„Welcome to Earth“ bei Disney

Das Staunen über die Welt

Von Oliver Jungen
07.12.2021
, 20:45
Durch die Wüste, auf den Grund des Meeres, an den Rand des Vulkans: In „Welcome to Earth“ geht es um Natur pur.
Methode „Whoooa!“: Will Smith ist längst Legende, aber hier einfach Kind. In einer neuen Disney-Dokumentation unternimmt er nun eine Abenteuerreise zu den faszinierendsten Wunderorten der Erde.
ANZEIGE

Eigentlich müsste es die Kinoleinwand sein oder wenigstens einer dieser ultrascharfen neuen 86-Zoll-Monsterfernseher, denn „Welcome to Earth“ ist fast zu groß für unsere Alltagsbildschirme. Alles an dieser Naturdoku-Serie von National Geographic ist megaloman: Gefilmt wurde in 34 Ländern auf allen Kontinenten der Erde, mehr als 700 Mitarbeiter zählte das Film- und Produktionsteam. Herausgekommen ist ein technisch und ästhetisch brillantes, überwältigendes Ergebnis, das der Disney-Konzern, zu dem National Geographic inzwischen gehört, weltweit über den Streamingdienst Disney+ ausstrahlt.

ANZEIGE

Wenn die Meeresbiologin und Apnoe-Taucherin Diva Amon mit Pottwalen und Mantarochen, nein, nicht taucht, sondern tanzt, und zwar mit der lässigen Eleganz eines „James Bond“-Intros, wenn eine Kanufahrt durch die biolumineszierende Bucht vor Puerto Rico zur surrealen Erfahrung wird, wenn Drohnenaufnahmen von Raine Island im Great Barrier Reef uns über Tausende eierlegende Riesenschildkröten schweben lassen oder wenn eine dünne Wasserschicht die bolivianische Uyuni-Salzpfanne in einen gewaltigen Spiegel verwandelt, in dem sich nicht nur Gewitter spiegeln, sondern beim Blick auf die doppelte Milchstraße auch die Drehung der Erde wahrnehmbar wird, dann hat sich aller Aufwand gelohnt: Das sind Bilder für die Ewigkeit. Mehr High End geht nicht.

In den Seilen: Will Smith wagt den Abstieg.
In den Seilen: Will Smith wagt den Abstieg. Bild: Disney+

Das künstlerische Genie hinter der Serie ist Darren Aronofsky, der bereits vor drei Jahren mit „One Strange Rock“ eine grandios zwischen Weltraumperspektive und dem mikroskopischen Blick pendelnde Naturdokumentation inszeniert hat, die mit den Planeten- und Ozean-Filmen der BBC mühelos mithalten konnte. Gut gelöst hatte Aronofsky auch die Kommentator-Frage, schließlich galt es, eine Moderation zu installieren, die dem weltberühmten David-Attenborough-Sound eine eigene, jüngere, aber zugleich würdige Stimme entgegensetzt. Erstaunlicherweise gelang das mit dem Kino-Superstar Will Smith. Seit Filmen wie „Men in Black“, „Ali“ oder „I Am Legend“ selbst eine Legende, besaß der genug Selbstbewusstsein, sich von den wuchtigen Bildern und aufwendigen Dreharbeiten nicht einschüchtern zu lassen.

Der pädagogische Mehrwert sollte nicht überschätzt werden

Das hat so gut funktioniert, dass Will Smith diesmal eine noch viel prominentere Rolle einnimmt. Das narrative Gerüst seiner sich über sechs Folgen erstreckenden Entdeckerreise zu magischen Orten der Erde führt dazu, dass der immer gut gelaunte, stets ein wenig seine Angst betonende Protagonist an der Seite echter Entdecker, Fotografen und Wissenschaftler nun die meiste Zeit selbst im Bild ist. Und das stört nicht einmal. Der pädagogische Mehrwert der sich ein wenig als Schulfernsehen gerierenden Serie sollte indes nicht überschätzt werden, denn der geht kaum über biologische Grundkenntnisse etwa zur Bedeutung von Gerüchen, zur Biolumineszenz oder zu Schwarmintelligenz hinaus. Auch wenn das mit Hollywood-Pathos präsentiert wird, lernt man in dem erzählerisch gar nicht so unähnlichen Kinderfilm „Checker Tobi und das Geheimnis unseres Planeten“ einiges mehr, gerade auch über soziale Zusammenhänge.

