Neue Serie „Dopesick“

Die amerikanische Seuche

Von Nina Rehfeld, Sedona
27.10.2021
, 09:27
Er nimmt den Kampf gegen das vermeintliche Wundermittelt auf: Michael Keaton spielt den Landarzt  Samuel Finnix.
„Dopesick“ zeigt, wie die Gier eines Pharmariesen Millionen Amerikaner in die Schmerzmittelsucht trieb. Der Skandal dauert an, vor Gericht kamen die Verantwortlichen davon. Nicht in dieser Serie.
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„Es ist Zeit, dass wir das Wesen des Schmerzes neu definieren“, sagt Richard Sackler (Michael Stuhlbarg) zum Auftakt der achtteiligen Serie „Dopesick“. Es ist das Jahr 1986, und die Familie Sackler und ihre Firma Purdue Pharma sind im Begriff, die „Epidemie des Leidens“, wie Richard Sackler sie als Folge einer medizinischen Ignoranz gegenüber chronischen Schmerzen ausmacht, durch eine andere Epidemie zu ersetzen, die mehr als eine halbe Million Amerikaner das Leben kosten und zur häufigsten unnatürlichen Todesursache von Menschen unter fünfzig werden soll.

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Es ist eine Epidemie des Schmerzmittelmissbrauchs, die auf die Gier, die Lügen und die manischen Ambitionen der Familie Sackler sowie auf die korrupten Strukturen der amerikanischen Food and Drug Administration zurückgeht. Sie legt auch eine Version des amerikanischen Traums bloß, welche den persönlichen Profit über jedwede Erwägung individuellen oder gesellschaftlichen Wohls stellt.

Ein Gift namens OxyContin

Die Geschichte der Sacklers und des Schmerzmittels OxyContin ist schon vielfach erzählt worden, unter anderem von dem Dokumentarfilmer Alex Gibney in „The Crime of the Century“. Auch die Ermittlungen der Washington Post, die Erkenntnisse des New-Yorker-Journalisten und Buchautors Patrick Radden Keefe („Empire of Pain“) und die Recherchen des Pulitzerpreisträgers Barry Meier („Pain Killer“), auf die sich Gibney stützte, haben viel Licht auf den Hintergrund der Opioidkrise geworfen, ebenso Beth Macys Buch „Dopesick“, an das sich diese gleichnamige, fiktionalisierte Version der Ereignisse anlehnt.

Danny Strongs „Dopesick“ – der Begriff beschreibt die Entzugserscheinungen von Abhängigen – erzählt die Geschichte aus der Perspektive der Konsumenten, der Pusher, der Mittelsmänner und der Kämpfer gegen die sich entfaltende Katastrophe. Zu seinen Hauptfiguren zählen neben Richard Sackler der Landarzt Samuel Finnix (Michael Keaton, der selbst einen Neffen an eine Opioid-Überdosis verlor) in Virginia, seine junge Patientin Betsy Mallum (Kaitlyn Dever), den Pharmavertreter William Cutler (Will Poulter) sowie die Bundesanwälte Randy Ramseyer (John Hoogenakker) und Rick Mountcastle (Peter Sarsgard).

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Finnix ist Witwer, ein umgänglicher Typ, der seine Patienten persönlich kennt und dem nicht nur an ihrer körperlichen, sondern auch an ihrer seelischen Gesundheit liegt. Er gibt seinen Patienten Lebensrat und ist überhaupt eine solche Seele von einem Menschen, dass allein Michael Keatons schnörkelloses Spiel das Abgleiten in die Seifenoper verhindert. Aber Finnix fungiert hier als ein dringend benötigtes Licht in einer sozialen Landschaft, die von Schmerz und Leid durchwirkt ist – katastrophale Arbeitsunfälle, Verunsicherung, finanzieller Druck belasten die Menschen. Es ist ein fruchtbarer Boden für ein Schmerzmittel, das stärker als Morphium wirkt.

Die Patienten sollen Schuld sein

Wiewohl die Serie eine fiktionalisierte Version der Geschehnisse ist, stützt sie sich auf verbriefte Ereignisse; neben erfundenen Figuren wie Finnix und Betsy Mallum sind hier die echten Akteure des Dramas präsent: Richard Sackler, der in einer E-Mail von 2001 den Nutzern seiner Droge die Schuld für die Epidemie in die Schuhe schob: „Sie sind die Schuldigen und das Problem. Sie sind rücksichtslose Kriminelle.“ Der FDA-Zulassungsbeamte Curtis Wright, der OxyContin als harmlos einstufte – und der nach seinem Ausscheiden aus der Behörde einen hoch dotierten Job bei Purdue annahm („sieht aus wie Korruption, aber so funktioniert das System“, sagt in der Serie eine FDA-Beamtin). Die Bundesanwälte Ramseyer und Mountcastle, die den betrügerischen Machenschaften der Sacklers mit OxyContin auf den Grund gingen und sie zur Anklage brachten. Der Arzt Russell Portenoy (Shane Callahan), der sich von den Sacklers einspannen ließ, um OxyContin zu bewerben.

