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„Unter Verdacht“ bei Arte

Allein unter Schlangen

Von Oliver Jungen
 - 17:28

Eine bessere Verbündete hätte er nicht finden können, der Beamte und Altpazifist Max Wemmer, der in dieser „Unter Verdacht“-Episode erfahren muss, dass sein Sohn Thorsten, ein Offizier, bei einer Bundeswehrübung schwer verletzt wurde und nun im Koma liegt. Wemmers Verzweiflung dominiert den Film. Ertragbar scheint sie für ihn nur in den Momenten zu sein, in denen sie sich in Feuer und Wut verwandelt. Gleich zu Beginn zündet Wemmer die deutsche Flagge vor einer Kaserne an und postet live im Netz, dass sein Sohn, von dem er zu allem Unglück im Streit über den Waffendienst geschieden war, das „Opfer von Lügen der Bundeswehr“ sei. So kommt Eva Maria Prohacek (Senta Berger) ins Spiel, die auf Amtsvergehen spezialisierte, sensible Kriminalrätin, die, wie wir seit vielen Jahren wissen, einst selbst einen Sohn verloren hat.

Dass der Schmerz des Vaters mit Händen zu greifen ist, liegt daran, dass für diese Rolle einer der besten Charakterdarsteller verpflichtet wurde. Ulrich Noethen drückt mit kleinsten Gesten aus, wie tief eine solche Erschütterung reicht. So wird gerade in den Szenen, in denen Max Wemmer scheinbar gefasst wirkt, seine Verlorenheit am deutlichsten, weil Noethen diese Gefasstheit einen Hauch ins Psychotische verrückt. Solche Feinheiten ist man von unseren Textaufsage-Krimis nicht gewohnt.

Produktive Reibung

Zu den wenigen Schauspielern, die gegen Noethen bestehen können, zählt Senta Berger unbedingt. Ihre seit fünfzehn Jahren den Staatsapparat im Namen der Menschlichkeit herausfordernde Polizistin besticht auch im neunundzwanzigsten Fall durch hintersinniges, intensives Spiel. Sie deckt gemeinsam mit ihrem etwas steifen und unterschätzten Kompagnon Langner (Rudolf Krause) auf, dass hier mit nicht ganz legaler Streumunition experimentiert wurde. Alle Versuche, dies gerichtsfest zu beweisen, werden von mächtigen Gegenspielern unterminiert. Sogar der Militärische Abschirmdienst schaltet sich ein. Nicht allzu subtil macht sich derweil eine Karrierefrau (Katja Weitzenböck) an Kommissariatschef Claus Reiter (Gerd Anthoff) heran, der verliebt Ermittlungsdetails ausplaudert. Aus der produktiven Reibung zwischen Prohacek und ihrem intriganten Vorgesetzten, einem Leitmotiv der Serie, wird fast ein Bruch: „Geh nach Hause, geh“, sind ihre letzten Worte an den Verdatterten.

Seit man weiß, dass Senta Berger mit dezentem Hinweis auf ihr Alter (76 Jahre) diese Lebensrolle nach der dreißigsten Episode aufgeben wird, schaut man besonders genau auf die einst von Friedemar Fromm und Alexander Adolph entwickelte Reihe, die sich durch ihre Formstrenge, Langsamkeit und Glaubhaftigkeit von vielen Kriminalreihen unterscheidet. Fast immer geht es im Hintergrund, den man durchaus für den Vordergrund halten darf, um moralische Fragen. Diese werden mit großer Ernsthaftigkeit gewälzt, selbst wenn die Spannung der Krimihandlung darunter leidet. Zuletzt wurde die Vorhersehbarkeit allerdings immer größer. Die Reihe wirkt ein wenig festgefahren in ihren klar verteilten Rollen und ihrer leicht altbackenen Gesellschaftskritik.

Der vorletzte Fall bildet hier leider keine Ausnahme: „Verschlusssache“ nach einem Drehbuch von Mike Bäuml (unspektakuläre Regie: Ulrich Zrenner) vereint noch einmal Stärken und Schwächen der Serie. So wird detailliert beleuchtet, welche Kämpfe jener Oberst (Johannes Zirner), der den Waffentest leitete, mit dem eigenen Gewissen ausficht. Will er für die Wahrheit, die das Unfallopfer nicht mehr retten kann, tatsächlich Geheimnisverrat begehen, im Gefängnis landen und die eigene Familie in die materielle Unsicherheit stürzen? In ihrer ethischen Ambivalenz ist diese Figur höchst authentisch. Der gesamte Part des Films, der die Rüstungsindustrie betrifft, schmiert hingegen ins Schematische und Billige ab. Der gewissenlose Rüstungsindustrielle Veith Zachner (Peter Kremer) wird in Sachen Abgeschmacktheit nur noch von dem Waffenlobbyisten Horst Fratscher (Felix Vörtler) in den Schatten gestellt, der im Protzbüro fies lächelnd seine Schlange füttert: „Hast nen Hunger, heh?“ Wenig überzeugend angeklebt wurde dem Plot zudem noch die Rolle einer Investigativ-Journalistin nach Lehrbuch (Katja Bürkle), auf der schließlich alle Hoffnungen ruhen. Man kann nur auf eine komplexere und kohärentere Abschiedsfolge hoffen, die noch einmal an den alten Esprit dieser besonderen Serie anknüpft. Menschenfreundin Prohacek hätte es verdient.

Quelle: F.A.Z.
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