Serie „Foundation“ bei Apple

Mathe als Gebet und Kriegserklärung

Von Dietmar Dath
28.09.2021
, 16:37
Selbst auf die entlegenste Geröllwelt scheint das Licht des Wissens: Salvor Hardin (Leah Harvey) lernt das Staunen
Geht die Zivilisation unter, wenn wissenschaftliche Vorhersagen verhallen? Die Streamingserie „Foundation“ inszeniert dieses Riesenproblem als kolossale Weltraumoper.

Es geht um Kopf und Kragen: Hier steht einer als Staatsfeind vor Gericht, weil er offen sagt, dass sich ein künftiges Unheil, von dem er aufgrund unumstößlicher Berechnungen weiß, keinesfalls mehr abwenden lässt, egal, wie bereitwillig die Prognose von Mächtigen oder Ohnmächtigen geglaubt und wie rasch gehandelt wird. Der Mann behauptet, dass nach dem todsicheren Zusammenbruch der Zivilisation eine Quintillion Menschen, verstreut auf Millionen Welten zwischen den Spiralarmen der Milchstraße, ganze dreißigtausend Jahre Barbarei erwartet – es sei denn, man erlaube ihm und vierzigtausend handverlesenen Hilfsbereiten, alles verfügbare Menschenwissen in sicheren Speichern zu konzentrieren.

Dann nämlich käme die grässliche Finsternis aus Dummheit und Gewalt, die alle Kultur und Gesittung unter sich begraben muss, zwar trotzdem, müsste aber nur tausend statt dreißigtausend Jahre währen, weil Gebrauchsanweisungen für ein sinnvolleres und schöneres Leben bereitstünden. Der Angeklagte verschweigt dabei, dass sein Tausendjahresplan das beschriebene Archivprojekt in Wahrheit nur als Tarnung vor sich her trägt. In Wirklichkeit führt er längst eine geheime Fortschrittspartei an, deren auf viele Generationen angelegte Strategie von der technischen über die religiöse bis zur wirtschaftlichen Politik reichen muss, unter bereits vorauskalkuliertem Krisendruck.

Der Mann heißt Hari Seldon. Erfunden hat ihn vor achtzig Jahren der Schrift­steller Isaac Asimov für seinen Geschichtenzyklus um die „Foundation“ (also „Basis“ oder „Stiftung“; das Wort bezeichnet besagte Jahrtausendverschwörung). Diverse Anläufe, die „Foundation“-Saga zu ver­filmen, liefen gegen unterschiedliche ­Wände. Jetzt riskiert AppleTV+ das Wagnis als Stream; den „alten Raben“ Seldon spielt darin Jared Harris, bekannt geworden als klassenbewusster Überlebensprügel Anderson Dawes in „The Expanse“. David S. Goyer und Josh Friedman, Urheber der Adaption, vertrauen Asimovs Stoff allerdings nicht einfach Hari Seldon an, wie man eine große Geschichte einem Helden in die Hände legt, sondern zunächst der Stimme einer Nachwuchsdenkerin namens Gaal Dornick, die im Dunkeln gern Primzahlreihen flüstert und auf ihrem rückständigen Heimatgestirn einen Mathewettbewerb gewonnen hat. So darf sie jetzt zur Hauptwelt der galaktischen Zivilisation reisen, nach Trantor, um dort eine Stelle bei Seldon anzutreten.

Der trägt ihr sofort die finsteren prophetischen Konsequenzen seiner neuen mathematischen Disziplin vor, der „Psychohistorie“, einer Synthese aus Wahrscheinlichkeitsrechnung, Ökonometrie und politischer Arithmetik. Über Menschenmassen weiß diese Lehre viel, über Individuen fast nichts. Der Abstand zwischen dem großen statistischen Gemälde und der einzelnen klugen jungen Frau funktioniert dabei als Modell der ganzen Show: Gaal Dornick kündigt umgehend aus dem Off an, dass Solitäre mit Namen wie „Salvor Hardin“ oder „The Mule“ den Gang, besser: den Sturz der Geschichte entscheidend beeinflussen werden.

