„The Crown“ Staffel 4

Erschütterungen im Hause Windsor

Von Ursula Scheer
15.11.2020
, 12:02
Und wo ist Charles? Irgendwo abseits des Blitzlichtgewitters, das auf Diana (Emma Corrin) niedergeht.
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In der vierten Staffel von „The Crown“ betritt Lady Diana die Bühne. Doch größer erscheinen die Queen und Margaret Thatcher. Sie dominieren das royale Theater auf zwiespältige Weise.
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Das Hochzeitskleid, diese ikonische Explosion aus Seidentaft, hat einen grandios ungrandiosen Auftritt: Als die künftige Prinzessin von Wales vor dem großen Schauspiel schmal und allein durch die monumentalen Hallen im Buckingham-Palast schreitet, versunken in dem nicht weniger monumentalen Brautgewand, gönnt uns die vierte Staffel des Höchstglanz-Royality-Dramas „The Crown“ nur eine Rückenansicht der weißen Gestalt, die ihrem Schicksal zustrebt und es zugleich verkörpert: als Nemesis der Windsors.

Das ist fast schon alles, was von der medial bis in den letzten Winkel ausgeleuchteten und im kollektiven Bildgedächtnis bestens konservierten Eheschließung des Jahrhunderts reinszeniert wird. Der Rest sind Proben für das Theaterstück in der St.-Pauls-Kathedrale, ein enerviertes „Ja, ja“ von Prinz Charles (Josh O’Connor) und Dianas fragende Augenaufschläge von schräg unten angesichts dieses Sprechakts. Als mit größten Erwartungen konfrontierter Neuzugang des Ensembles ist Emma Corrin in der Rolle Diana Spencers ein Glücksgriff. So viel steht von ihrem ersten Auftritt an als elfenzartes Fabelwesen – ein verrückter Baum – aus Shakespeares „Mittsommernachtstraum“ fest.

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Zur Audienz mit der Eisernen Lady

Und doch tut Serienschöpfer Peter Morgan gut daran, die ermüdend auserzählte und trivialisierte Diana-Tragöde (ebenso aufmerksamkeitssüchtige wie herzwärmende und seelisch instabile Unschuld aus noblem Hause heiratet von dessen Mutter dominierten Doch-nicht-Traumprinzen mit Selbstwertproblemen, der eine andere liebt) als einen von drei Erzählsträngen in seiner Bedeutung zu relativieren und zwei andere Frauen in den politischen Dramen der Zeit spielen zu lassen, jenseits der Märchenvorstellung.

Mit Haarhelm in die Schlacht: Gillian Anderson als Margaret Thatcher.
Mit Haarhelm in die Schlacht: Gillian Anderson als Margaret Thatcher. Bild: Des Willie/Netflix

Margaret Thatcher betritt in Gestalt von Gillian Anderson die Bühne, um in den Audienzen-Nahkampf mit der von Olivia Colman matronenhaft gravitätisch verkörperten Queen zu treten. IRA-Terror, soziale Verwerfungen des Thatcherismus, Falkland-Krieg, rollende Köpfe grauhaariger Herren in der Regierung und eine Premierministerin, die als erste Frau im Amt „nein, nein“ skandiert: Wir haben all das schon als emanzipatorische Heldinnengeschichte im Kino mit Meryl Streep in der Hauptrolle gesehen. Anderson scheint als britisch-amerikanische Schauspielerin mit Akzent-Bilingualismus, mit Können und präzise geschnittenen Gesichtszügen wie gemacht für die Nachfolge – und überreizt dann doch ihr Spiel als Eiserne Lady. Mimische Verspannungen, die an Symptome neurologischer Störungen denken lassen, waren Margaret Thatcher dann doch nicht zu eigen, und das Sätze in Worte und Silben zerhackende Betonungs-Stakkato wirkt eher wie eine Persiflage auf den Duktus der umstrittenen Konservativen als eine Anverwandlung.

