Die TV-Serie „Baghdad Central“

Fackeln im Wüstensturm

Von Oliver Jungen
08.04.2021
, 18:42
Die Serie „Baghdad Central“ ist ein nervenaufreibender Thriller, in dem ein Vater für seine Familie kämpft. Dank des aufregenden Settings ist sie aber noch viel mehr.

Krieg und Frieden, das ahnte schon Leo Tolstoi, können ununterscheidbar werden. Zwei kurze Szenen zu Beginn von „Baghdad Central“ (deutsch: „Bagdad nach dem Sturm“), einer dramatischen Familien-Thriller-Serie auf geopolitisch schwankendem Grund, springen ins Auge. Mit ihnen wird eine Matrix aufgespannt, in der die Handlung der sechs Folgen zu verorten ist. So sehnt zu Beginn die junge Sawsan (Leem Lubany) mit Blick auf ein Wandgemälde Saddam Husseins den Einmarsch der Koalition herbei. Krieg ändere etwas, „und das ist dringend notwendig“, lässt sie ihren Vater Muhsin Kadr al-Khafaji (Waleed Zuaiter), einen Polizisten, und die Schwester Mrouj (July Namir) wissen.

In der zweiten, bedeutungsschweren Episode steht ein schönes, edles Pferd verloren auf einer Straßenkreuzung von Bagdad. „Ein echtes arabisches Vollblut“, kommentiert Professorin Rachid (Clara Khoury) gerührt, als eine gepanzerte Kolonne der Koalitionstruppen vorüberdonnert und das Tier tot von der Straße fegt. „Hurensöhne von Soldaten“, fluchen die Iraker. Wenig später bewerfen sie die Militärfahrzeuge mit Steinen, während ein amerikanischer Soldat vom Ausguck herunterbrüllt: „Wir haben euch befreit! Respekt, ihr Idioten!“ Es gelingt Regisseurin Alice Troughton, solche prononciert anmutenden Kollisionen elegant in den Erzählfluss zu integrieren, ohne ihnen ihre Symbolkraft zu nehmen. Wie sehr das arabische Blut kocht, wird vor allem durch die konsequent durchgehaltene irakische Perspektive auf das Geschehen im Land deutlich, eine willkommene, überfällige Abwechslung zu Invasions-Epen à la „Homeland“.

Was bedeutete die Invasion für die Bevölkerung?

Die packende Verfilmung von Elliott Collas gleichnamigem Roman – Drehbuchautor ist Stephen Butchard („The Last Kingdom“), Regie führten Troughton und Ben A. Williams – könnte man vielleicht einen „Eastern“ nennen. Dass der sich mitunter ausnimmt wie ein in die flirrende Wüstenluft projizierter Einzelkämpfer-Western, dann wieder wie ein Familienmelodram (samt krankem Kind) oder wie ein militarisierter Krimi-Thriller, mag damit zu tun haben, dass die Genannten allesamt Briten oder Amerikaner sind. Doch zumindest Colla, Arabist an der Georgetown University, ist ein profunder Kenner der Kultur des Mittleren Ostens. Seine Romanvorlage, ein halbes Sachbuch, nutzt den Krimiplot vor allem, um davon zu erzählen, was die Invasion des Iraks für dessen Bevölkerung bedeutete. In der Serie wird solches Hintergrundwissen weniger deutlich ausbuchstabiert. Die Spannungen zwischen Schiiten, Sunniten und Kurden sind eher atmosphärisch zu spüren; die zunehmend von Religiösen gekaperte Radikalisierung des Widerstands gegen die Besatzer wird nur angedeutet. Aber all das ist dennoch da, beeinflusst das Geschehen.