Staunen, forschen, politisch handeln

„Foundation“ ist ein Intellektuellen­abenteuer voller Wunder des Wissens: Server als Wolkenkratzer und Biohacking sind zu bestaunen, außerdem ein in der visuellen Science-Fiction neuartiges Raumschiffdesign, angeordnet um eine geometrodynamische Singularität. Mit der technischen Pracht kontrastiert politische Verwahrlosung: Das Sternenreich, das all das hervorgebracht hat, zerfällt, nadelt und krümelt; suspekte Provinzen mit urtümlichen Namen wie „Anacreon“ werden frech. Noch regieren drei Kaiser gemeinsam, anders als in der Vorlage: Kind, Mann, Greis, sämtlich Klone des Stammvaters Cleon. Kurzfristig schlau, mittelfristig denkträge, langfristig vernagelt gegen Neues: Der Schlimmste ist der Mittlere, eindrucksvoll eklig gespielt vom gewohnt souveränen Lee Pace.

Was aber hat „imperial overstretch“ nach antik-römischem Muster überhaupt in der Zukunft zu suchen, ist das nicht längst abgetan? Wer spekulative Bücher wie Frank Herberts „Dune“ oder eben Asimovs „Foundation“ mit solchen Fragen traktieren will, muss übersehen, dass der Fortschritt weg von starren Machtordnungen hin zu funktionalen Freiheiten im sozialen Spiel nie als stetig-strikte Überschreibung des Alten stattfindet (wenn überhaupt), sondern allenfalls als Springprozession im Zickzack (wer hat denn im Westen und Norden etwa die Religion noch als geopolitischen Faktor von Gewicht auf dem Plan gehabt, bevor der Islamismus sich bemerkbar machte?).

Der exakte Prophet als Staatsfeind: Jared Harris spielt Hari Seldon
Der exakte Prophet als Staatsfeind: Jared Harris spielt Hari Seldon Bild: AP

„Foundation“ in Goyers und Friedmans Fassung nimmt sich Zeit, Asimovs Geschichtsdenken selbst in größter Handlungsdichte wenigstens über Anspielungen aufs Gesamtwerk des Denkers anzudeuten („Es gibt einen Apfelgarten, älter als die Roboterkriege, da haben sie seinerzeit die K.I.-Sympathisanten aufgehängt“). Der dialektische Witz an Asimovs historischer Spekulation ist ja, dass er nicht nur Geschichte in Zahlen aufschlüsselt, sondern Zahlen umgekehrt immer auch geschichtlich denkt, als etwas, das von spezifischen Menschen in spezifischen historischen Zusammenhängen errechnet werden muss, deshalb aber noch lange nicht “subjektiv“ oder gar beliebig, nur eben: interpretierbar und interpretationsbedürftig ist. Der Artikel, den Sie hier gerade lesen, folgt ihm darin: Die Zahlen “Vierzigtausend“ und die “Quintillion“, die drinstehen, sind Deutungsergebnisse. Im „Foundation“-Text sagt Seldon zwar wirklich “Quintillion“, aber wenn das ein amerikanisches und kein britisches Wort ist, bedeutet es nicht die Zahl, die auf Deutsch so heißt, sondern eine andere, was in deutschen Übersetzungen auch schon so gesehen wurde. Das „Empire“ im Text jedoch hat nicht nur römische, sondern auch britische Züge, Seldons Leute wollen schließlich unter anderem eine Enzyklopädie anlegen, die wie die Britannica funktioniert, und das Schicksal Großbritanniens als Weltreich stand zu der Zeit, da Asimov seine Story erfand, im Zweiten Weltkrieg, sichtbar auf dem Spiel und vor dem Zerfall, von dem er redet. So nimmt sich denn der Text, den Sie gerade lesen, die Freiheit, die “Quintillion“ britisch zu lesen. Die vierzigtausend Getreuen wiederum ergeben sich daraus, dass im Text jemand vor Gericht dem alten Raben Seldon zwar hunderttausend Leute anhängen will und Seldon nicht widerspricht, sondern die Überschätzung ironisch genießt, später aber selbst offenbart, dass seine Truppe, die exiliert werden soll, aus zwanzigtausend Familien besteht, wobei er freilich „Frauen und Kinder“ ungern mitzählt. Hält man noch das Eheleben von Toran und Bayta Darell daneben, das Asimov in „Foundation and Empire“ (1952) darstellt und auf „alte Traditionen der Foundation“ bezieht, zu denen „das Heiraten“ gehört, aber offenbar absolut nicht zwingend Nachwuchs, und berücksichtigt man die unbestreitbare Tatsache, dass die Geburtenrate mit dem Grad der Ausbildung sinkt, dann sind die zwanzigtausend sogenannten Familien einfach Paare, sogar ohne alte Leute, für die das von Seldon geplante Umsiedlungsprojekt zu strapaziös wäre. Zeigen soll das alles hier, dass Zahlen nicht vom Himmel fallen, sondern erarbeitet werden, und nur im Rahmen von Modellen überhaupt aussagekräftig sind, die man anhand von Beobachtungen (oder eben: Lektüre von zu deutenden Texten) aufstellt und diskutiert. Der Witz ist (im Buch, in der Serie, im Artikel): die Deutung kann immer falsch sein, das Modell auch (wusste Asimov von den verschiedenen Zahlennamen der verschiedenen Sprachräume? Wollte er mit Kindern wirklich erst nach der Exilierung der Seldonleute auf ihren Felsen namens Terminus rechnen? Und schon beginnt der produktive Streit).

