Schauspielerin Lina Beckmann

„Ich springe einfach“

Von Irene Bazinger
23.04.2022
, 13:57
„Dass ich in dieser Rolle wirklich alles darf“: Lina Beckmann
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Lina Beckmann erhält für ihre Darstellung von Shakespeares Richard III. den Gertrud-Eysoldt-Ring. Und sie überzeugt als neue „Polizeiruf“-Kommissarin in Rostock.
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Der König ist ein großes Kind. Auch wenn er schon längst zu alt für ein Schaukelpferd ist, liebt er es, darauf zu reiten, liebt bunte Ballons, infantiles Betragen, albernes Getue. Stets hängt sein Himmel voller Kugeln: Eine ewige Kirmes, bloß dass hier statt Bällen Köpfe rollen – und Richard III. gibt dazu den Anstoß, wenn er nicht gleich selbst zur Waffe greift. Denn er ist außerdem ein böses Kind – und bleibt es bis zu seinem Tod. Mit dunkler Hose und hellem Hemd, die Haare kurz und verstrubbelt, sieht er zwar nicht gerade zum Fürchten aus (zumindest bis er in Blut gebadet hat), doch er ist es. Wenn er – egal, wie herzlich – lacht, erzittert sein Reich.

Gespielt wird dieser Richard III. von Lina Beckmann. So hat es sich die Regisseurin Karin Henkel, mit der sie bereits öfter zusammenarbeitete, gewünscht. Aber hoppla, ist Richard III. in William Shakespeares Königsdrama nicht ein Mann? „Während der Proben haben wir kaum über das Geschlecht dieser Person nachgedacht, vielmehr über ihren Charakter“, erklärt die Schauspielerin Lina Beckmann beim Gespräch in Hamburg: „Und dann war die Frage nur noch, was ist das für ein Mensch?“

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Die meisterhafte Travestie respektive der Plan zur Genderneutralität des Bösen gingen fulminant auf: Henkels Inszenierung von „Richard the Kid & the King“ – nach Shakespeare, ergänzt um Texte von Tom Lanoye und Luk Perceval und im Bühnenbild von Katrin Brack – wurde im Sommer 2021 bei den Salzburger Festspielen bejubelt und wird es ebenso in Hamburg, wo die Koproduktion mit dem Schauspielhaus inzwischen läuft.

Die Wahrheit liegt auf der Bühne

Für ihre Gestaltung des Richard erhält Lina Beckmann am 21. Mai in Bensheim den Gertrud-Eysoldt-Ring. Er ist einer der bedeutendsten Theaterpreise im deutschsprachigen Raum und mit 10 000 Euro dotiert. Gewürdigt wird damit eine „herausragende schauspielerische Leistung“, das heißt: Die Wahrheit liegt auf der Bühne. Was der Autor wollte, wie die Regie dies anpackte, ist unerheblich angesichts dessen, was eine Schauspielerin oder ein Schauspieler auf die Bretter zaubern, von denen Schiller meinte, dass sie die Welt bedeuten.

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Dieses „Fest des Augenblicks“ (Luc Bondy) feiert Lina Beckmann, indem sie sich mit all ihrem künstlerischen Potential in den Kosmos der männlichen Bestie auf dem Thron versenkt. Als Ausgangspunkt dient die Frage, mit der sich die Regisseurin Karin Henkel dem Werk nähert: „Wie kann man vermeiden, dass ein Despot an die Macht kommt?“ Die instabile Gesellschaft ist dabei relevant, die weiß, dass Richard lügt, ein Verbrecher ist, mit ihm „die Zeiten gefährlich werden“ – und ihn trotzdem zum Regenten krönt.

Wie kriegt man eine solche außergewöhnliche Kreatur in den Griff? Lina Beckmann hat es wie immer bei ihren Figuren gemacht und ihre szenische Phantasie schon daheim beim Lesen des Stücks entfacht: „Da habe ich oft die ersten starken Assoziationen, sehe ein Bild, einen Habitus vor mir. Die schreibe ich an den Rand meines Textbuches und habe sie im Kopf, wenn die szenischen Proben beginnen. Diese Notizen sind wie die Gewürze, die ich in eine Suppe rühre.“

Lina Beckmann, aufgenommen im Deutschen Schauspielhaus Hamburg.
Lina Beckmann, aufgenommen im Deutschen Schauspielhaus Hamburg. Bild: Lucas Wahl

Scharf gepfeffert entwickelte Lina Beckmann auch das Psychogramm ihres radikal kaputten, anarchisch-abgründigen Königs: „Bei Richard war mein erstes Gefühl, dass ich in dieser Rolle wirklich alles darf. Ich muss mich nicht auf eine bestimmte Haltung festlegen, sondern kann die eine einnehmen, rotzfrech wieder rausspringen und in eine andere schlüpfen, ohne Netz und doppelten Boden. Ich fühle mich da wie ein Torwart, der blitzschnell auf die wechselnden Situationen reagieren muss.“

