Serie „Impeachment“ bei Sky

Als Bill Clinton keine sexuelle Beziehung hatte

Von Nina Rehfeld, Sedona
28.09.2021
, 18:30
Haben was zu beraten: Sarah Paulson als Linda Tripp (links), Beanie Feldstein als Monica Lewinsky
Die Serie „Impeachment“ blickt zurück auf die Lewinsky-Affäre, und zwar aus Sicht der Frauen. Monica Lewinsky hat sich von Ryan Murphy als Koproduzentin gewinnen lassen. Aus einem einzigen Grund.
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„Finden Sie nicht, dass dies den Präsidenten der Vereinigten Staaten in große Verlegenheit bringt?“, wird in der zweiten Episode von „American Crime Story: Impeachment“ eine junge Frau namens Paula Jones (Annaleigh Ashford) aus Arkansas in einem Fernsehinterview gefragt. Sie behauptet, der damalige Gouverneur Bill Clinton habe sich ihr gegenüber entblößt und sexuelle Avancen gemacht.

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„Wissen Sie“, sagt die junge Frau perplex, „ich habe dies nicht getan. Er ist derjenige, der mir etwas angetan hat. Er hat sich selbst in diese Lage gebracht.“ Es ist die Nachstellung einer Szene, die so im Juni 1994 im amerikanischen Fernsehen zu sehen war. Die CNN-Journalistin Judy Woodruff stellt diese Frage tatsächlich.

Mehr als fünfundzwanzig Jahre ist es her, dass Jones auf einer Entschuldigung des Präsidenten bestand. Sie brachte ihr Anliegen vor das Oberste Bundesgericht; es sollte zum Zündfunken des Amtsenthebungsverfahrens gegen Clinton werden. Ryan Murphys „Impeachment“, die dritte Staffel seiner „American Crime“-Reihe nach „The People v. O.J. Simpson“ und „The Assassination of Gianni Versace“, erzählt all dies nun nach, und es ist eine sehenswerte Retrospektive.

„Es gibt kein sexuelles Verhältnis“

Die zentrale Figur des Skandals freilich war Monica Lewinsky, damals zweiundzwanzig Jahre alt. Als Praktikantin im Weißen Haus hatte sie eine achtzehn Monate währende Affäre mit Clinton, die während des von Paula Jones begonnenen Prozesses öffentlich wurde. Dass Clinton unter Eid beteuerte, „es gibt kein sexuelles Verhältnis“ mit Lewinsky, führte zur Anklage wegen Meineids und Justizbehinderung und schließlich zum Impeachment-Verfahren. Clinton überstand das Verfahren. Monica Lewinsky wurde zu einer Paria und zum Ziel endloser schaler Witze.

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Die Hauptfigur der Serie ist zunächst nicht Lewinsky (Beanie Feldstein), sondern Linda Tripp, von Ryan Murphys Muse Sarah Paulson mit Hingabe gespielt (schon in „The People v. O. J. Simpson“ war sie als Staatsanwältin Marcia Clark die heimliche Hauptfigur). Tripp ist eine Regierungsmitarbeiterin niederen Ranges. Ihre Versetzung aus dem Weißen Haus ins Pentagon nimmt sie als Erniedrigung wahr. Mit einem Enthüllungsbuch über das Weiße Haus will sie die Aufmerksamkeit erlangen, die sie zu verdienen meint. Als ihr Monica Lewinsky über den Weg läuft und sie zu ihrer Vertrauten in Sachen Clinton macht, scheint der Plan aufzugehen.

Romantische Geschenke im West Wing

„Impeachment“ erzählt den Skandal aus der Perspektive der Frauen: Paula Jones, Linda Tripp, Monica Lewinsky. Es sind Frauen, die von Männern, aber auch von anderen Frauen manipuliert und verraten werden. Es ist dem gewohnt scharfen Blick Ryan Murphys und seiner Autoren zu verdanken, dass diese hier mehr sind als die Opfer männlichen Machtdünkels und sexueller Vorteilsnahme – und dass auch Clinton, gespielt von Clive Owen, nicht als Monster erscheint.

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Feldsteins Lewinsky ist eine romantisch verblendete junge Frau, die sich Hals über Kopf in eine Affäre mit dem Präsidenten stürzt. Sie sitzt fiebernd vorm Telefon, sie besucht ihn im West Wing dauernd mit Geschenken und will ihn auch noch beschützen, als er sie kaltstellt.