Manches, das für Asimovs Modelle nicht relevant ist, hat man in der Serie taktvoll modernisiert – Salvor Hardin und Gaal Dornick etwa sind bei Asimov Männer, auf den gängigen Illustrationen der Texte außerdem hellhäutig, in der Show dagegen schwarze Frauen, nämlich Leah Harvey und Lou Llobell; auch die vieldeutige Figur „Demerzel“ aus Asimovs „Prelude to Foundation“ von 1988 hat man nach heutigen Vielfaltsansprüchen rekonfiguriert.

Das liefert Reibungsflächengewinne und ist kein Schaden: Asimovs zweifelhaftes Gespür für futuristische Figurennamen („Lepold“ und „Yohan“, du liebe Zeit, warum nicht gleich „Hams“, „Glzqöyx“ oder „Schwarzbrod“?) hat genug Interpretationsspielraum gelassen, sich eine eigene Meinung darüber zu bilden, wie ein oder eine „Gaal“ aussehen sollte. Andere Änderungen greifen tiefer – Seldon darf länger leben als in den Büchern, man will eben möglichst viele Szenen mit Jared Harris, kann so aber immerhin auch Seldons Macken plastisch herausarbeiten. Manchmal entfernt sich die Show vom Text, dann nähert sie sich ihm wieder, bleibt folglich selbst für Fans überraschend. Neue Schlüsseltechnologien (vor allem ein schwebender Polyeder mit hirnabweisendem Kraftfeld) harmonieren bestens mit diskursiven Kurzdarstellungen fiktiver wie echter Mathematik (besonders schön: eine faszinierende Minidiskussion übers Dezimalsystem und die Frage, weshalb das eigentlich „besser“ sein soll als etwa hexadezimales Zählen). Seldon nennt seine psychohistorische Haupteinsicht einmal „a theorem“ (also: einen Lehrsatz, nicht: „Theorie“) und im selben Atemzug ein „Gebet“ – die Getreuen verstehen’s richtig: für uns ein Gebet, für den Feind eine Kampfansage.

Aus der überfluteten Welt in die Traufe: Lou Llobell als Gaal Dornick
Aus der überfluteten Welt in die Traufe: Lou Llobell als Gaal Dornick Bild: AP

Was können Prognosen nicht, und warum?

