Serie „A League Of Their Own“

Vergesst den Lippenstift nicht!

Von Matthias Hannemann
12.08.2022
, 07:34
Schwung: D’Arcy Carden in „A League of Their Own“
Video
Vor dreißig Jahren erzählte der Kinofilm „A League Of Their Own“ mit Tom Hanks, Madonna und Geena Davis von einer Baseball-Liga für Frauen. Ein Remake in Serienform leuchtet nun blinde Flecken der Vorlage aus.
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Im 1992 veröffentlichten Kinofilm „Eine Klasse für sich“, der mit Schauspielern wie Tom Hanks und Madonna von einer Baseball-Liga für Frauen anno 1943 erzählte, gab es einen wunderbaren Moment des Innehaltens. Ein Ball landet am Spielfeldrand – vor den Füßen einer Zuschauerin, die einige Meter neben der Tribüne steht. Sie hat anders als die durchweg weißen Spielerinnen der „Rockford Peaches“ eine dunkle Hautfarbe, hebt den Ball aus dem Sand, wirft ihn unerwartet kräftig zurück. Und als die von Geena Davis gemimte Spielerin Dottie, die mit ihrer Schwester Kitty (Lori Petty) im Mittelpunkt des Films steht, den Ball sicher aufgeschnappt hat, schickt der stumme Zaungast noch einen stolzen und vielsagenden Blick hinterher.

Schön, dass ihr weißen Frauen jetzt spielen dürft, soll der heißen. Aber wir? Von schwarzen Spielerinnen konnte nicht die Rede sein. Schwarze Spieler waren ja nicht mal in der „Major League“ der Männer zu sehen. Sie spielten in „Negro Leagues“, die erst nach der sensationellen Verpflichtung von Jackie Robinson bei den „Brooklyn Dodgers“ 1947 allmählich verschwanden. In der letzten von ihnen sah man 1953 dann zwischen lauter Kerlen die erste farbige Frau, Toni Stone.

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Einbruch in die Männerdomäne

„A League Of Their Own“, die von Amazon produzierte Adaption des Films von 1992, erzählt nun beide Geschichten auf einmal – jene der weißen Frauen, die (bis zur Auflösung der Frauenliga 1955) in die Männerdomäne Baseball einbrachen, und jene der ersten farbigen Spielerinnen, denen im Kinoklassiker nur einige Sekunden bedacht waren. Die Serie nimmt sich viele dichterische Freiheiten heraus. Der Mann etwa, der die „All-American Girls Professional Baseball League“ 1943 gründete, war der Kaugummi-Hersteller Philip Knight Wrigley. In der Serie wird daraus der Schokoriegel-Hersteller Morris Baker (Kevin Dunn). Und eine Figur, die auf Toni Stone und zwei weiteren schwarzen Baseball-Spielerinnen namens Mamie Johnson und Connie Morgan verweisen soll, heißt Maxine Chapman (Chanté Adams).

Die Wahrheit ist auf dem Platz. Und in der Kabine: Szene aus „A League Of Their Own“.
Die Wahrheit ist auf dem Platz. Und in der Kabine: Szene aus „A League Of Their Own“. Bild: Anne Marie Fox/Prime Video

Aber sei’s drum: „A League Of Their Own“ ist sehr schwungvolles, überwiegend fröhlich die Rolle von Frauen und Schwarzen im den USA der Vierziger erkundendes Fernsehen. Und im Kern scheint die Geschichte ja trotz aller Erfindungen richtig. Selbst die lesbische Liebesgeschichte griff man nicht aus der Luft. Auf dem Tribeca Film Festival im Juni saßen die Drehbuchautoren Will Graham und Abbi Jacobson neben der Sportlegende Maybelle Blair, die 1948 in der Frauenliga für die „Peoria Redwings“ spielte – die 95-Jährige nutzte die Gelegenheit zum verspäteten Coming-out und glaubt, dass wohl 400 von 650 Spielerinnen der Liga homosexuell gewesen sein dürften.