Als man sie ins Pentagon versetzt, weg von Clinton, macht sie die Bekanntschaft von Linda Tripp. Paulson spielt Tripp unter einigen Schichten von Latex und Make-up als burschikose Person ohne Illusionen, die mit gnadenloser Entschlossenheit vor allem in eigener Sache unterwegs ist. Tripp ermutigt Lewinsky, Beweise gegen Clinton zu sammeln, „als Versicherung“. Sie verachtet den Präsidenten. Aber ob Tripps Aktionen politisch motiviert sind, ob sie aus Rachsucht oder Kränkung handelt oder ob sie schlicht den Buchdeal mit der auf Sensationsstoffe abonnierten Verlegerin Lucianne Goldberg (Margo Martindale) unter Dach und Fach bringen will, bleibt vorerst offen.

Ashfords Paula Jones schließlich ist eine unbedarfte junge Frau aus dem ländlichen Arkansas. Während ihr Mann nahezu platzt vor Wut, eher über seine als ihre Ehrverletzung, erscheint sie als eine der wenigen Figuren, die ohne Kalkül agiert.

Eine unwiderstehliche Sirene

Für die wahre Monica Lewinsky, inzwischen 48, ist die Serie alles andere als willkommen. Sie fungiert zwar als Produzentin von „Impeachment“, aber in der widerwilligen Erkenntnis, dass Murphys Geschichte erzählt werden würde, und sie lieber mitwirken als abseits stehen wollte, wie sie der New York Times sagte. Als sie sich nach dem Skandal als Handtaschendesignerin und Sprecherin der Diätfirma Jenny Craig versuchte, echauffierte man sich darüber, sie versuche aus ihrem „zweifelhaften Ruf“ Profit zu schlagen.

Die „echte“ Monica Lewinsky bei der Premiere von „Impeachment: American Crime Story“ (dpa)
Die „echte“ Monica Lewinsky bei der Premiere von „Impeachment: American Crime Story“ (dpa) Bild: dpa

Als sie kurz eine Datingshow namens „Mr. Personality“ moderierte, hieß es, sie habe nun wohl die richtige Nische gefunden; Lewinsky galt vielen als Opportunistin, die der amerikanischen Demokratie geschadet habe. Bill Clinton bekräftigte das in seiner Biographie „My Life“, in der er 2004 Lewinsky als unwiderstehliche Sirene darstellte.

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Er selbst ließ sich als coolsten amerikanischen Präsidenten feiern. 2005 zog Lewinsky zum Psychologiestudium nach London und zeigte sich erst 2014 wieder in der Öffentlichkeit – um sich endlich ihrer eigenen Geschichte zu bemächtigen, wie sie in der Vanity Fair schrieb. Sie bekräftigt noch immer, dass es sich um ein einvernehmliches Verhältnis handelte. Freilich wird inzwischen anders über Machtgefälle in Beziehungen nachgedacht, auch von Lewinsky.

Vergangenheit und Gegenwart integriert

„Impeachment“ rollt den Clinton-Skandal aus dem Blickwinkel der MeToo-Ära auf. Deren Dreh- und Angelpunkt, die Frage, wem zu glauben ist, ist das bestimmende erzählerische Element, nicht nur mit Blick auf die Frauen, die Clinton bezichtigen. Die späten Neunziger waren auch die Kindertage des Blog-Booms, als sich Leute wie Matt Drudge mit Klatschwebsites wie dem Drudge Report hervortaten und mit halb garen Skandalstorys den professionellen Journalismus zu unterlaufen begannen, was die Nachrichtenleute unterschätzen.

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In einer Szene sagt der Newsweek-Reporter Michael Isikoff (Danny Jacobs) zu Drudge (Billy Eichner): „Ich glaube kaum, dass unbelegter Internet-Klatsch das Nachrichtengeschäft ins Wanken gebracht hat.“ Kurz darauf klaut Drudge ihm die Exklusiv-Story über Clintons angebliche sexuelle Übergriffe – ohne die Belege, an deren Erlangung Isikoff hart arbeitet.

Als Ryan Murphy Monica Lewinsky bat, als Produzentin an der Serie mitzuwirken, tat er das der New York Times zufolge mit den Worten: „Niemand außer Ihnen selbst sollte diese Geschichte erzählen, sonst ist es eklig.“ Lewinsky habe nicht zuletzt eingewilligt, um die Vergangenheit und die Gegenwart zu integrieren. Ebendas hat „Impeachment“ im Sinn.

Impeachment, 20.15 Uhr bei Sky Atlantic

Quelle: F.A.Z.
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