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ZDF-Krimi „Neben der Spur“

Im Abgrund werden Fakten bedeutungslos

Von Heike Hupertz
 - 18:34

Der Verdächtige Andreas Schaller (Sabin Tambrea) murmelt, kämpft gegen imaginäre Wände und erhält Handlungsanweisungen vom toten Zwillingsbruder. „Entweder er spielt uns was vor, oder er hat wirklich einen an der Waffel“, sagt Kommissar Vincent Ruiz (Juergen Maurer) gewohnt robust, nimmt sorgfältigkeitshalber aber den Psychiatriedozenten Joe Jessen (Ulrich Noethen) zur Befragung eines mutmaßlichen Täters mit. Die Fakten sprechen für sich, aber noch nicht laut genug. Schaller war definitiv im Haus der Opfer, hat verbrannte Hände und vielleicht sogar ein Motiv. Und er ist hochgradig schizophren, wenn man seiner behandelnden Psychiaterin Julia Allenstein (Ulrike C. Tscharre) glaubt, und nicht in der Lage, eine solche Gewalttat Schritt für Schritt zu planen und stringent durchzuführen. Was also zu beweisen wäre.

Im fünften Fall der ZDF-Reihe „Neben der Spur“ nach den Thrillern von Michael Robotham geht es um entführte und misshandelte Mädchen, einen brutalen Vertuschungsdoppelmord an einem Ehepaar und die mühsame Puzzlearbeit der von Polizei und Psychologe konzertierten Ermittlungen. Die Auflösung ist vergleichsweise banal und enttäuschend, bis dahin aber kann Joe Jessen, der mehr und mehr mit den körperlichen Symptomen seiner Parkinsonerkrankung zu kämpfen hat, dem anderen harten Psychologenhund des ZDF, Richard Brock (Heino Ferch) aus Wien, das Wasser der klaren, aber meist sinnlosen Erkenntnis reichen. Hier wie dort ist das Ich nicht Herr im eigenen Haus, im Fall des Hamburger Kollegen ist das Gebäude selbst auch noch zunehmend marode. Dem entspricht ein bisweilen nachtschwarzer Look und eine weitgehend gelungene Dramaturgie, auch wenn hier eine bestimmte Szene psycho-horrormäßig an die Grenze des Erträglichen geht (Regie Thomas Roth, Kamera Moritz Schultheiß).

Vor zwei Jahren sind in Hamburg zwei Vierzehnjährige spurlos verschwunden, vermutlich ausgerissen. In der Presse machte man damals allerhand Aufhebens um den Fall der „Elbemädchen“. Eine von ihnen wird später – erschlagen und bekleidet mit einem weißen Flügelnachthemd – treibend im Becken des Containerhafens gefunden. Das zweite Mädchen wird, wie der Zuschauer bald weiß, in einem Kellerverlies gefangen gehalten. Pia Hansen (Caroline Hartig) vegetiert auf einer verdreckten Matratze zwischen Fertigmahlzeitschalen und leeren Plastikflaschen im feuchten Halbdunkel, wird durch ein Babyfon abgehört, aus dem rasselnde Geräusche dringen und muss von Zeit zu Zeit ans Tageslicht steigen, um ihrem Peiniger gefällig zu sein. In der Darstellung ihres Martyriums spart sich das Drehbuch von Jürgen Werner und Mathias Klaschka zwar das voyeuristisch Drastische körperlicher Gewalt, operiert aber wirkungsvoll mit dem Vorstellungsvermögen des Zuschauers. Als das Mädchen sich weigert, zum Entführer aus dem Keller zu steigen, foltert der sie mit einem Wasserwerferstrahl, der sie herumwirft wie eine kaputte Puppe. Später liegt sie zitternd im schwimmenden Gefängnis, noch später folgen ihr auf ihrer Flucht Täter und Polizei in einem grausamen Wettlauf.

Während Jessen mit Ruiz ermittelt, tastet er sich gleichzeitig in sein neues Leben als getrennt Lebender vor. Im letzten Fall hatte er seine Frau Nora (Petra van de Voort) und seine Tochter Charlotte (Lilly Liefers) in die Schusslinie eines Psychopathen gebracht, nun wohnt er allein. Vermutlich nicht lang: Ob die Ehefrau oder die neue Freundin Julia Allenstein das Rennen macht, bleibt noch offen. Wesentlich interessanter ist auch die Befragung des schizophrenen Andreas Schaller. Eine ähnlich schwierige Überprüfung der Faktizität der Fakten hatte zuletzt bloß Kommissar Meuffels im unvergleichlichen „Polizeiruf 110 – Nachtdienst“ von Rainer Kaufmann zu leisten. Was konnte er seiner dementen Hauptzeugin im Altenpflegeheim glauben, was war Phantasieluftschloss? „Sag, es tut dir leid“ sortiert die Lage zwar nicht ähnlich komplex, aber doch ansehnlich.

Neben der Spur – Sag, es tut dir leid, heute, Montag 12. März, um 20.15 im ZDF.

Quelle: F.A.Z.
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