Serie „Scenes From A Marriage“

Das Alphabet des Unglücks

Von Andreas Kilb
16.09.2021
, 13:32
Untröstlich: Mira (Jessica Chastain) und Jonathan (Oscar Isaac)
Hagai Levi setzt Ingmar Bergmans Klassiker „Szenen einer Ehe“ an der amerikanischen Ostküste neu in Szene. Vor allem auf seine Hauptdarstellerin Jessica Chastain kann er sich verlassen.

Man übertreibt nicht sehr, wenn man Hagai Levi als zurzeit interessantesten Serienautor der Welt bezeichnet. Levi hat nicht nur für das israelische Fernsehen die Psychotherapeuten-Serie „Be Tipul“, sondern auch ihr amerikanisches Remake „In Treatment“ geschrieben und inszeniert und die zahlreichen weiteren Adaptionen in verschiedenen Sprachen – zuletzt die von Arte gezeigte französische Version „En thérapie“ – als Berater und Exekutivproduzent mitverantwortet. Er ist auch der Erfinder der Showtime-Saga „The Affair“, mit der das Serienformat der Streamingdienste zum ersten Mal die dramaturgische und visuelle Qualität des zeitgenössischen Autorenkinos erreicht hat, jedenfalls in den ersten beiden Staffeln, nach deren Ab­schluss Levi aus der Produktion ausstieg. Wie ein erwachsenes, aufgewecktes, nichtstereotypes serielles Erzählen aussehen kann, das hat „The Affair“ vorgeführt. Man kann nur hoffen, dass die Saga nicht das einzige Muster ihrer Art bleibt.

Es hat deshalb eine gewisse Logik, dass sich Levi den Urtypus des Autoren-Fernsehens für ein Remake vorgenommen hat, auch wenn die Idee, Ingmar Bergmans „Szenen einer Ehe“ neu zu verfilmen, nicht von Levi selbst, sondern von Bergmans Sohn Daniel kam. Und schon die ersten Einstellungen zeigen, dass „Scenes From A Marriage“ keine Kopie, sondern eine selbständige Weiterentwicklung von Bergmans großer Erzählung über das Ende einer Mittelstands-Ehe sein will. Da ist ein Filmstudio, ein Wagen fährt vor, die Schauspielerin Jessica Chastain steigt aus und geht, umgeben von Menschen mit Atemschutzmasken, in ihre Garderobe, wo sie für ihren Auftritt vorbereitet wird. Dann läuft sie über einen Gang, eine Tür öffnet sich, mit einem Schlag ändert sich die Atmosphäre. Jetzt herrscht keine Jovialität, sondern professioneller Ernst, die Kameras stehen bereit, das De­ko­r ist fertig, das Spiel beginnt.

Rabiates Durchbrechen der vierten Wand

Levis „Scenes“, das spürt man, wollen nicht nostalgisch, sondern ganz heutig sein, ein Augenöffner, kein Augentrost. Deshalb hat er die Konstellation aus Bergmans schwedischem Sechsteiler von 1972 umgekehrt. Bei ihm ist es nicht der Mann, Jonathan (Oscar Isaac), der die Beziehung platzen lässt, sondern Mira (Jessica Chastain), seine Frau. Sie arbeitet als Produktmanagerin, er ist Dozent an der Tufts University, beide sind An­fang vierzig, seit zwölf Jahren verheiratet und haben eine vierjährige Tochter. An­sons­ten hat Levi erstaunlich viel von Bergman übernommen: Aus dem Zeitschrifteninterview, mit dem die „Szenen einer Ehe“ beginnen, ist zwar eine Befragung für eine Genderstudie geworden, aber die Art, wie sich Mira und Jonathan als Musterpaar präsentieren, folgt bis in kleine Nuancen dem Original.

