Serie „Die Schlange von Essex“

Leidenschaft gebiert Ungeheuer

Von Oliver Jungen
13.05.2022
, 14:53
Ob aus den beiden etwas wird? Claire Danes und Tom Hiddleston spielen ein Paar, das nicht leicht zueinander findet.
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Wie eine Operation am offenen Herzen: „Die Schlange von Essex“ ist ein neoviktorianisches Gruseldrama mit viel Gefühl und Wissenschaftspathos. Die Symbolik könnte subtiler sein, doch die Serie hat andere Qualitäten.
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Carrie Mathison ist jetzt rothaarig. Wer acht Staffeln „Homeland“ intus hat, wird sich schwertun, bei der Heldin der in die viktorianische Epoche verlegten schwarzromantischen Saga „Die Schlange von Essex“ nicht an die einnehmende CIA-Agentin zu denken. Das liegt nicht allein daran, wie überragend Claire Danes die Rolle der bipolaren, furchtlosen, aber privat überforderten Carrie verkörpert hat. Es hat auch damit zu tun, dass die jetzt von Danes gespielte, furchtlose, aber von ihren Gefühlen überforderte Protagonistin der von Anna Symon für Apple TV+ besorgten Serienadaption eines Bestseller-Romans von Sarah Parry ein wenig so wirkt, als sei sie einfach im späten 19. Jahrhundert abgeworfen worden (womöglich eine besonders clevere Version von Zeugenschutzprogramm).

Dass die reiche, wissenschaftlich interessierte und emanzipierte Londonerin Cora Seaborne ein Vorleben als unterdrückte Ehefrau geführt hat, den Gewalttätigkeiten eines gleich zu Serienbeginn dahinscheidenden konservativen Oberschichtmachos ausgesetzt, wird in emotionalen Rückblicken zwar angedeutet, aber überzeugend gelingt die Verankerung der Figur in ihrer Epoche nicht. Auch dass Cora mit Martha (Hayley Squires) über eine proletarische Bedienstete verfügt, die sich nicht nur offen zum Sozialismus bekennt, sondern für die Heldin und ihre Oberklasse-Bekannten als Freundin auf Augenhöhe gilt, zeigt, dass den Serienmachern eine allzu realistische Auseinandersetzung mit dem britischen Standesdenken an der Schwelle zur Moderne kein besonderes Anliegen war.

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Im Bann des britischen Empires

So heutig das Kernpersonal aber wirkt, gelingt es der Erzählung mit ihren gelinden Mysteryanleihen sehr gut, die Ambivalenzen der noch ganz im Bann des mächtigen britischen Empires mit seinen unwandelbaren Traditionen stehenden und doch bereits die Morgenluft einer rationalistischen und individualistischen Moderne witternden Epoche einzufangen. Für die Spannung zwischen altem und neuem Denken, zwischen theologischem und evolutionstheoretischem Weltzugang, zwischen Land und Stadt hat Parry eine Metapher gefunden, die hier gewissermaßen zum Leben erwacht: ein mythisch anmutendes Seeungeheuer, das in Essex sein Unwesen treibt. Mehrere Bewohner der von Regisseurin Clio Barnard prächtig düster in Szene gesetzten Marschen sind ihm schon zum Opfer gefallen. Und die Bilder zeigen: Die Augenzeugenberichte sind nicht ganz aus der Luft gegriffen.

Die Schlange, so glauben die einfachen, bibelfesten Bewohner des fiktiven Dorfs Aldwinter, ist nichts anderes als eine Inkarnation des Leibhaftigen, angelockt durch sündhafte Begierden. Schutz suchen die Fischer bei sturer Frömmigkeit und, sicher ist sicher, im Aufstellen von heidnischen Tierkadaver-Schutzzeichen. Da kann der belesene, hübsche, überhaupt nicht nach Aldwinter passende Pfarrer Will (der hübsche und natürlich bestens in eine um Leidenschaften kreisende Serie passende Tom Hiddleston) die Dörfler noch so sehr beschwören, dass keine Ungeheuer (neben Gott) existieren. Dass nun eine neugierige, schöne, atheistische Witwe samt Zugehfrau und autistischem Sohn (Caspar Griffiths) durch die atavistische Landschaft stapft, weil ihr Forscherdrang sie unbedingt das Rätsel der Schlange lösen lassen möchte – sie vermutet ein der Evolution entkommenes Urzeitwesen hinter den Ereignissen –, passt dem Pfarrer zunächst nicht, aber schnell freunden seine Frau Stella (Clémence Poésy) und er sich eng mit Cora an, sehr eng, um genau zu sein. Das Dorf hingegen nimmt die erschreckend moderne Fremde mehr und mehr als eigentliche Unglücksbotin wahr.

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© Apple TV+

Noch stärker als das Buch kreist die Verfilmung um Liebe als Passion: Cora und Will begreifen nicht, was mit ihnen geschieht und wie ihre Anziehung gesellschaftliche Normen sprengt. Während Cora darauf mit einer Hyperaktivität reagiert, die fast an Carrie Mathison erinnert, blickt Will mehrere Folgen lang gebrochenen Herzens sauertöpfisch drein. Allerdings steht hier nicht nur ein Mann zwischen zwei Frauen, sondern auch eine Frau zwischen zwei Männern, schließlich ist da noch der aufstrebende, unsterblich in Cora verliebte Chirurg Luke Garrett (Frank Dillane), eine Art sonniger Frankenstein und natürlich Herzspezialist (in ihrer Symbolik lässt die Narration wenig offen). Garrett hat auch die schönste, britischste Textzeile der Serie: „No good ever came from leaving London.“

Wie sich die Rationalität nun in einem Zweifrontenkampf behaupten muss, hier gegen den (Aber-)Glauben, dort gegen die Leidenschaften, das ist ein hübsch anzusehendes, dem Kitsch freilich nicht ganz abgeneigtes und dialogisch eher bemühtes Kostümdrama in aufwendig nostalgischen Filmsets. Da hilft auch eine um Martha kreisende Nebenhandlung nicht, in der das Londoner Sozialproblem krankmachender Slums angegangen wird. Dieser Part wirkt sogar besonders hölzern. Symon und Barnard haben sich insgesamt zu wenig von der inhaltlich wie symbolisch überfrachteten Vorlage gelöst. Ein leichterer, freierer Ton hätte der sechsteiligen Serie gutgetan, zumal wenn man über ein solches Ensemble an Stars verfügt. Wie sich das Geheimnis um den Lindwurm schließlich löst, ist allerdings apart. Und die Aufnahmen der fast schon unwirklich schönen Marschlandschaft im Maldon District sind so hinreißend, da braucht es nicht einmal Danes‘ Julia und Hiddlestons Romeo, damit sich das Einschalten lohnt.

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Die ersten beiden Folgen von Die Schlange von Essex sind ab heute auf Apple TV+ abrufbar. Weitere Folgen immer freitags.

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Quelle: F.A.Z.
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