ARD-Serie „Charité“

Die drei Leben der Inge Rapoport

Von Eva Schläfer
11.01.2021
, 21:50
Kinderärztin, Forscherin und überzeugte Sozialistin: Die dritte Staffel der ARD-Serie „Charité“ beleuchtet den Weg der Pionierin Inge Rapoport. Ihr Weg führte vom dritten Reich, über Amerika bis in die DDR.

Ist es legitim, einen einzigen Satz heranzuziehen, um Ingeborg Rapoport zu charakterisieren? Vermutlich nicht. Wir tun es trotzdem. In ihrer 1996 erschienenen Autobiographie „Meine ersten drei Leben“ schreibt die passionierte Kinderärztin – eine der Hauptfiguren der am Dienstag startenden dritten Staffel der ARD-Serie „Charité“ – über die Geburt ihres ersten Kindes im Juni 1947: „Ich hatte eine primäre Wehenschwäche, die mir erlaubte, in den 48 Stunden bis zur Entbindung einen großen Teil von Tolstois ‚Krieg und Frieden‘ zu lesen.“

Dieser Satz könnte auf eine eiserne, heute als überholt angesehene Härte der Medizinerin gegen den eigenen Körper hinweisen. Oder ihr als Koketterie mit gleichzeitiger Betonung des Bildungsstandes ausgelegt werden. Aber wer das Buch liest und wer den mit dem Grimme-Preis ausgezeichneten Dokumentarfilm „Die Rapoports – unsere drei Leben“ aus dem Jahr 2004 sieht, ist verleitet zu glauben, dass Ingeborg Rapoport, genannt Inge, einfach eine außergewöhnliche Frau war. Die sich trotz oder wegen der historischen Umstände, die ihr Leben immer wieder entscheidend mitbestimmten, nicht so wichtig nahm.

Wenn man ihr aus heutiger Sicht etwas vorwerfen kann, dann wohl ihre tiefe Verbundenheit mit dem Sozialismus, mit der DDR. Die sechs Folgen der neuen Staffel von „Charité“ spielen zu einem Zeitpunkt, der für den noch jungen Staat ein entscheidender war: während des Mauerbaus im August 1961. Davon abgesehen, dass bald der erste Grenztote in der Charité obduziert werden muss, ist das Krankenhaus ganz unmittelbar betroffen. Die Grenze verläuft über das Gelände, Fenster der Gerichtsmedizin werden auf jener Seite, die zum Westen zeigt, zugemauert. Krankentransporte müssen auf einmal Umwege fahren, um von einem Ende des Gebäudekomplexes in der Mitte Berlins zum anderen zu kommen.

Der Mauerbau war eine Reaktion auf den Aderlass, den die DDR speziell im ersten Halbjahr 1961 erlebte. Immer mehr Bewohner Ost-Berlins siedelten nach West-Berlin über, darunter auch Ärzte und Pflegepersonal der Charité. Rapoport sagte 2004 dazu: „Ich konnte es gar nicht fassen, dass sie in eine – wie ich dachte und weiterhin denke – viel schlechtere Gesellschaftsordnung zurückgingen. Ich empfand die Mauer damals als unbedingt notwendig.“

Eine Mischung aus Realität und Fiktion

Abermals greift die ARD auf das Erfolgsrezept zurück, die Handlung sowohl um historische Figuren als auch um fiktive Charaktere aufzubauen. Kinderärztin Rapoport, gespielt von Nina Kunzendorf, möchte sich nicht damit abfinden, dass die gynäkologische Klinik der Charité, in der Frauen ihre Babys auf die Welt bringen, nicht mit der Kinderklinik verzahnt ist; beide Einrichtungen liegen ein ganzes Stück auseinander. Gibt es Komplikationen bei oder nach der Geburt, vergeht viel zu viel Zeit, bis dem Kind geholfen werden kann. Die Säuglingssterblichkeit ist hoch. Rapoport will dies ändern, muss jedoch Kämpfe mit Helmut Kraatz (Uwe Ochsenknecht), dem Leiter der Klinik für Frauenheilkunde, austragen.

Darstellerin Kunzendorf – ihr Vater ist Arzt, ihr Großvater ebenso – ist begeistert von medizinischem Können, war nach eigenen Aussagen am Ende der Schulzeit jedoch eine „faule Socke“, die daran zweifelte, das Medizinstudium diszipliniert durchstehen zu können. Sie schätzt Rapoport als leidenschaftliche und kraftvolle Frau und Ärztin ein. „Und das in einer Zeit, in der die patriarchalen Strukturen sogar noch ausgeprägter waren, als sie es heute sind.“ Rapoport habe sich hartnäckig und erfolgreich gegen große Widerstände dafür eingesetzt, dass Geburtshilfe und Neonatologie, also die Behandlung von Frühgeborenen und kranken Neugeborenen, enger zusammenarbeiteten.

Als weitere historische Personen kommen der Gerichtsmediziner Otto Prokop (Philipp Hochmair) und in einer Nebenrolle Inges Ehemann Mitja Rapoport (Anatole Taubman), ein Biochemiker von Weltrang, vor. Kunzendorf sagt, „sehr scheu“ zu sein, wenn sie reale Menschen „nachspielen“ müsse. „Dem Reichtum eines Menschen, der Dimension eines Lebens kann ich mit meinem Spiel nicht gerecht werden.“ Deshalb habe sie sich darauf konzentriert, glaubwürdig eine warme, engagierte, streitbare, kluge Kinderärztin 1961 an der Charité darzustellen.

