Die Serie „We Are Who We Are“

Angst macht, was nicht festgelegt ist

Von Heike Hupertz
04.03.2021
, 20:55
Auf den ersten, zweiten und dritten Blick: Die augenöffnende Serie „We Are Who We Are“ begleitet Jugendliche auf einer amerikanischen Militärbasis beim Erkunden ihres Lebens.

Die aufgeschlossene Britney (Francesca Scorsese, Martin Scorseses Tochter) ist die erste Person aus der Clique, die sich des schweigsamen Jungen aus New York annimmt, als er auf der amerikanischen Militärbasis in der Nähe von Venedig ohne Koffer, aber mit William S. Burroughs Jugendroman „The Wild Boys“ unterm Arm und Klaus-Nomi-Songs im Ohr ankommt und sich umschaut, als müsse er den Mond erkunden. Die Beobachtung ist gegenseitig. Den vierzehnjährigen Fraser (Jack Dylan Grazer) in seiner neuen Umgebung unkonventionell zu nennen wäre untertrieben. Schwarz und gelb lackierte Fingernägel, körperverhüllende Baggy-Klamotten mit Tierdrucken, weißblond gefärbtes Haar, ein Oberlippenflaum, der noch nicht weiß, ob er Bart werden will – Fraser hat etwas Unbestimmtes, wirkt jungfräulich, aber weise, irritiert die schon männerbildmuskelbepackten gleichaltrigen Jungs zunächst ungeheuer. Britney zeigt ihm den amerikanischen Supermarkt, in dem jeder Gegenstand genau da liegt, wo er in den Supermärkten auf allen anderen ausländischen amerikanischen Militärbasen auch liegt. Amerikanische Soldaten, sagt sie mit Durchblick, sollen sich überall genau gleich und gleich zu Hause fühlen. Amerikanisch eben – am besten noch vor ihrer Hautfarbe, der geschlechtlichen Identität und dem sexuellen Zugehörigkeitsgefühl. Dinge die freilich nur an jener Oberfläche keine Rolle spielen, wo es um die Militärkarriere und die Ehren geht.

Die italienische Militärbasis, Hauptspielort der überrealistisch inszenierten „Coming of Identity“-Serie „We Are Who We Are“, ist nicht nur geopolitisch gesehen externes Amerika, sondern auch identitätspolitisch. Wo kein Fremdes, da keine Identitätskrise. Kampfkraft zeigt sich auf der Basis als Realität und Metapher. Der Sieg ist das definierte Ziel der von hier aus gestarteten Auslandsmissionen, zum Beispiel nach Afghanistan, nicht die differenzierte Betrachtung kultureller Besonderheiten, die man den NGOs vor Ort überlassen kann. Oder der Jugendclique, die sich rund um Jesolo nach und nach auf ganz andere als die ideologisch-amerikanische Soldatenweise mit den italienischen Heranwachsenden „draußen“ ihr Terrain erobert.

Kann man wenigstens auf Trump bauen?

Während abseits des Areals Britney und die anderen am Strand Alkohol trinken, Party machen, italienisch sprechen und sexuelle Entdeckungen feiern, schauen ihre Familienangehörigen im Fernsehen den Wetterbericht aus Chicago, „ein schöner Tag, um zu den Seen zu fahren“. Und backen zur Selbstvergewisserung Kuchen wie daheim, wie Jenny (Faith Alabi), die der Neuzugang aus New York in den ersten Folgen beträchtlich verunsichert. Nicht nur, weil ihr Mann Richard (Scott „Kid Cudi“ Mescudi) mit seiner neuen Chefin, Kommandantin Sarah (Chloe Sevigny), Frasers Mutter, seine disziplinarischen Schwierigkeiten hat. Eine Frau als Truppenerste, eine Lesbe, die ihre Ehefrau Maggie (Alice Braga) mitgebracht hat? Richard hofft, wenigstens auf Trump bauen zu können.

Republikaner Richard verfolgt Donald Trumps Auftritte, als könne von ihm das Heil kommen – die Serie spielt 2016 im Wahlkampf gegen Hillary Clinton – und besorgt sich und Tochter Caitlin (Jordan Kristine Seamon) schon einmal MAGA-Kappen. Beim Boxen reagiert er den tiefsitzenden Groll gegen die Vorgesetzte ab. Ohne zu merken, dass seine Tochter, die sich mehr und mehr mit Fraser anfreundet, draußen als Harper unterwegs ist und eine Transidentität probiert. Während Fraser mit ihr sein Faible für Poesie teilt („jedes Wort bedeutet etwas“) und Major Jonathan (Tom Mercier) anschwärmt, fühlt sich Caitlin mehr und mehr fluid, nicht Mädchen, nicht Junge. Als lösten sich Erwartungen und Rollenzuschreibungen in Zukunftsoffenheit auf. Sie rasiert ihr bewundertes Haar, bindet ihre Brüste flach. Körperbilder, insbesondere jugendliche Nacktheit, zeigt die Serie andauernd, aber in mannigfachen Blickwinkeln, mal wie augenzwinkernd, meistens sehr deutlich, aber nicht ausgestellt, mal wie mit jugendlich neugierigem Blick, mal aus der Perspektive erwachenden Begehrens.

In der vierten Folge feiert Soldat Craig (Corey Knight) am Vorabend seiner Abreise nach Afghanistan eine wilde Hochzeit mit seiner italienischen Freundin und der jüngeren Clique. In einer verlassenen Villa geht es hoch her, die Kamera friert den Moment ein, einzelne Schuhe weisen auf den Zeitverlauf hin, die Szenerie ist lichtdurchflutet, hell und durchlässig, später wird es ernst, dunkel und erwachsen. Fraser spendiert dazu seine Playlist (deren Titel man auf Spotify nachhören kann). Und so eklektisch und einmalig Frasers Musikgeschmack, so weltöffnend sind seine Ansichten: „Wir müssen über Vereinfachungen hinauskommen und Kompliziertheiten umarmen, weil Kompliziertes wunderschön ist“, sagt er.

Darum wäre es im Sinne der Serie auch falsch, ihn als schwul zu vereindeutigen. Der Zauber dieser schwer verspielten Serie, der ersten von Luca Guadagnino („Call Me By Your Name“, „The Love Factory“) liegt darin, dass sie Vereinfachungen als erdrückend und Kompliziertes als federleicht zeigt. Drill und Unterordnung, Entpersonalisierung, Krieg und Kampf, Richtig und Falsch sind hier Simplifizierungen aus Angst vor dem nicht Eindeutigen. In „We Are Who We Are“ (Buch Paolo Giordano, Francesco Manieri und Luca Guadagnino) sieht man, dass das Uneindeutige, Vorläufige und Mögliche mehr Lebendigkeit und mehr Spaß enthält als das passend Gemachte. Es geschieht hier ohne modische Identitätshuberei, schon fast beiläufig, als schaute man einigen selbstbewussten Leben an Sommertagen beim Geschehen zu.

We Are Who We Are läuft bei Starzplay.

Quelle: F.A.Z.
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