Schweizer „Tatort“

Wir wollen sein ein einig Volk von Ermittlern

Von Jochen Hieber
14.08.2011
, 15:45
Amerikanischer Exotismus in gediegenem Schweizer Ambiente: Sofia Milos als Abigail Lannig an der Seite von Stefan Gubser als Kommissar Reto Flückiger
Der Schweizer „Tatort“ ist wieder da. Vor dem Start hat ihn die Kulturchefin des Schweizers Fernsehens öffentlich verrissen. Doch dazu gibt es keinen Anlass mehr. Der Fall „Wunschdenken“ strotzt nur so vor Anspielungen.
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Nathalie Wappler äußert sich nicht mehr. Dabei hatte die junge Kulturchefin im Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) kurz nach ihrem Amtsantritt zu Beginn dieses Jahres für erheblichen Wirbel gesorgt, als sie dem für Mitte April zur Erstausstrahlung vorgesehenen „Tatort“ aus Luzern die Abnahme verweigerte und ihn auch öffentlich heftig kritisierte. Die Schweizer „Sonntagszeitung“ kolportierte etwa, Frau Wappler könne in dem Krimi „keinen Witz, keine Spannung“ und auch „kein Lokalkolorit“ erkennen, dafür strotze der Film vor „plumpen Schweizer Klischees“, überdies sei die aus Zürich gebürtige griechisch-italienische Schauspielerin Sofia Milos als Partnerin des von Stefan Gubser gespielten Kommissars Reto Flückiger ganz ungeeignet. In einem Interview mit der „Neuen Zürcher Zeitung“ bekräftigte Nathalie Wappler Mitte März ihre Kritik und fügte hinzu, der „Tatort“ werde zwar ganz sicher gesendet, „jedoch frühestens im Herbst“. Vorher werde er „neu synchronisiert, neu geschnitten, einige Szenen werden überarbeitet, allenfalls Kleinigkeiten nachgedreht“.

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Deutlicher ging es kaum. Von vornherein vermasselt schien jedenfalls der Wiedereintritt der Schweiz in das „Tatort“-Universum, aus dem man sich vor knapp einem Jahrzehnt zurückgezogen hatte. Nun ist es zwar gefühlt, aber kalendarisch keineswegs schon Herbst - und siehe da, bereits am Sonntag wird die Entführungsgeschichte vom Vierwaldstättersee unter dem Titel „Wunschdenken“ nun gesendet. Was in der für öffentlich-rechtliche Verhältnisse recht knappen Zeit seit dem Verdikt der Kulturchefin mit dem Film geschah, mag man bestenfalls ahnen - die kolportiert klischeehafte Kuhglockenszene fehlt immerhin.

Überzeugend widerlegte Kritik

Fürs Lokalkolorit sorgt zwar nicht die nur sparsam in Szene gesetzte Stadtkulisse von Luzern, die der Europareisende Mark Twain einst so „bezaubernd“ fand, wohl aber jener Ursee schweizerischer Freiheit, an dessen Ufer vor eventuell 720 Jahren Vertreter der Kantone Uri, Schwyz und Unterwalden ihren antihabsburgischen Rütlischwur leisteten. Keiner hat dieser möglichen Geschichtstat einen mythisch so unbezweifelbaren Rang verliehen wie Friedrich Schillers „Wilhelm Tell“ - im „Hotel Schiller“ logieren nun beide, der Kommissar Flückiger und seine für einige Monate aus dem mit Luzern verschwisterten Chicago eingeflogene Kollegin Abigail Lanning: Sie werden sich, dies immerhin sei verraten, des Nachts durchaus nicht nur allein in ihren jeweiligen Zimmern aufhalten.

Ein wohltuend normaler Ermittler: der seelisch gefestigte Kommissar Reto Flückiger (Stefan Gubser) bei der Arbeit
Ein wohltuend normaler Ermittler: der seelisch gefestigte Kommissar Reto Flückiger (Stefan Gubser) bei der Arbeit Bild: dapd