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Die beiden Spielerinnen, die sich in der Serie ineinander verlieben, heißen Carson Shaw (Abbi Jacobson) und Greta Gill (D’Arcy Carden). Die eine ist eine brave, mit einem in Europa kämpfenden Soldaten verheiratete Pride-and-Prejudice-Leserin, der als Zeichen der beginnenden Selbstfindung noch ein moderner Haarschnitt verpasst werden muss. Die andere eine extrovertierte Großstadtgöre, die GIs vor den Rekrutierungsbüros heiße Blicke zuwirft und um Zigaretten anschnorrt. Sie lernen sich in der Pilotfolge bereits auf dem Weg zum Auswahltraining in Chicago kennen. Funkelnde Oldtimer. Jazzige Trommeln.

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© Prime Video

Und „Holy Shit!“ – ihr Ziel, das normalerweise von den Männern der „Cubs“ bevölkerte „Baker Field“, ist an diesem Tag tatsächlich voll Baseball spielender Frauen. Die Casting-Abteilung der Serie hat darauf geachtet, dass kein Diversitätsbeauftragter aufschreien oder gar zum Twitter-Account greifen muss.

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Die Manieren der Frauen

Eingeladen hat die Frauen ein Süßwarenunternehmer. Er erhofft sich von der Gründung einer Baseball-Liga für Frauen eine Belebung der Stadien – viele Spieler sind ja kriegsbedingt fort – und mehr Aufmerksamkeit für seine Produkte. Nur die Manieren der Frauen sind häufig so gar nicht, wie von ihm erwünscht. Die Idee zu kuriosen Benimm- und Schminkkursen entsteht. Sie setzten parallel zum ersten Training der neu gründeten „Rockford Peaches“, eines von vier Teams, mit denen die Liga beginnt, irgendwo draußen in Illinois ein und sollen den Spielerinnen beibringen, trotz allem „Frauen zu sein.“ Ohne Lippenstift kommt niemand aufs Feld.

Erzählt wird das Ganze aus der Perspektive von Carson Shaw, die es nur mit einem waghalsigen Sprint noch in den Zug nach Chicago schafft; eine von vielen Szenen, die auf Szenen aus dem Kinofilm 1992 anspielt. Doch auch die schwarze Baseball-Spielerin Maxine Chapman lernen wir intensiver kennen, derweil die weißen Frauen in ihrem Trainingsquartier in eine Art Klassenfahrtlaune geraten und feixen und trinken und streiten und lieben.

Dass sie in Chicago barsch abgewiesen wurde, bringt die forsche Maxine ebenso wenig von ihrem Traum ab wie der Lebensplan, den die Mutter für sie geschmiedet hat: „Ein eigenes Geschäft ist in diesem Land der einzige Weg, die Kontrolle über das eigene Leben zu haben.“ Ganz im Gegenteil: Sie wird den Ratschlag bald ignorieren und heimlich in einer Fabrik anheuern. Weil auch dort Männer fehlen. Und niemand ohne die Zugehörigkeit zur Belegschaft Spieler der bislang komplett männlichen Werkmannschaft „Screws“ werden kann. Maxine ist die interessanteste Figur im achtteiligen Remake von „A League Of Their Own“. Sie ist anders als Clanton und die übrigen Frauen der „Rockford Peaches“ noch nicht am Ziel ihres sportlichen Traums, und ihre kleine Welt zwischen dem Friseursalon der Mutter, der Kirche, der Fabrik und der Mauer, an der sie ihre Wurftechnik übt, wirkt überaus rund und komplett.

Starke Szenen in einem Restaurant und einem Supermarkt unterstreichen, was Rassismus und Rassentrennung 1943 bedeutet haben. Aber auch in der Geschichte von Carson und den „Peaches“ muss man Langeweile nicht fürchten. Obwohl die Produktion weder mit einer Madonna noch einer Geena Davis und auch keinem Tom Hanks aufwarten kann.

A League Of Their Own läuft von heute an bei Amazon Prime Video.

Quelle: F.A.Z.
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