Auch in der stufenweisen Abwicklung des Dramas ist Levi nah bei Bergman ge­blieben, von der Abtreibung am Ende der ersten und dem Betrugsgeständnis in der zweiten Folge bis zu den Handgreiflichkeiten bei der Unterzeichnung der Schei­dungspa­pie­re und der erotischen Wiederversöhnung in den Schlusskapiteln. Dass die Neuverfilmung die Geschichte von sechs auf fünf Episoden verkürzt, merkt man kaum. Der Fluss der Zeit wird ohnehin durch die Enthüllung der Studiosituation immer wieder rabiat unterbrochen, und ebenso unvermittelt setzt er jedes Mal wieder ein, sobald Jessica Chastain und Oscar Isaac die Szene betreten.

Ein Farbtupfer im Wimmelbild der Streamingserien

Und doch ist alles anders. Das hat zum einen damit zu tun, dass Levi die Handlung aus dem sozial und ethnisch homogenen Schweden der siebziger Jahre ins diverse und zerrissene Amerika von 2020 überführt hat. Die Hausbesitzer-Ehe, die Mira und Jonathan führen, bekommt so einen Beigeschmack von Privilegiertheit. Er stammt aus einer jüdischen Familie, sie ist eine typische white anglo-saxon protestant, und ein befreundetes Paar, das kurz und eher unmotiviert in der zweiten Episode auftaucht, komplettiert die Skizze des akademischen Ostküsten-Milieus. Durch solche Spezifizierungen gewinnt die Ge­schichte an Kontrastschärfe, verliert aber zugleich an Allgemeingültigkeit. Es sind eben ganz bestimmte Leute, deren emotionales Fegefeuer hier besichtigt wird, und nicht, wie bei Bergman, Jedermann und Je­defrau. Die Nickeligkeiten wegen ein paar Hundert Dollar, die in der vorletzten Folge ausgebreitet werden, täuschen nicht darüber hinweg, dass Geld bei Mira und Jonathan im Grunde keine Rolle spielt. Und der Ra­sen­sprenger, der nachts vor dem Haus in den Suburbs von Boston läuft, markiert einen sozialen Raum der weißen Mittelklasse, in dem andere Schichten höchstens in Andeutungen vorkommen.

Der zweite große Unterschied zu Bergman liegt in unserem Blick auf das Geschehen. Scheiternde Ehen sind in Film und Fernsehen inzwischen die Normalität. Das Drama vom Ende der Liebe, das der schwedische Regisseur in langen, kaum durch Aktionen unterbrochenen Dialogen entfalten konnte, ist keines mehr. Damit es uns dennoch trifft, muss Levi es inszenatorisch aufhübschen: hier eine Autofahrt, ein Be­gräb­nis, eine Szene in der Frauenklinik, dort eine Sex-Übung auf der Couch, ein Gang durch das fremd gewordene Haus, ein paar Ohrfeigen im Flur. Die Szenen ei­ner amerikanischen Ehe werden dadurch visuell interessanter, aber erzählerisch flacher. Das gut Gemachte holt das Exemplarische von damals nicht mehr ein. Bergmans Sechsteiler war in einer gekürzten Kinofassung ein internationaler Erfolg. Levis Remake wird ein Farbtupfer im Wimmelbild der Streamingserien bleiben

Dass man sich „Scenes From A Marriage“ dennoch anschauen muss, liegt an Jessica Chastain. Im Duett mit Oscar Isaac gibt sie den Ton an, und es liegt allein an ihr, dass die beiden hinter Liv Ullmann und Erland Josephson, den Darstellern Bergmans, nicht zurückbleiben. Dass derjenige, der eine Familie zerstört, sich selbst den Boden unter den Füßen wegzieht, ist vielleicht nie deutlicher dargestellt worden als in Chastains Spiel. Aus dem Alphabet des Unglücks formt sie eine Unzahl kraftvoller mimischer Ausdrücke, die die Kamera nur noch aufzeichnen muss. Am Ende hält sie den Mann, den sie verlassen hat, wieder in den Armen, aber nicht für lange. Das Haus mit dem Bett, auf dem sie liegen, ist ja nur eine Ku­lisse, die morgen schon abgebaut und eingepackt wird.

Scenes From A Marriage läuft im englischen Original auf Sky.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Kilb - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Kilb
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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