Während das Land ins Chaos abgleitet, häufig der Strom ausfällt, die Anschläge zunehmen, jede Unterstützung der Übergangsverwaltung verpönt ist und der gesellschaftliche Zerfall fortschreitet (nachdrücklich sind Straßenszenen, in denen jugendliche Gangs außerhalb der Grünen Zone das Kommando übernehmen), ist es dem Protagonisten, der im Zuge der „Debaathisierung“ aus dem Polizeidienst entlassen wurde, vor allem darum zu tun, die Versorgung seiner nierenkranken Tochter Mrouj sicherzustellen und die in den Wirren verlorengegangene Sawsan zu finden. Dafür lässt er sich – von Zuaiter überragend gespielt: eine echte Charakterfigur zwischen Selbstzweifeln und Entschlossenheit – mit den neuen Machthabern ein. Hier bekommt er es mit dem schillernden Briten Frank Temple (Bertie Carvel), der den Neuaufbau der irakischen Polizei leitet, sowie dem selbstbewussten amerikanischen Captain Parodi (Corey Stoll) von der Militärpolizei zu tun.

Temple wie Parodi scheinen ihre eigene Agenda zu haben und miteinander im Dauerstreit zu liegen. Muhsin, als Inspektor zu Todesfällen hinzugezogen und im Volk als Kollaborateur angefeindet, laviert gefährlich zwischen den beiden hindurch, stößt auf Geheimnisse innerhalb des alliierten Sicherheitsapparats und gerät während der Suche nach Sawsan – sie und zwei Freundinnen standen in enger Beziehung zu der genannten Professorin – zwischen die Fronten des sich bereits aufspaltenden Widerstands. Auch Muhsins eigene Vergangenheit kommt ans Licht. Sein Sohn war als Dissident hingerichtet worden, er aber hatte dem Saddam-Regime (aus Not?) die Treue gehalten.

Irisierend wechseln sich Idealisierung und Dämonisierung der Koalitionsregierung ab, denn beides führt der Film vor Augen: aufrichtigen Einsatz für Gerechtigkeit und finsterstes Eroberer-Verhalten. Das macht eine eindeutige Antwort auf die Kollaborationsfrage unmöglich, wie hier überhaupt die Vielschichtigkeit der Themen Schuld, Ehre, Widerstand und Patriotismus herauspräpariert wird. Sollen sich etwa junge Frauen, die die Freiheit herbeisehnen, eher den verhassten Invasoren anschließen oder jenen Bewaffneten, die Frauen westliche Kleidung und offenes Haar versagen?

Deutsch sprechende Iraker und Amerikaner sind – wie immer – gewöhnungsbedürftig, aber beinahe zur Hälfte hört man in der Channel-4-Produktion auch (untertiteltes) Arabisch. Viel zur Authentizität tragen die Bilder bei, obwohl sie keineswegs in Bagdad, sondern, nur leicht nachbearbeitet, in Marokko entstanden sind: ein staubiges Vorstadtpanorama aus verfallenden Betonbauten und zerrütteten Aufbruchsträumen. Innenansichten aus engen, dunklen Wohnungen kommen hinzu. Selbst für Saddams Republikanischen Palast, ab 2003 das völlig überfüllte administrative Zentrum der Übergangsverwaltung, fand man einen probaten (nicht ganz so pompösen) Ersatz samt Swimming Pool. Dank der resoluten Inszenierung und schauspielerischer Glanzleistungen wird die nervöse Stimmung der Monate des Ausnahmezustands und der Provisorien greifbar. Auch wenn die Krimi-Handlung und das bildgewaltige, pathetische Spannungsfinale dann doch angloamerikanischen Konventionen folgen und der furchtlose Held mit seinem leichten Alkoholproblem uns als Typus nicht ganz unbekannt vorkommt, steht „Baghdad Central“ (weitere Staffeln sind möglich) für eine äußerst gelungene Ausweitung der Erzählzone.

Bagdad nach dem Sturm läuft an diesem Donnerstag ab 21.05 Uhr (Folge eins bis drei) und am darauffolgenden Donnerstag ab 21.45 Uhr (Folge vier bis sechs) auf Arte.

Quelle: F.A.Z.
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