Auf gerade einmal zwei Monate von Inge Rapoports Leben konzentriert sich die Fernsehserie. Ihr gesamtes Leben könnte man auch nur in eine Dauerserie packen, nicht nur, weil sie 104 Jahre alt wurde. „Ein Leben, in das drei Leben hineinpassen würden“, urteilt auch Kunzendorf. 1912 als Ingeborg Syllm in Kamerun geboren, zu dieser Zeit deutsche Kolonie, wächst sie, protestantisch erzogen, in Hamburg-Eppendorf auf. Da ihre Mutter Jüdin ist, gilt Inge den Nationalsozialisten als Mischling ersten Grades. Sie studiert Medizin; die mündliche Prüfung zur Verteidigung ihrer Doktorarbeit wird ihr jedoch verwehrt. Mit 26 Jahren flüchtet sie daraufhin in die Vereinigten Staaten und startet in New York als Hilfsärztin.

1944 lernt sie in Cincinnati, Ohio, an der dortigen Kinderklinik Samuel Rapoport, genannt bei seinem zweiten Vornamen Mitja, kennen, der das klinische Labor leitet. Ein Jahr zuvor hatte er entdeckt, wie man Blut konserviert, so dass verwundete Soldaten schneller behandelt werden können. Dafür erhält der österreichische Jude, der seit 1937 in den Vereinigten Staaten lebt, eine hohe amerikanische Auszeichnung. 1946 heiraten die beiden Vertriebenen.

Mitja Rapoport – „persona non grata“

Zwischen 1947 und 1950 bringt Inge jedes Jahr ein Kind zur Welt: Auf Tom folgen Michael, Susan und Lisa. Zwischen den Geburten von Tom und Michael wird sie sogar Leiterin der Kinderpoliklinik. Doch bereits da bahnt sich an, was die Hochschwangere und ihre drei Kinder im August 1950 endgültig aus den Vereinigten Staaten vertreibt: In der McCarthy-Ära wird der bekennende Kommunist Mitja Rapoport zur „persona non grata“ erklärt. Die Situation spitzt sich so zu, dass er es von einem Kongressaufenthalt in der Schweiz nicht wagt, nach Cincinnati zurückzukehren. Die Familie vereint sich in Wien, doch die dortige Gesellschaft und auch die Universität, an der Mitja Rapoport auf eine Anstellung hofft, nimmt die Rückkehrer mit dem zweifelhaften Ruf nicht auf. Weil weiterhin Druck aus Übersee gemacht wird, lehnen auch Großbritannien und Frankreich den renommierten Wissenschaftler ab. Die Sowjetunion hingegen ist skeptisch, ob sie sich mit den Rapoports womöglich westliche Spitzel ins Haus holen würde.

Nach einer mehr als einjährigen Durststrecke erhält Mitja Rapoport einen Ruf als Professor an die Humboldt-Universität in Ost-Berlin, als Leiter des Biochemischen Instituts. Im Februar 1952 zieht die sechsköpfige Familie um. Inge wollte eigentlich nie wieder nach Deutschland zurückkehren, doch die Aussicht, einen sozialistischen Staat mit aufzubauen, überlagert ihre Bedenken. Sie verdingt sich zunächst als Kinderärztin an einer kleineren Klinik, forscht am Institut ihres Mannes und habilitiert sich dann im Fach Kinderheilkunde an der Charité. Ende der sechziger Jahre beginnt sie auf einem neuen Forschungsgebiet, das Geburtshilfe mit Neugeborenenheilkunde verbindet.

Unter ihrer Leitung entsteht eine der ersten Abteilungen für Früh- und Neugeborene in Europa mit Intensivstation, eigenem Labor und Forschungsprojekten. Die Säuglingssterblichkeit in der DDR sinkt. Zeitweilig ist sie geringer als in Westdeutschland. Die Professorin Inge Rapoport erfährt weltweite Anerkennung.

Die Rapoports sind fast 80 Jahre alt, als die DDR zerbricht. Für sie fühlt es sich so an, als verlören sie ihre ideologische Heimat. Trotzdem sind ihnen noch einige gute Jahre miteinander vergönnt. Mitja stirbt im Sommer 2004. Inge führt danach weiterhin ein offenes Haus, in dem die vielen Gäste immer mit Käsekuchen versorgt werden, wie sich eine Freundin der Familie erinnert. 2015 sorgt sie noch einmal für Schlagzeilen: Vor einer Prüfungskommission der Universität Hamburg verteidigt sie mit 102 Jahren ihre Doktorarbeit von 1938 über Lähmungserscheinungen bei Diphtherie mit summa cum laude.

In einem Interview, das kurz vor Rapoports Tod im März 2017 in dieser Zeitung erschien, sagte sie: „Ich habe schon bessere Prüfungen abgelegt. Den Experten imponierte aber, dass ich meine damalige Arbeit selbstkritisch beurteilt habe.“

Die dritte Staffel der Serie „Charité“ läuft ab dem 12. Januar immer dienstags um 20.15 Uhr in der ARD und kann bereits in der Mediathek des Senders gestreamt werden.

Quelle: F.A.S.
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