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Die Maxime ihres Spiels lautet daher: „Alles zulassen, alles loslassen!“ Überraschend geholfen haben der Produktion die Theaterschließungen während der Pandemie. Denn weil die Premiere mehrfach verschoben wurde, gab es Möglichkeiten, die Zwischenergebnisse kritisch zu prüfen und dann Neues auszuprobieren, „wir hatte lange viele Freiheiten“. Den langsamen, gründlichen Reifeprozess merkt man der Inszenierung an, sämtliche Fäden laufen souverän zusammen – und umgarnen auch das Publikum, das dieser Richard frontal anspricht, rüffelt und raffiniert auf seine Seite ziehen will, witzig und durchtrieben, mit verrückter Mimik, eloquenter Körpersprache und der demagogischen Magie des höllischen Spitzbuben.

Ob Richard III. oder Fernsehkommissarin oder versonnenen Blicks, Lina Beckmann legt jeden Auftritt hin.
Ob Richard III. oder Fernsehkommissarin oder versonnenen Blicks, Lina Beckmann legt jeden Auftritt hin. Bild: Lucas Wahl

Über vier Stunden steht Lina Beckmann auf der Bühne, hält grandios die Spannung und verausgabt sich, dass die Schminke schmilzt und die Nase läuft: „Es hat mich bei keiner Rolle interessiert, dass ich schön aussehe oder dass ich mich schone. Wäre das einmal so, würde ich nicht mehr Theater spielen wollen. Ich möchte, dass eine Aufführung maßlos ist, ob schrecklich oder lustig, jedenfalls nie bequem, weder für mich noch für die Zuschauer. Was immer man auf der Bühne erzählt, sollte man voll und ganz tun. Wenn es im Theater nicht um alles geht, ist es verschenkt.“

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Mit dieser ungeschützten Unbedingtheit und der Sehnsucht nach dem Absoluten ist sie zu einer der wichtigsten und besten Schauspielerinnen geworden, die zurzeit irgendwo auf der Bühne faszinieren. Wenig überraschend, dass sie nie eine Alternative zu ihrem Beruf überlegte. Bereits in der Waldorfschule kam die 1981 in Hagen geborene Lina Beckmann mit dem Theater in Berührung, wechselte an die Westfälische Schauspielschule Bochum, der Engagements in Zürich und Köln folgten. Seit 2013 ist sie, zusammen mit ihrem Ehemann Charly Hübner, am Schauspielhaus Hamburg im Ensemble. Zunehmend wurden Film und Fernsehen auf diese Virtuosin der Irrungen, Wirrungen und Glaubwürdigkeiten aufmerksam, die – empathisch, nicht performativ – lieber Menschen darstellt als Konzepte oder Thesen.

Bisher konnte sie besonders in Lola Randls Filmkomödie „Fühlen Sie sich manchmal ausgebrannt und leer?“ als überforderte Paartherapeutin glänzen, neben der plötzlich die ebenfalls von ihr gespielte Doppelgängerin auftaucht und sich nicht abwimmeln lässt. Die Technik unterstützte sie, aber schaffen musste Lina Beckmann dieses amüsante Duell mit und gegen sich selbst schon allein. Für diese famose Leistung wurde sie 2018 mit dem Deutschen Schauspielpreis ausgezeichnet. Und nachdem Charly Hübner als Kommissar im Rostocker „Polizeiruf 110“ aufgehört hatte, wurde sie 2021 als seine Nachfolgerin ausgewählt. Mit der Entscheidung für dieses trotz der privaten Verstrickung verlockende Angebot hat sie sich ziemlich herumgequält, bis ihr die Rolle als berufliche Herausforderung erschien und sie sich professionell sagte: „Warum nicht? Ich springe einfach.“ Die erste Folge, „Familie kann man sich nicht aussuchen“, in der sie als zupackende, schlitzohrige, sehr offene und einfühlsame Ermittlerin debütierte, hat sie mit Humor und Charme vorzüglich bewältigt – mit dem Holzlöffel im Kuchenteig ebenso wie bei der Verfolgungsjagd auf freiem Feld.

Dem Theater wird Lina Beckmann auf jeden Fall erhalten bleiben, es ist zu wichtig für ihr Leben: „Manchmal fahre ich zu einer meiner Vorstellungen und kriege eine Gänsehaut, wenn ich daran denke, wie hart wir alle zusammenarbeiten, damit ein Abend von Bedeutung und Belang entsteht. Das ist für mich Glück.“ Und für ihr Publikum erst recht.

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Der Polizeiruf 110: Seine Familie kann man sich nicht aussuchen läuft am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

Den Gertrud-Eysoldt-Ring erhält Lina Beckmann am 21. Mai in Bensheim.

Trailer
„Polizeiruf 110: Seine Familie kann man sich nicht aussuchen“
Video: ARD, Bild: dpa
Quelle: F.A.Z.
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