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Putin und „die“ Ostdeutschen

„Du willst doch nicht unrecht haben“

Von Stefan Locke
24.10.2022
, 11:37
„Ihr wärt geworden wie wir“: Jessy Wellmer und Gregor Gysi Bild: Thomas Henkel/NDR
In einem sehenswerten ARD-Film geht Jessy Wellmer der Frage nach, warum viele Ostdeutsche einen eigenen Blick auf Russlands Krieg gegen die Ukraine haben. Zur Erklärung trägt Gregor Gysi bei.

Dass es „die“ Ostdeutschen nicht gibt, dürfte sich zumindest medial langsam einmal herumsprechen, und an kaum einer Frage wird das zurzeit so deutlich wie an der Bewertung des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine: Sie offenbart einen tiefen Riss vor allem zwischen Alten und Jungen im Osten. Die „Sportschau“-Moderatorin Jessy Wellmer, 1979 in Güstrow geboren, geht dem Phänomen in einer bemerkenswerten Dokumentation auf den Grund. Man darf sich nur nicht vom Anfang täuschen lassen, an dem sie ihre Eltern besucht, was zunächst vermuten lässt, hier abermals einen der im deutschen Journalismus inzwischen inflationären und oft nervenden Filme (beziehungsweise Texte) um das eigene Ich herum kredenzt zu bekommen.

Vielmehr bringt Wellmer mit diesem Einstieg das Thema auf den Punkt: Während ein Großteil jüngerer Ostdeutscher wie sie eindeutig Putin als Aggressor sieht, verurteilen ältere zwar auch den Krieg, sie suchen und finden allerdings auffallend häufig Erklärungen, die mindestens eine Mitschuld, wenn nicht gar die volle Verantwortung dafür beim Westen sehen. Die Frage, woher das kommt, lässt Wellmer von klug gewählten – und ausschließlich ostdeutschen – Protagonisten beantworten. Zur Wort kommen neben ihren Eltern etwa die Historikerin Silke Satjukow, der „Silly“-Gitarrist Uwe Hassbecker, der Ostbeauftragte Carsten Schneider und Gregor Gysi.

Während Letzterer im Film sinnigerweise direkt aus der amerikanischen Botschaft kommt und zunächst noch relativiert, indem er erklärt, dass Ostdeutsche angeblich zwischen Putin und der russischen Bevölkerung unterschieden, liefert er auf Wellmers Nachfragen schließlich eine der entscheidenden Antworten: „Wenn du eine grundsätzliche Antihaltung zur NATO und zum Westen hast, dann versuchst du doch, deine Ideologie nicht einzuschränken, du willst doch nicht unrecht gehabt haben. Also suchst du dir immer Erklärungen, was hat der Westen alles Schlimmes und Falsches gemacht, was den Putin dazu gedrängt hat.“

© ARD

Der eigenen biographischen Prägung, darauf kommt der Film immer wieder zurück, können die wenigsten entfliehen. Ältere Ostdeutsche sind mit dem Feindbild NATO aufgewachsen, aber sie haben, darauf weist Silke Satjukow hin, „auch kapiert, dass Deutschland Schuld an 27 Millionen Toten in der Sowjetunion“ hat. Das wurde in der DDR nie verdrängt. Die Nähe zu Russland hat viele Menschen in der DDR geprägt, beim – verpflichtenden – Erlernen der Sprache bis hin zu Büchern, Filmen, Musik und Reisen. Eine Liebe zur Sowjetunion entstand daraus freilich nur bei wenigen. Die meisten waren vielmehr erleichtert, als „die Russen“, die ja Soldaten aus 15 Sowjetrepu­bliken waren, als Besatzer 1994 endlich abzogen. Dass vor allem ältere Ostdeutsche heute dazu neigen, Russland zu verteidigen, ist aber auch ein Produkt Nachwendezeit, als es im Osten steil bergab ging, als Massenarbeitslosigkeit, Abwanderung und Deindustrialisierung herrschten und Westdeutsche sich berufen fühlten, Ostdeutschen die DDR zu erklären. Erinnert sei hier nur an den Erziehungswissenschaftler Johannes Niermann, der im Bundestag Ostdeutsche als „psychisch deformiert“ beschrieb, den Kriminologen Christian Pfeiffer, der sie wegen angeblichen Töpfchenzwangs in Kinderkrippen für die Demokratie verloren sah, oder den Historiker Arnulf Baring, der behauptete, Ossis seien „verhunzt“ und „verzwergt“ worden.

Aversionen brechen sich Bahn

Sich gegen solche Injurien öffentlich zu wehren, gegen die Herabwürdigung eines Drittels des Landes wahrnehmbar zu protestieren, erwies sich wiederum als schwierig, weil gesamtdeutsche Medien ausschließlich im Westen sitzen und mit westdeutschem Blick und zu oft wenig treffsicher über das Leben der DDR und in den sogenannten neuen Ländern urteilten, ja Probleme oft gar nicht als solche wahrnahmen. Auch wenn sich das – spät genug, aber immerhin – seit einigen Jahren spürbar zum Besseren verändert, ist der Schaden groß. „Den Medien“, auch das zeigt der Film deutlich, wird jetzt, noch dazu in der Frage von Krieg und Frieden, kaum noch geglaubt. „Die Neunziger“, sagt die Historikerin Satjukow im Film, „schufen eine Atmosphäre der Kränkung.“ Aus dieser Zeit stammten viele Aversionen, die sich jetzt, in Zeiten von Internet und sozialen Medien, Bahn brächen.

Um sich gegen die Zumutungen der Nachwendezeit zu wehren, besannen sich Ostdeutsche auf einmal auch auf Russland, weil Kenntnisse der Sprache und des Landes, so rudimentär sie auch sein mochten, endlich einmal etwas waren, worin sie den meisten Wessis überlegen waren. Der aus Sachsen stammende Schriftsteller Marko Martin hat es jüngst gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland treffend formuliert: „Aus einem Minderwertigkeitsgefühl, gepaart mit Komplexen, entdeckten zu dieser Zeit viele Ostdeutsche die nunmehr abgezogenen Russen als heimliche Verbündete, der neue Feind war der arrogante, ignorante Wessi.“ Putin wurde zu einer Projektionsfläche, mit der sich die Ablehnung des Westens am besten ausdrücken ließ.

Und dieses Ventil soll durch den Krieg nun auch noch dauerhaft dicht sein? Da platzen Ostdeutsche, die den Krieg verabscheuen, aber auch die Hoheit über ihr Leben nicht verlieren wollen. Vielen ist im Film anzusehen, wie schwer das fällt. Sehr einfach macht es sich dagegen ein einstiger NVA-Offizier, der die Ukraine schlicht ausblendet und Russland als „Garant des Friedens“ und „Sympathieträger“ lobt, weil „wir das so gelernt haben“. Es ist eine der Stärken dieses überaus sehenswerten Films, dass Wellmer auch darüber nicht urteilt, sondern zuhört. So tragen diese 45 Minuten viel zum Verständnis eines Landesteils bei, der selbst Ergebnis eines Krieges war. Wenn nach dem Zweiten Weltkrieg Westdeutschland von der Sowjetunion besetzt gewesen wäre, „wärt ihr so geworden wie wir“, sagt Gregor Gysi in Richtung der Westdeutschen. Und das gilt im Übrigen auch umgekehrt.

Russland, Putin und wir Ostdeutsche läuft am Montag, 24. Oktober, um 20.15 Uhr im Ersten sowie in der ARD-Mediathek.

Quelle: F.A.Z.
Stefan Locke
Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.
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