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Im Zentrum des sich hier entfaltenden Dramas steht eine Erkenntnis, die nicht, wie von Purdue behauptet, einer umfassenden Studie, sondern einer bloßen anekdotenhaften Beobachtung entlehnt ist: dass nämlich eine Abhängigkeit von Opiaten im klinischen Umfeld äußerst selten zu beobachten sei. Mit dem Schlagwort „weniger als ein Prozent werden abhängig“ rechtfertigt Purdue den sorglosen Umgang mit der Droge; gebetsmühlenartig wiederholen Sackler, seine Pharmavertreter und die von ihnen bedrängten Ärzte diese drastische Verharmlosung der Wirklichkeit.

Aber auch, als sich das Gegenteil zeigt, pusht Sackler seine Droge und den Profit mit immer neuen Schlagworten: Der sogenannte „Durchbruchsschmerz“, der in Wahrheit die Gewöhnung der Patienten an das Opiat kennzeichnet, signalisiere eine zu geringe Dosierung des Medikaments. Die ärztliche Maßgabe, Patienten zunächst eine niedrige Dosis zu verabreichen, wird zugunsten von „individualisierter Medikation“ verworfen. Und die Zeichen einer Abhängigkeit, so heißt es schließlich, seien in Wahrheit Symptome einer „Pseudosucht“ – wirklich abhängig könne nur sein, wer willentlich Missbrauch betreibe. Hier spiegelt sich die Herablassung gegenüber der amerikanischen Arbeiterklasse, eine Geringschätzung, die Millionen Menschen in die Arme Donald Trumps trieb und gegen die sich diese Serie auflehnt.

Indes stößt sie hier auch an ihre Grenzen – es ist allzu naheliegend, die strategischen Schachzüge Sacklers, die verbrieft sind, als narrativen Schachzug zu interpretieren, um seine Ambitionen zu illustrieren. Er ist ein Mann der zweiten Generation, auf dem das Erbe von Arthur, Raymond und Mortimer schwer lastet. Arthur und seine Brüder, Söhne osteuropäischer Einwanderer, bauten mit einer Werbefirma, einem medizinischen Fachblatt und einer pharmazeutischen Firma namens Purdue Frederick ein Pharma-Imperium auf, das ein enormes Vermögen anhäufte und die Sacklers befähigte, sich als Kunstmäzene einen großen Namen in der amerikanischen Gesellschaft zu machen. Richard sieht sich nun unter Druck, gleichzuziehen – mit der aggressiven Vermarktung eines Schmerzmittels, das er als „eines der wichtigsten Medikamente in der medizinischen Geschichte, gleichauf mit Penicillin“ anerkannt haben will.

Unterdessen kämpfen auf einer anderen Zeitschiene im Jahr 2003 zwei Vertreter der Bundesstaatsanwaltschaft, Rick Mountcastle und Randy Ramseyer, sowie Bridget Meyer (Rosario Dawson), eine Agentin der Betäubungsmittelbehörde DEA, darum, den Sacklers und ihren betrügerischen Machenschaften das Handwerk zu legen. Zu den Höhepunkten der ersten vier Serienfolgen zählt Ramseyers Weigerung, sich nach einer Krebs-OP mit OxyContin behandeln zu lassen, sehr zum Ärger der Krankenschwester. Inzwischen nämlich wird nicht nur Apotheken, die den Vertrieb der Pillen ablehnen, sondern auch Krankenhäusern, die die Pillen nicht einsetzen, mit Klagen gedroht, alles unter dem Deckmäntelchen der wirkungsvollen Schmerzbehandlung, die man leidgeprüften Amerikanern viel zu lange versagt habe.

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Als Zuschauer indes wird man zum Zeugen, wie das vermeintliche Wundermittel und die Maßgaben, unter denen die Ärzte damit umgehen, eine Katastrophe in Zeitlupe auslösen: Die Abhängigkeit von der Droge und schreckliche Entzugserscheinungen sowie eine stetig ansteigende Wirkungsschwelle führen zur Beschaffungskriminalität, zum Umstieg auf Heroin und Fentanyl, schließlich zur Überdosis; hier entfaltet „Dopesick“ seine ganze Wucht.

Die Sacklers lehnen bis heute jede Verantwortung für die Opiat-Epidemie ab; mit einer außergerichtlichen Einigung im September dieses Jahres, in deren Zuge Purdue Pharma aufgelöst wurde, erkauften sie sich weitgehenden Schutz vor weiteren Anklagen. Seine Serie, sagte Danny Strong der New York Times, „ist die Gerichtsverhandlung, die hätte stattfinden sollen“.

Dopesick läuft in Amerika bei Hulu und bei uns von Anfang November an bei Disney+.

Quelle: F.A.Z.
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