Auf Tauchgang: Das Team von „Welcome to Earth“ nähert sich einer Pottwal-Schule.
Auf Tauchgang: Das Team von „Welcome to Earth“ nähert sich einer Pottwal-Schule. Bild: Disney+

Aber „Welcome to Earth“ funktioniert bestens als Naturdokumentation, in der alles Andächtige durch Abenteurertum ersetzt wurde. Da seilt sich der Erzähler, ganz Actionheld, in perfekter Schutzausrüstung in einen aktiven Vulkankrater ab, krabbelt an einem Seil, das mit einer Drohne hinübergeflogen wurde, über eine Schlucht (samt Krokodilen) oder brettert im Rafting-Kajak eiskalte Gletscherflüsse hinab, alles ohne Stuntman. Von einem Jochen-Schweizer-Werbespot unterscheidet sich das vor allem durch die Perfektion, mit der diese Aktionen in Szene gesetzt werden.

Gnus, soweit das Auge reicht.
Gnus, soweit das Auge reicht. Bild: Disney+

Natur ist für Will Smith, der einfach mitreißend „Whoooa!“ brüllen kann, vor allem Selbsterfahrungskulisse – er begreift sich gewissermaßen als Teil der Natur –, nicht ein prekäres Paradies, dessen Gefährdung hier ein weiteres Mal herausgestellt werden müsste. Bei aller berechtigten Kritik an sogenannten Bluechip-Produktionen, die mit hohem Aufwand ein idealisiertes Naturporträt zeichnen (das tut die Serie durchaus), hat diese Perspektive auch etwas für sich, weil man sich selbst von Nachhaltigkeitsappellen, so wichtig sie sind, einmal erholen darf.

ANZEIGE

Mit dem raumschiffartigen Triton-U-Boot tausend Meter in die dunkle Tiefsee hinabschweben und dort auf seltsam leuchtende Kreaturen treffen, das dürfte der Traum aller von kindlicher Neugier getriebenen Menschen sein (den sich zurzeit nur einige Superreiche wie Roman Abramowitsch und Richard Branson erfüllen; die gezeigten U-Boote werden für bis zu dreißig Millionen Euro verkauft). Solche Einlagen, auch die Unterhaltungen mit heroisch inszenierten Reisepartnern und die kleinen Nebenhandlungen – sogar Alexander Gerst, Astro-Alex, hat einen Miniauftritt, allerdings so klein (er spürt in einer slowenischen Höhle einen Grottenolm auf), dass es schon kurios wirkt – bilden jedoch nur das lose Band, das die Glanzelemente der Serie zusammenbindet, die verschwenderisch reichhaltigen Naturaufnahmen selbst, manche im Überflug gefilmt, andere mit Spezialzeitraffer oder als Super-Close-up. Darunter finden sich klassisch-dramatische Szenen – Gnuherden in der Serengeti –, aber vor allem kuriose Einblicke wie orgiastisch zuckende bunte Meereswürmer in Indonesien oder durch die Wüste kriechende Fische. Man kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus: das perfekte Weihnachtsprogramm für Eltern und Kinder.

Dass Checker Will hier an der Seite des beeindruckenden blinden Bergsteigers Erik Weihenmayer eine ganze Episode lang (und ähnlich wie Checker Tobi) am Krater eines feuerspuckenden Vulkans steht, darf mit etwas Fantasie als hoffentlich ironische Bezugnahme auf die Vorwürfe gegen den Film „After Earth“ gelesen werden. Will Smith und sein Sohn waren darin gemeinsam zu sehen, ebenfalls vor einem Vulkan. Das erinnerte manche Beobachter an das Cover von L. Ron Hubbards „Dianetik“-Buch, der Scientology-Bibel, schließlich ist Will Smiths Sympathie für die Sekte bekannt, auch wenn er stets abstritt, ihr anzugehören. Was ihm der grummelnde Berg hier verrät, ist bloß das: Es gibt neben dem Brüllen der Eruption noch eine tiefere Ebene des Sounds im Innern der Berge, ausgelöst durch den Mond und die Erdgezeiten, Infrasound genannt, unhörbar, doch fühlbar. Das hat mit Religion wenig zu tun, eher schon mit Hip-Hop. Und es bietet die Grundlage für eine Metapher, mit der sich das Bezwingende dieser Serie erklären ließe: Infrabeauty, eine fühlbare Schönheit unter der äußeren Schönheit der Bilder, die nichts anderes ist als die Erhabenheit und Perfektion der Natur selbst.

ANZEIGE

Welcome to Earth läuft ab Mittwoch bei Disney+.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
ANZEIGE