Von Frau Wapplers Schelte getroffen fühlen mussten sich vor allem der Regisseur Markus Imboden und ebenjene Kommissarin Lanning, die Sofia Milos in einer Gastrolle verkörpert. Frau Milos, bekennende Scientologin, ist auch hiesigen Zuschauern aus der amerikanischen Serie „CSI: Miami“ bekannt, in der sie Detective Yelina Salas spielte. Für eine harsche Kritik an ihrer Schauspielkunst bietet der Schweizer „Tatort“ nun jedenfalls keinerlei Anlass mehr. Im Gegenteil, sie mischt die allenthalben spürbare Gediegenheit des Luzerner Polizeimilieus sehr passabel auf, ohne dabei ihren, wie sie selbst sagt, „Exotenbonus“ - Amerika, Frau, attraktiv - zu überreizen. Und von Markus Imboden ist zu sagen, dass er aus dem Drehbuch von Nils-Morten Osburg einen durchgängig evidenten Fernsehfall entwickelt hat, dass er die Handlungsfäden plausibel spinnt und verknüpft, also am Ende einen sehr ansehnlichen „Tatort“ liefert, der in Sachen suspense sicher nicht zu den Höhepunkten der Dauerreihe zählt, wohl aber auf der besseren Seite des Durchschnitts anzusiedeln ist.

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Um Leib und Leben

Daran hat Stefan Gubser erheblichen Anteil. Man kennt ihn als Reto Flückiger schon aus einigen „Tatorten“ vom Bodensee, in denen er grenzüberschreitend mit seiner deutschen Kollegin Klara Blum (Eva Mattes) ermittelte. Jetzt also übernimmt er in Luzern das Dezernat mit dem hübschen Titel „Leib und Leben“ etwas vor der Zeit - eigentlich hätte er noch vier Wochen Urlaub - und deshalb zunächst widerwillig. Grund ist die notorische Personalnot, Anlass aber ein auch politisch überaus heikler Fall: Pascal Kreuzer (Marcello Montecchi), unabhängiger und aussichtsreicher Kandidat bei den Luzerner Regierungsratswahlen, ist entführt worden, zwei Millionen Franken Lösegeld werden gefordert, am Ort der Übergabe, dem Gleis 11 des Hauptbahnhofs, jedoch nicht abgeholt.

Dieser Fall, wie gesagt, wird nun nach allen guten Regeln des Krimihandwerks durchdekliniert - und allmählich auch in Beziehung gesetzt zu dem einer Wasserleiche, die man aus den Fluten des Luzerner Stadtflusses Reuss birgt. Alsbald betritt man die architektonisch höchst avancierte Villa des schwerreichen, aber nun eben abhandengekommenen Großbürgers Kreuzer und begegnet dort dessen Gattin Natalie (Stephanie Japp), einer Madonnenfigur voller kunst- und filmgeschichtlicher Reminiszenzen: Sie ist, melancholisch auf den Vierwaldstättersee blickend, eine Nachfahrin jener „Frau am Fenster“, die der Frühromantiker Caspar David Friedrich 1822 malte - und die mehr als hundertfünfzig Jahre danach Romy Schneider im gleichnamigen Film verkörperte.

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Filmhistorisch gewieft

Überhaupt sind die filmischen Anspielungen, die Markus Imboden sich und uns gönnt, so gekonnt wie unprätentiös. Wenn Lanning und Flückiger die Lösegeldübergabe erwarten, warten sie eben auch auf einen oder mehrere Gangster, die nach dem Motto „Take the Money and Run“ handeln: So hieß 1969 der Film, in dem Woody Allen erstmals dreifach auftrat, als Drehbuchautor, Regisseur und Hauptdarsteller. Wenn Lanning und Flückiger an der Bar sitzen, sind sie eben auch „Lost in Translation“. Und wenn der Kommissar das Hotelzimmer seiner Kollegin von der hereingeschwärmten Taubenplage befreit, agiert er eben ein bisschen wie Mitch Brenner in Hitchcocks „Die Vögel“.

Gubsers Flückiger ist zudem einfach ein sympathischer Kerl ohne erkennbare Seelenprobleme oder zurückliegende Lebenskatastrophen - allein seine selbstverständliche Normalität ist wohltuend angesichts so vieler polizeilicher Psychokrüppel, die beileibe nicht nur beim „Tatort“ auf dem Bildschirm erscheinen. Da sich das Schweizerdeutsch aller Akteure beständig auf glaubhafter Honoratiorenebene bewegt, sind sie auch in Flensburg umstandslos zu verstehen und doch, was Frau Wappler zunächst so vermisste, unüberhörbar im Luzerner Lokalkolorit verankert. Ende gut, alles gut? Dazu, lässt die Kulturchefin des SRF die Pressesprecherin des Senders ausrichten, werde sie sich partout nicht mehr äußern - und schon gar nicht öffentlich.

Der „Tatort: Wunschdenken“ läuft am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hieber, Jochen (hie.)
Jochen Hieber
Freier Autor im Feuilleton.
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