Ein kleiner Fachbeirat, auch für hochwertige Serien- und Kino-Science-Fiction leider nicht selbstverständlich, achtet bei dieser Produktion auf wissenschaftliche Plausibilität; er hat die eine oder andere Asimov-Idee verworfen, die schlecht gealtert ist. Eine ausführliche Kritik an den schwächeren Annahmen über Prognostik und deren soziale Resonanz, die Teile des Urtextes tragen, kann die Serie schon aus Formatgründen nicht leisten; die gibt es aber ohnehin längst – das Buch „Psychohistorical Crisis“ (2001) des Romanciers und Mathematikers Donald Kingsbury nämlich, in dem seit zwanzig Jahren zu lesen steht, was unterdessen Hypothekenkrach, Pandemie-Chaos und Klimastreit hart belegt haben: Wenn Expertise Vorhersagen aufstellt und dann präzisiert, kostet das immer öffentliche Diskussionsenergie und erzeugt dabei Abwärme, also Entropie, schlechthin Unordnung. Die oft beklagte Ineffizienz der brisantesten Modellbekanntmachungen in der politischen Sphäre ist aber, ganz wie Kingsbury in „Psychohistorical Crisis“ auf informationstheoretischer Grundlage darlegt, nicht primär Resultat verzwickter Wechselwirkungen von Wissen und Wollen verschiedener Gruppen oder ein Feedback-Effekt, bei dem die Reflexion das Reflektierte verzerrt. Selbst die Neigung vieler Leute, auf Wahlzetteln oder beim Einkaufen andere Entscheidungen zu treffen, als sie bei Umfragen ankündigen, also die von Ökonomen wie Timur Kuran untersuchte „Präferenzfälschung“, ist eher ein nachgeordnetes Phänomen in der Vorhersagelandschaft. Die Beratung der Gesellschaft (statt etwa nur: der Regierung) geht auch nicht deshalb so oft schief, weil „bildungsferne Schichten“ zu blöd wären, varianzstabilisierende Transformationen zu rechnen. Wer kein Kapital hat, muss vielmehr auf Benzinpreis, Mietspiegel und den Jobmarkt stärker achten als auf Modelle zur Erderwärmung, und drehsymmetrisch dazu hängt beispielsweise Geldpolitik auf der Habenseite (also fürs Kapital) von Verwertungsbedingungen ab, die keine Meinung formt. Alles, was die lebendige Arbeit entwertet (etwa Überproduktion) oder die Lieferketten stört, macht einfach Wert kaputt; die beste Vorhersage wiegt weniger als Luft, wenn Besitz und Macht ihre dicken Daumen auf die andere Waagschale drücken.

Der Konzeptkern von Asimovs „Foundation“ bleibt dennoch dramatisch aktuell. Denn das numerische Schätzen sozialpolitischer Trends, historisch hervorgegangen aus Demographie, Epidemiologie und Verwandtem, kann mit Jean-Jacques Rousseaus gefährlicher Idee einer „volonté générale“, eines Gemeinwillens, jederzeit sowohl konstruktiv wie destruktiv mobilisierend zusammenwirken. Um davon dann nicht kalt erwischt zu werden, muss Politik dieses Risiko kalkulieren lernen, wie das mit Émile Durkheim schon ein Mitbegründer der modernen Soziologie versuchte. Je schärfer aber das mathematische Besteck von Korrelationsauslegung, Verteilungslehre, Mittel- und Grenzwertforschung die soziale Welt an ihren Gelenken zerteilt und je dichter an einer Wahrscheinlichkeits­forschung sie sich entlangtastet, die einst als Philosophieren übers Glücksspiel bei ­Blaise Pascal und Pierre de Fermat begann und heute zwischen Likelihood-Inferenz und Bayesianismus beispiellos vielfältige Quantitäten verwaltet, desto schwammiger quasselt Meinungs-, Kommentar- und ­Grübelwesen zwischen Internet und Uni über die angebliche Unerkennbarkeit sozialer Handlungsdispositionen, in vermutlich aufrichtiger Verwirrtheit, für deren breites Auswalzen viel Geld und Zeit bereitstehen, die aber Kleingeld bleiben, vergleicht man das mit den Einsätzen der Spielmacher von Big Data.

Das Politikverständnis der allermeisten reicht unterdessen nicht mal mehr von Wahl zu Wahl, ja kaum von Talkshow zu Talkshow, sondern von Tweet zu Tweet. Aufklärung heißt jetzt, möglichst vielen eine Disziplin zu vermitteln, die nie zuvor „die Massen“, sondern allenfalls Päpste, chinesische Kaiser und sie beerbende Parteichefs zu schätzen wussten: datenwaches Denken im Weltmaßstab.

Foundation läuft bei Apple TV+, jede Woche erscheint eine von insgesamt zehn Folgen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Dath, Dietmar
Dietmar Dath
Redakteur im Feuilleton.
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