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Im Kontrast dazu gewinnt die steife Oberlippe Colmans an suggestiver Ausstrahlung, und das Ringen der einander ebenso ähnlichen wie unähnlichen Frauen an der Spitze des Staatswesens um die britische Haltung gegenüber dem Apartheidsregime in Kapstadt avanciert zu einem der Höhepunkte der Staffel: „Black Lives Matter“ avant la lettre. Die Königin steht in der royalistischen Inszenierung auf der richtigen Seite der Geschichte, wenn auch ihr Sprecher Michael Shea (Nicholas Farrell) als Bauernopfer herhalten muss. Die Krone siegt, im Namen der Humanität in der Commonwealth-Familie, über näherliegende menschliche Interessen, natürlich auch die der eigenen Familie. Während Thatcher als von mütterlichen Instinkten Fehlgeleitete gezeichnet wird, mithin als wandelnder Selbstwiderspruch zwischen Küche und Kabinett, stellt die Queen ernüchtert fest, dass ihre direkten Nachkommen allesamt verkorkst sind, was insbesondere im Falle Andrews wie eine in die Vergangenheit projizierte Prophezeiung wirkt.

Im Spiegelkabinett der mächtigen Mütter

Doppelbelastete Mütter im Spiegel, dreifach seitenverkehrt: So setzt Morgan das ins Bild, wenn Elisabeth II. sich vor dem Badezimmerspiegel die Zähne putzt, Margaret Thatcher am Schminktisch Ohrringe anlegt wie Rüstungsteile, Diana nach einer ihrer Ess-Brech-Attacken ins eigne Antlitz schaut. Wohltuend ist es da, wenn in die Selbstreflexionen teilweise reichlich wehleidiger Privilegierter die Wirklichkeit der Unterprivilegierten einbricht. Sprichwörtlich geschieht das in der Episode, die den arbeitslosen Anstreicher Michael Fagan (Tom Brooke) ins Zentrum stellt, der, verzweifelt und wohl auch geistig ein wenig verwirrt, in die Londonder Residenz der Königin einsteigt, um bei der obersten Chefin Beschwerde über die Zustände im Land einzureichen. Was die beiden miteinander beredet haben, bevor die Polizei kam, bleibt ihr Geheimnis. „The Crown“ malt es sich aus.

Immer noch obenauf: Königin Elisabeth II. (Olivia Colman).
Immer noch obenauf: Königin Elisabeth II. (Olivia Colman). Bild: Liam Daniel/Netflix

Ein weiteres Streiflicht auf mentale Gesundheit, dieses Mal verbunden mit dem Elend der Existenz in dynastischen Nebenlinien, wirft die Folge, in der die zweite Margaret, die Schwester der Königin, entdeckt, dass zwei retardierte Cousinen mütterlicherseits seit der Thronbesteigung Georges VI. versteckt in einer psychiatrischen Klinik leben. Irrenhaus und Adelshaus: Morgan macht das in Schnitt und Gegenschnitt zu einer Frage der Perspektive, und Helena Bonham Carter hat einen letzten glänzenden Auftritt als unglückliche Prinzessin der älteren Generation – wie Anne aus dem Rampenlicht verdrängt von dem Lämmchen im Pullover mit dem berühmten einzelnen schwarzen Schaf. Was bleibt, sind die Männer, allesamt supporting acts, aus denen Josh O’Connor als zerquälter und quälender Prinz Charles herausragt.

Für den Fall der Berliner Mauer ist schlicht keine Zeit in dieser Palast-Revue der achtziger Jahre, dafür zur Freude des amerikanischen Publikums (und womöglich, wie so manch anderer Punkt, auch der Netflix-Produzenten Harry und Meghan) für Dianas Reise in die Vereinigten Staaten, wo sie an Aids erkrankte Kinder umarmte. Am Ende ist keiner der fehlerhaften Protagonisten ungeschoren geblieben, Außenseite wurden Insider und umgekehrt, doch haben alle Gnade gefunden. Das Ensemble, das in Staffel fünf durch ein neues ersetzt werden wird, kann Verbeugungen erwarten. Auch bei Netflix wankt das Haus Windsor nicht.

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Die vierte Staffel von „The Crown“ ist von Sonntag, 15. November an auf Netflix abrufbar.

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Trailer
„The Crown“ - Staffel 4
Video: Netflix, Bild: Netflix
Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Scheer, Ursula
Ursula Scheer
Redakteurin im Feuilleton.
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