Scheer
Redakteurin im Feuilleton.
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