Russische Fernsehpropaganda

Reuetränen

EIN KOMMENTAR Von Kerstin Holm
Aktualisiert am 15.09.2020
 - 12:21
Sie bekomme zu wenig Geld aus dem Westen, klagt die Schauspielerin Jekaterina Schmakowa in ihrem Satireauftritt als belarussische Demonstrantin, für den sie sich später tränenreich entschuldigt.
In einer Satireshow des russischen Staatssenders RT verkörpert eine Moskauer Schauspielerin eine belarussische Demonstrantin. Kurz darauf bittet sie alle Belarussen für ihre „unentschuldbare Tat“ um Verzeihung.

Wer für die russische Propagandamaschine RT, das frühere „Russia Today“, arbeitet, kann gut verdienen, braucht aber auch ein dickes Fell, das nicht jeder mitbringt. Zu dem Imperium von RT, dessen Millioneneinnahmen auf Kosten des Steuerzahlers der vergiftete Korruptionsjäger Aleksej Nawalnyj in einer auf Youtube abrufbaren Studie namens „Parasiten“ analysierte, gehört auch eine Satiresendung des Gatten der Chefin Margarita Simonjan, die dem belarussischen Präsidenten Aleksandr Lukaschenka mit einem Interview beistand. Darin bezeichnete der Präsident die Proteste gegen ihn als vom Ausland gesteuert, behauptete, viele Polizisten lägen im Krankenhaus, und die angeblich von ihnen Verprügelten hätten sich ihre Hämatome nur aufgemalt.

Simonjans Mann Tigran Keossajan flankierte das auf dem Staatskanal NTW mit seiner Show „Internationales Sägewerk“ (Meschdunarodnaja pilorama), die in Toilettenhumor schwelgt, über Emmanuel Macrons Maniküre und Wimperntusche witzelt und Heterosexuelle in Europa als gefährdete Art mit dem Sibirischen Tiger vergleicht. Schon der Titel der Show ist eine parodistische Spitze gegen die internationale Menschenrechts- und Geschichtsgesellschaft Memorial und das von ihr am Gulag-Museum Perm-36 begründete Festival Pilorama („Sägewerk“). Keossajan ließ nun per Video ein Studio zuschalten, wo die Moskauer Schauspielerin Jekaterina Schmakowa vor Straßensperrenfotos eine wildgestikulierende „belarussische Wutbürgerin“ mimte. Als Keossajan die eine weitausgeschnittene belarussische Stickbluse tragende Schmakowa fragt, was ihr fehle, antwortet sie: Geld, sagt aber auch, sie arbeite nicht. Als der Showmaster wissen will, ob sie nicht aus dem Ausland bezahlt werde, klagt sie mit einer Grimasse, sie bekomme von dort zu wenig. Doch ihr Hauptproblem seien, so Schmakowa, ihre zu kleinen Brüste, und sie hoffe, bei den Protesten einen muskulösen Omon-Sonderpolizisten kennenzulernen. Grinsend wünscht Keossajan ihr zum Abschied weniger „Meeting“ (das englische Wort bedeutet auf Russisch auch Demonstration) und mehr Petting.

Kurz darauf publizierte Schmakowa auf Facebook ein Video, worin sie alle Belarussen und insbesondere Belarussinnen um Verzeihung bittet. Unter Tränen erklärt die Schauspielerin, was sie getan habe, sei schrecklich. Sie habe den Text erst drei Minuten vor Drehbeginn bekommen, doch das sei keine Entschuldigung. Ihr Auftritt sei unmoralisch und gottvergessen, bezichtigt sich Schmakowa. In den sozialen Netzwerken loben einige Kommentatoren ihre ehrliche Reue, doch bei den meisten überwiegt das Entsetzen über die Verhöhnung der Opfer in Belarus. Für den Regisseur Alexej Krassowski gehören die böse Parodie und das Reuevideo zusammen – als eine neue Kunstform, Talente zu ruinieren.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Holm, Kerstin
Kerstin Holm
Redakteurin im Feuilleton.
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