SciFi-Western „Outer Range“

Mitten in der Prärie geht es zum Hades

Von Nina Rehfeld, Sedona
28.04.2022
, 22:16
Das große Dunkel: Royal Abbott (Josh Brolin) gewärtigt auf seinem Weideland einen rätselhaften Krater.
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Die Serie „Outer Range“ ist ein aktueller Western, ein Thriller und Science Fiction, und das ist ziemlich faszinierend. Die Landschaft von Wyoming und Josh Brolin mittendrin sind die Stars.
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Wer hat sich nicht schon einmal gewünscht, es würde sich ein Loch in der Erde auftun, in das man seine Sorgen, Nöte und belastende Dinge werfen kann? Eben so ein Loch erscheint in Brian Watkins’ Amazon-Serie „Outer Range“ auf dem Land des Ranchers Royal Abbott (Josh Brolin). Aber die Dinge wollen mitnichten einfach darin verschwinden.

„Outer Range“ ist ein zeitgenössischer Western, und zu Beginn meint man sich in einer Variation von Kevin Costners Epos „Yellowstone“ wiederzufinden. Ähnlich wie die Duttons in Montana ringt hier die Familie Abbott – neben Royal seine Frau Cecilia (Lily Taylor), die Söhne Perry (Tom Pelphrey) und Rhett (Lewis Pullman) und Perrys junge Tochter Amy (Olive Abercrombie) – in Wyoming mit vergangenen und drohenden künftigen Verlusten. Amys Mutter Rebecca ist vor Monaten spurlos verschwunden, und Sheriff Joy (Tamara Podemski), die als indigene Gesetzeshüterin vor der Wiederwahl besonderen Herausforderungen gegenübersteht, beabsichtigt, die Suche nach ihr einzustellen. Royal muss sein Land gegen den Zugriff des benachbarten Ranchers Wayne Tillerson (Will Patton, auch in „Yellowstone“ zu sehen) verteidigen, der die westlichen Weiden der Abbott-Ranch als sein Eigentum betrachtet – ebendort hat sich das dunkle Loch aufgetan, von dessen Existenz zunächst offenbar nur Royal weiß. Aber auch die mysteriöse junge Autumn (Imogen Poots), eine Hippie-Vagabundin, die Royal eher widerwillig auf seinem Land zelten lässt, meint hier etwas ganz Besonders verorten zu können.

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Chaos bis ans bittere Ende

Tatsächlich ist die Landschaft in dieser Serie, eingefangen von den Kameraleuten Drew Daniels, Jay Keitel und Adam ­Newport-Berra, gewaltig, berauschend, erschreckend. Watkins, ein junger Dramatiker, der hier seine erste TV-Serie präsentiert, sagte in einem Gespräch mit der Website Metacritic, er sei selbst in den Landschaften des amerikanischen Westens groß geworden, „die innere Landschaften prägen“. Die Dominanz des Menschen über die Natur ist hier eine lachhafte Illusion, und dass Cormack McCarthy und Sam Shepard zu den prägenden Einflüssen von Watkins zählen, ist nicht zu übersehen.

Die Natur ist hier mitnichten gütig und romantisch, sie steht vielmehr im kalten Kontrast zu den Bemühungen der Figuren, den Dingen einen Sinn zu geben. Zu Beginn der dritten Episode entfaltet sich eine beinahe biblische Montage: Aus der unruhigen Ursuppe erwachsen Berge und Täler und Wälder und Tierherden, sie entstehen und vergehen ebenso wie die Menschen. „Es gab Stürme und Jahreszeiten und Zäune und Blut, Wunder und Rache und Reue“, sagt Royal Abbott aus dem Off. „Und das Land und der Himmel scherten sich einen Scheiß darum.“ Und auch dieses verdammte Loch bietet nicht Erlösung, wie das womöglich in anderen Science-Fiction-Stücken der Fall wäre. Es wirkt vielmehr als ein Symbol einer Ära, in der es keine Zufluchten mehr zu geben scheint, in der alle Gewissheiten sich auflösen und vermeintlich stabile Strukturen einem unerbittlichen Wandel unterworfen sind. „Haben Sie sich je gefragt“, sagt Royal Abbott zu Sheriff Joy, „ob die Welt gar nicht das ist, für was Sie sie halten? Kein Gesetz, keine Ordnung, sondern nichts als Chaos bis ans bittere Ende.“ Und doch bleibt ihm nichts, als sich mit den Kräften, die da wirken, zu arrangieren, seine Familie und sein Land zu beschützen – und einen Deal mit Autumn zu machen, die zu viel weiß und das fragile Gleichgewicht, um das Abbott ringt, mit einer einzigen Geste zunichtemachen kann.

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© YouTube/Prime Video

„Outer Range“ hat viel zu bieten – das Spiel von Josh Brolin und Will Patton etwa, die als zwei höchst unterschiedliche Figuren miteinander kontrastieren. Pattons Tillerson ist ein manischer alter Mann, zerfurcht von einer gescheiterten Ehe und verfallender Gesundheit, der von der dunklen Energie eines bösen Magiers zehrt. Brolins Abbott ist ein stiller, geradliniger Typ, dessen harte Schale kaum seinen inneren Aufruhr über die Abwesenheit jedweder moralischen Gefüges der Welt zu verbergen mag. Die Geschichte verdichtet sich mit dramatischen Entwicklungen zu einem Thriller, der seine Geheimnisse über die ersten vier Episoden wohldosiert preisgibt. Vor allem aber schafft die Serie eine faszinierende Atmosphäre diffuser Verunsicherung, in der weder Demut noch Arroganz das Chaos zu besänftigen vermögen, und auch der liebe Gott sich offenbar einen Scheiß um den Kampf seiner Kreaturen schert, die Nerven zu behalten. In einem Tischgebet steigert sich Abbott in seiner Verunsicherung über das mysteriöse Loch in Rage. „Es herrscht eine große Distanz zwischen uns, eine große Leere“, adressiert er seinen Schöpfer. „Ich fordere dich auf, diese Leere zu füllen. Ich fordere dich auf, diese Leere zu füllen!“ Unterdessen macht man sich bei den Tillersons nebenan das Auseinanderbrechen der Welt ekstatisch zu eigen: Der jüngste der drei Tillerson-Söhne, Billy (Noah Reid), schmettert in Unterwäsche vorm Spiegel Popsongs, und Patriarch Wayne geriert sich im Zwiegespräch mit einem Büffelkopf als wahnsinniger Schamane.

„Outer Range“ greift die Verunsicherung auf, die Pandemie und politische und soziale Auflösungserscheinungen weithin verursacht haben. Aber die Serie versagt sich jeden Zynismus. Sie schöpft aus der poetischen Verbindung disparater Genres eine eigenwillige Betrachtung der menschlichen Existenz und erzählt dazu noch einen spannenden Thriller. Bleibt zu hoffen, dass die achtteilige Serie, von der Amazon jede Woche zwei Episoden veröffentlicht, ein gelungenes Ende findet.

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Outer Range läuft bei Amazon Prime.

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Quelle: F.A.Z.
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